INTERVIEW Für Werder „zu klein“, in Belgien ein Großer

Deniz Undav: „Manchmal muss ich mich kneifen“

Top-Scorer in Europas Top-Ligen: Deniz Undav ist der Spaß an seinem Job deutlich anzusehen.
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Top-Scorer in Europas Top-Ligen: Deniz Undav ist der Spaß an seinem Job deutlich anzusehen.

Es ist ein Fußball-Märchen, das Deniz Undav da gerade erlebt. Der gebürtige Achimer, der in seiner Jugend mal beim SC Weyhe und Werder Bremen spielte, steht mit Royale Union Saint Gilloise auf Platz eins der ersten belgischen Liga - als Aufsteiger! Und nicht nur das: Momentan ist der 25-jährige Mittelstürmer der beste Scorer (Tore und Vorlagen) in den Top-10-Ligen in Europa. Wow! Im Interview spricht Undav über seine beste Zeit als Fußballprofi - und über das, was noch kommen soll.

Brüssel/Syke - Es ist Freitag, der 12. November 2021. Deniz Undav und seine Frau Tanja strahlen um die Wette, lassen vor dem Rathaus in Achim zwei weiße Tauben fliegen. Soeben haben sie sich in seiner Geburts- und Heimatstadt das Ja-Wort gegeben. Nach der Trauung folgt (unter 3G-Bedingungen) noch eine große Party. Der 25-Jährige könnte nicht glücklicher sein. Es läuft alles wunderbar. Privat – aber auch beruflich. Undav ist Profifußballer beim belgischen Überraschungsteam Royale Union Saint Gilloise. Der Aufsteiger steht sensationell auf Platz eins der Jupiler Pro League, Belgiens erster Liga. Namhafte Teams wie der FC Brügge, RSC Anderlecht oder KRC Genk schauen auf zum kleinen Brüsseler Club. Dieser Höhenflug ist eng verbunden mit dem Namen Undav. Zehn Tore und acht Vorlagen in 14 Spielen – damit führt der Mittelstürmer mit türkischen und syrischen Wurzeln in den Top-10-Ligen Europas aktuell die Scorerwertung an (siehe Kasten). Vor Weltstars wie Karim Benzema, Mohamed Salah oder Robert Lewandowski. Grund genug, den Super-Scorer mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Zumal er aus der Region kommt. Beim TSV Achim fing er damals an, spielte danach in der Jugend für Werder Bremen und zwei Jahre beim SC Weyhe. In dieser Zeit dachte er auch mal daran, mit dem Fußball aufzuhören. Im Interview erklärt der Torjäger, warum. Undav (Lieblingsclub in Deutschland: Schalke 04) spricht auch über das Union-Märchen, seinen Sturmpartner, einen speziellen Torjubel und seine Karriere-Planung.

Topscorer aus den zehn besten Ligen Europas, Spitzenreiter als Aufsteiger in Belgien: Wie klingt das? Wie fühlt sich das an?
Auf jeden Fall sehr gut! (schmunzelt) Ein schönes Gefühl. Als Aufsteiger nach 14 Spieltagen mit vier Punkten Vorsprung da oben zu stehen – das ist schon eine Hausnummer und eine Ansage. Als Team sind wir überglücklich. Und die Erfolge wecken den Hunger auf noch mehr.

Die Übersicht zeigt es: Momentan ist Deniz Undav der beste Scorer (Tore und Vorlagen) in den zehn besten europäischen Fußball-Ligen.

Haben Sie diese tolle Zwischenbilanz schon richtig realisiert?
Man denkt sich: Es ist schon geil, das alles gerade mitzuerleben. Und ich muss mich manchmal kneifen.

Warum läuft‘s so gut?
Wir sind einfach eine geile Mannschaft, jeder bringt etwas Neues und Anderes ein. Wir haben Spaß, sind aber alle professionell, wenn wir professionell sein müssen. Jeder denkt zuerst ans Team. Und wir spielen seit anderthalb Jahren zusammen, das macht auch noch ein paar Prozent aus. Jeder weiß, was der andere macht – deshalb sind wir so stark.

Rein damit: 17 Tore und fünf Vorlagen steuerte Deniz Undav zum Aufstieg seines Clubs bei. Aktuell steht er in der ersten belgischen Liga bei zehn Treffern und acht Assists – macht 27 Tore und 13 Vorlagen in 40 Ligaspielen.

In Deutschland war der 1. FC Kaiserslautern 1998 als Aufsteiger sensationell Meister. Wird Union das belgische Lautern?
Ich kenne die Geschichte natürlich, aber ich kenne auch die von Hoffenheim. Die waren mal Herbstmeister und sind dann abgestürzt. Wenn’s mal nicht mehr so gut läuft, geht es ganz schnell runter.

Was ist denn möglich in dieser Saison? Schielen Sie schon ein bisschen aufs internationale Geschäft?
Über so etwas redet niemand bei uns, vielleicht denken es einige. Ich nicht. Es ist zwar alles schön im Moment, aber es kann so schnell gehen. Unser Ziel ist es, bis zur Rückrunde oben zu bleiben. Im Januar und Februar kommen direkt die vier stärksten Mannschaften nacheinander – dann werden wir sehen, wo wir stehen.

Sie sind nun seit anderthalb Jahren in Belgien. Wie kommen Sie dort zurecht?
Mittlerweile fühle ich mich sehr wohl. Am Anfang war es schwierig. Alles neu. Und meine Frau lebte noch nicht bei mir. Mit meiner Leistung war ich zunächst auch nicht so zufrieden. Aber als meine Frau zu mir nach Lier (eine knappe Stunde vom Stadion in Brüssel entfernt, hier ist Unions Trainingsgelände, d. Red.) gezogen ist, lief es Schritt für Schritt besser. Vom Schlechte-Laune-Deniz zum Immer-Strahlen-Deniz. Und das ist der Deniz, den die Mannschaft braucht. So kann ich am besten meine Leistung zeigen.

Wie klappt die Verständigung innerhalb der Mannschaft?
Mittlerweile prima. Ich spreche zwar weder Französisch noch Niederländisch, aber wir unterhalten uns sowieso fast ausschließlich auf Englisch – das funktioniert.

Welches Niveau hat die belgische Liga?
Ich habe in Deutschland noch nie in der ersten oder zweiten Bundesliga gespielt. Deshalb ist das schwer zu beurteilen. Ich glaube, die ersten fünf, sechs Teams könnten in der Bundesliga mithalten. Was ich sagen kann: Die Zweikämpfe werden hier sehr hart geführt. Es geht auf und ab, gibt wenig Pausen.

Dieses Duo tanzt die belgischen Abwehrreihen aus: Über seinen Sturmpartner Dante Vanzeir (rechts) und sich sagt Deniz Undav: „Da haben sich Zwei gefunden.“

Ihr belgischer Sturmpartner Dante Vanzeir kann auch Topwerte vorweisen (neun Tore, fünf Vorlagen). Was macht sie im meistens gespielten 3-5-2 zum kongenialen Duo?
Wir verstehen uns sehr gut, auf dem Platz und daneben. Wir machen viele Witze – aber wenn das Training oder das Spiel anfängt, sind wir konzentriert. Da haben sich Zwei gefunden. Ich bin eher der Stürmer, der auch ein bisschen Spielmacher ist. Er ist derjenige, der die Wege in die Tiefe perfekt läuft. Ich weiß genau, wann er startet und ich spielen muss. Und er ist extrem schnell.

Sie haben beim Torjubel kürzlich ein „T“ geformt. Was hat es damit auf sich?
Zweimal habe ich das sogar gemacht. Beim ersten Mal hatte ich sechsten Jahrestag mit meiner Verlobten Tanja. Und beim letzten Spiel gegen Charleroi (Undav traf doppelt, d. Red.) hatte sie Geburtstag. Das waren zwei kleine Grüße an sie, weil sie bei den Spielen nicht dabei sein konnte.

Besonderer Torjubel: Mit dem „T“ grüßt Deniz Undav seine Frau Tanja.

Bei belgischen Medien und Fans stehen Sie aktuell voll im Rampenlicht? Wie empfinden Sie das?
Man freut sich, wenn man merkt, dass die Fans einen so pushen. Es wird viel über Dante und mich gesprochen, aber die ganze Mannschaft ist für den Erfolg verantwortlich. Und wir müssen umso mehr machen, damit dieses schöne Gefühl bleibt.

Ihre vorzügliche Statistik wird auch international registriert. Gab es schon Anfrage größerer Clubs aus größeren Ligen?
Davon weiß ich nichts. Und mein Berater ist informiert, dass er mich nur ansprechen soll, wenn es etwas Konkretes gibt. Mein Kopf ist frei und voll bei Union. Wenn ich abheben würde, würde ich vielleicht nicht mehr treffen und wäre nicht mehr interessant. Deshalb: einfach Fußball spielen.

Sie haben einen Vertrag bis 2023, sind 25 Jahre alt. Wo wollen Sie in Ihrer Karriere noch hin? Welches Fernziel haben Sie?
So hoch wie möglich und bei einem großen Verein zu spielen, davon träumt doch jeder. Ein favorisiertes Land habe ich da nicht.

Im Interview mit dem belgischen „Sport/Voetbalmagazine“ haben Sie sogar von der deutschen Nationalmannschaft gesprochen. Nicht etwas hoch gegriffen?
Ich wurde gefragt, ob ich gerne für die Nationalmannschaft spielen würde. Natürlich – habe ich geantwortet. Aber ich weiß, dass es sehr, sehr schwer ist. Belgien ist eine kleinere Liga. Da muss man eine unfassbare Statistik haben, um überhaupt mal eingeladen oder richtig registriert zu werden.

Genau mit diesem Gesehen-Werden hatten Sie in Ihrer Jugend Probleme. Bei Werder Bremen mussten Sie 2012 gehen, weil Sie – wie Sie es selbst formulierten – „zu klein“ waren.
Und das hat echt wehgetan, gerade einem kleinen Jungen aus dem Bremer Umland. Es hat mich zwei, drei Tage beschäftigt, aber dann habe ich wieder nach vorne geguckt (mittlerweile ist Undav 1,78 Meter groß, d. Red.).

Verspüren Sie nun eine gewisse Genugtuung, weil Sie inzwischen Profi sind?
Schon ein bisschen. Vor allem, weil man damals auf andere, größere Stürmer gesetzt hat – und von denen hat es keiner geschafft. Ich bin aber nicht so ein Typ, der sagt: Ich will dort nie wieder hin, weil sie mich damals rausgeworfen haben. Wenn mal ein Angebot von Werder kommen sollte, müsste man gucken, ob es passt.

Lange her: Deniz Undav als B-Jugendlicher im Trikot des SC Weyhe.

Von Werder ging es zum SC Weyhe. Ein Jahr B-Jugend, ein Jahr A-Jugend – jeweils in der Regionalliga. In dieser Zeit, mit 17, haben Sie darüber nachgedacht, mit dem Fußballl aufzuhören. Warum?
Ich habe immer meine Tore gemacht, zum Beispiel um die 30 in der A-Jugend-Saison. Normalerweise bekommt man mit so einer Statsitik ein Angebot – oder zumindest ein Probetraining bei einem größeren Verein. Aber es kam nichts. Und ich dachte mir: Was bringt das noch? Ich kann machen, was ich will, aber es wird niemand aufmerksam auf mich.

Wie konkret waren Ihre Rückzugsgedanken?
Meinem Vater und meinem Onkel habe ich davon erzählt. Dass es so keinen Sinn macht, dass ich überlege, ganz aufzuhören. Sie haben mich mit sehr strengem Blick angesehen – und da wusste ich: Ich mache weiter (lacht).

Über den TSV Havelse, Eintracht Braunschweig II und den SV Meppen kletterten Sie die Karriereleiter nach oben. Warum dann der Wechsel nach Belgien?
Union wollte mich schon in meinem ersten Jahr in Meppen haben. Da kannte ich den Verein, ehrlich gesagt, gar nicht. Im zweiten Jahr kamen sie wieder, haben mich nach Belgien eingeladen. Trotz meiner guten Statistik ist kein anderer Verein in die Offensive gegangen – nur Union.

Wie sah das Werben aus?
Sie haben alles gegeben, alle zwei Tage meinen Berater angerufen. Ich habe gemerkt: Die kämpfen um mich, da bekomme ich zum ersten Mal richtige Wertschätzung. Das Gefühl kannte ich nicht. Ich wollte nicht in einer vermeintlich besseren Liga auf der Bank sitzen oder ausgeliehen werden. Deshalb habe ich mich für Belgien entschieden. Und es war goldrichtig! Ich bin glücklich, wie es läuft – und ich kann nicht genug davon kriegen.

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