INTERVIEW Ex-Werderaner sehr erfolgreich bei St. Pauli

Luca Zander - plötzlich Torjäger

Luca Zander vom FC St. Pauli bejubelt eines seiner beiden ersten Profi-Tore in Aue.
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„Eine kleine Erlösung“: Luca Zander bejubelt eines seiner beiden ersten Profi-Tore in Aue – die Pauli-Teamkollegen Omar Marmoush, Guido Burgstaller, Rico Benatelli und Adam Dzwigala (v.l.) scheinen kaum fassen zu können, dass der Rechtsverteidiger endlich mal getroffen hat.

Bei Werder Bremen hat Luca Zander den Durchbruch einst nicht geschafft - doch nun sorgt der Weyher beim Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli für Aufsehen. Sogar mit Toren. Im Interview spricht der 25-Jährige auch über Corona, den HSV und Stand up Paddling.

Hamburg – In der Anonymität der Großstadt lässt es sich ganz gut abtauchen. Dass er in Hamburg mal angesprochen wird, „hält sich total in Grenzen“, erzählt Luca Zander. Der 25-Jährige spielt seit seinem Wechsel von Werder Bremen seit nun fast vier Jahren für den Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli. Trotzdem erkennt ihn offenbar nicht jeder auf den Straßen der Hansestadt. Das dürfte sich jedoch ändern, wenn er so weitermacht. Der Weyher ist aktuell Stammspieler beim „Kiez“-Club und hat jetzt auch noch das Toreschießen für sich entdeckt – drei persönliche Erfolgserlebnisse in den vergangenen vier Spielen. Wie es sich anfühlt, welcher Teamkollege ihn nun öfter einladen muss und wie er mit seinem früheren Verein aus Bremen mitleidet, der mal wieder im tiefsten Abstiegskampf steckt, verrät Rechtsverteidiger Zander im Interview.

Erst gar keine Tore, plötzlich drei kurz hintereinander. Was haben Sie in Ihr Zielwasser gemischt?
Luca Zander (lacht): Ich würde sagen: Einen guten Schuss Glück, dass die Bälle momentan direkt vor mir runterfallen. Ich weiß auch nicht, woran es genau liegt – es klappt eben einfach.

Hat Trainer Timo Schultz Ihnen mehr offensive Momente verordnet, sollen Sie sich vorne öfter einmischen?
Der Trainer gibt natürlich vor, wer gerade bei Standards mit in die Box geht – und er hat offenbar etwas in mir gesehen, das gefährlich ist.

Was ist es?
Er findet mein Kopfballspiel ganz gut und hat gesagt, dass ich es auch im gegnerischen Strafraum einsetzen soll. Und es funktioniert ganz gut.

Wenn Luca komplett fit ist, ist er ein sehr wichtiger Spieler für uns. Das sieht man aktuell an seinen Leistungen.

St. Pauli-Trainer Timo Schultz über Luca Zander.

Sind Sie selbst überrascht, dass aktuell fast jeder Schuss ein Treffer ist?
Überrascht nicht wirklich. Aber ich kann sagen, dass es für mich eine kleine Erlösung war, mal zu treffen – nach so langer Zeit ohne eigenes Tor. Immerhin 62 Spiele.

Gegen Aue gelang Ihnen vor ein paar Wochen Ihr erstes Profitor überhaupt (per Kopf), im selben Spiel legten Sie direkt nach (mit rechts) – und nun auch noch das Erfolgserlebnis gegen Fürth (mit links). Wie fühlt sich das Toreschießen an?
Sehr gut! Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, was da in deinem Körper passiert. Man freut sich natürlich riesig und jubelt zusammen mit den Jungs. Das ist schon geil.

Wo soll das mit Ihnen und den Toren noch hinführen?
(schmunzelt) Mir ist bewusst, dass das Toreschießen nicht meine Hauptaufgabe ist. Schön, wenn es klappt. Aber lieber spiele ich hinten zu null und freue mich, wenn wir 1:0 gewinnen und jemand anderes das Tor macht.

Was sagen die Teamkollegen, besonders die Stürmer, zu Ihrer neu entdeckten Vollstreckerqualität?
Die Stürmer haben sich nicht besonders dazu geäußert, sie treffen ja auch ganz gut – und haben mich nicht nach Tipps gefragt (lacht).

Was mussten Sie springen lassen nach Ihrer Tor-Premiere?
Für die Mannschaft gar nichts. Aber ich habe mit Rico Benatelli so ein kleines Ding laufen. Immer, wenn einer von uns trifft, muss der andere ihn zum Essen einladen. Da habe ich jetzt noch ein bisschen was zu erwarten . . . Momentan geht es ja leider noch nicht.

Bei Ihnen läuft‘s wie geschmiert, bei der Mannschaft insgesamt auch. Warum?
Wir haben unsere Abläufe inzwischen gut verinnerlicht, Jeder weiß, was er zu tun hat – und was die anderen zu tun haben. Wenn sich etwas so eingeschliffen hat, sieht man es auf dem Platz und an den Ergebnissen.

Hadern Sie auch ein wenig damit, dass die Saison bald vorbei ist? Sonst könnte St. Pauli vielleicht noch richtig oben angreifen . . .
Ich sehe eher, wo wir herkommen. Wenn uns der jetzige Tabellenplatz und die Punktzahl im Winter erzählt worden wären, hätte es kaum einer geglaubt. Deshalb bin ich froh und dankbar, dass wir es so weit gebracht und bisher so eine starke Rückrunde gespielt haben. Was wäre, wenn – da denke ich eigentlich nicht dran.

Steckbrief

Name: Luca-Milan Zander
Alter: 25
Größe: 1,83 Meter
Verein: FC St. Pauli
Bisherige Vereine: SC Weyhe (Jugend), Werder Bremen (Jugend, U 23 und Profis).
Spiele: zwei Bundesligaspiele und 45 Drittligaspiele für Werder, 66 Zweitligaspiele (drei Tore) für St. Pauli.

Sie standen zuletzt fünfmal in Folge in der Startelf (vier Siege) und haben jeweils 90 Minuten absolviert. Sagen Sie sich: „Endlich verletzungsfrei“?
Leider ist es bei mir immer ein Thema gewesen, dass mich Kleinigkeiten oder größere Sachen wie eine Schulterverletzung zurückgehalten haben. Ich tue alles dafür, um fit zu bleiben.

Zu Beginn Ihrer Profizeit in Bremen hatten Sie einige Probleme mit der gestiegenen körperlichen Beanspruchung. Wie haben Sie die Schwachstellen in Hamburg in den Griff bekommen?
Ich bin vor und nach dem Training im Kraftraum, das ist normal. Dass man den Körper darauf vorbereitet, dass er täglich Spitzenleistung bringen kann. Damals bei Werder hatte ich auf einen Schlag deutlich mehr Belastung. Jetzt bin ich ein paar Jahre dran gewöhnt – und es spielt keine größere Rolle mehr. Im Moment fühle ich mich gut und bin fit – das genieße ich.

Sie dürfen spielen, müssen sich wie alle anderen Fußballprofis aber ständig testen und höllisch aufpassen. Wie sieht bei Ihnen ein freier Tag in Corona-Zeiten aus?
Meistens plane und mache ich nicht viel. Mit meiner Freundin Celina und unserem Hund (Golden-Retriever-Dame Shiva ist vier Jahre alt, die Redaktion) bin ich gerne im Jenischpark. Dort dürfen Hunde teilweise frei herumlaufen – und dort verbringen wir gerne mal ein paar Stündchen an der frischen Luft. Ansonsten reduzieren wir in der Freizeit die privaten Kontakte, das kennt ja jeder, um das Risiko möglichst klein zu halten. Dass keiner krank wird, steht über allem. In unserem Trainingszentrum werden wir deshalb vor jeder Einheit getestet.

Bei der Zweitliga-Konkurrenz gab es zahlreiche Corona-Fälle und bereits einigen Quarantänen. Wird Ihnen da ein wenig mulmig?
Nein, das nicht. Wir sind einfach froh, dass es uns nicht getroffen hat – und tun alles dafür, dass es so bleibt.

Was vermissen Sie am meisten, was gerade nicht geht?
Freunde in größeren Gruppen treffen. Und natürlich die Familie sehen – nicht mit schlechten Hintergedanken oder Sorge, dass doch etwas passieren könnte. Corona immer im Kopf zu haben, nervt schon.

Ihre Eltern und Ihre große Schwester wohnen nach wie vor in Weyhe. Wie intensiv ist gerade der Kontakt?
Wir sehen uns, aber sehr selten. Beim letzten Treffen haben wir mit Schnelltests gearbeitet. Meistens kommunizieren wir über WhatsApp oder Videochats. Man muss aber sagen: Gerade mit der Familie ist es am schönsten, wenn man sich live sehen kann.

Seit fast vier Jahren leben Sie in Hamburg. Wie wohl fühlen Sie sich dort als Buten-Bremer?
Ich bin sehr zufrieden hier. In den ersten paar Wochen nach meinem Wechsel habe ich im Hotel gewohnt, dann aber schnell eine Wohnung gefunden. Inzwischen bin ich auch einmal umgezogen, nach Altona – nicht weit weg vom Stadion, das passt. Ab und zu bin ich auch schon mit dem Fahrrad zum Training gefahren.

Haben Sie Lieblingsorte?
Den Elbstrand finde ich super, auch an der Alster hast du – besonders im Sommer – sehr viele Möglichkeiten. Stand up Paddling zum Beispiel, das haben wir auch schon mal mit der Mannschaft ausprobiert. Ich habe letzten Sommer damit angefangen – und hatte so viel Spaß, dass ich es öfter machen möchte.

Wie sehr haben Sie die stadtinterne Rivalität zum Hamburger SV inzwischen verinnerlicht?
Puh, die Frage ist schwer. Ich weiß, dass es die Rivalität gibt und dass die Hamburger Derbys immer schöne und besondere Spiele sind. Dabei würde ich es belassen.

Verdaddelt der HSV zum dritten Mal hintereinander den Aufstieg – oder packt er es?
Das mag ich gar nicht einschätzen. Die Tabelle ist im Saisonendspurt noch schief, es gibt viele Unbekannte.

Dann noch ein Wort zu Ihrem Ex-Club Werder. Gibt‘s dorthin Verbindungen?
Zu ,Zetti‘ (Ersatzkeeper Michael Zetterer) habe ich engen Kontakt. Auch, als er nach Holland ausgeliehen war.

Die Bremer kämpfen eine Etage höher als St. Pauli schon wieder ums nackte Überleben. Leiden Sie mit?
Wenn es passt, gucke ich mir alle Bremer Spiele an und bin noch Sympathisant bis Fan. Ich bin in diesem Verein quasi aufgewachsen, war als Kind und Jugendlicher oft im Stadion. Natürlich liegt mir Werder am Herzen. Deswegen drücke ich fest die Daumen – und glaube, dass sie es wieder schaffen, drin zu bleiben.

Woher kommt der Optimismus?
Ich kenne alle Leute, die dort momentan arbeiten – und habe großes Vertrauen in sie. Und Werder hat auch die Qualität, es zu schaffen.

Spielen Sie doch mal Prophet: Direkte Bremer Rettung oder wieder die Nervenschlacht Relegation?
Das ist immer schwer vorherzusagen. Und ich möchte am Ende auch nicht daneben liegen. Ich hoffe, sie schaffen es direkt.

Sie haben noch einen Vertrag bis 2023. Wie sehen Ihre Ziele für die kommende Saison aus?
Wir werden sehen, wie wir in die Saison reinkommen. Und für mich hoffe ich, dass ich fit bleibe und während der gesamten Saison am liebsten keine Trainingseinheit verpasse.

Die Profi-Anfänge bei Werder: Schon im Dezember 2013 durfte Luca Zander (rechts) ein bisschen beim Bundesliga-Team reinschnuppern. Damals hießen die Gegner im Bremer Training Eljero Elia (links) und Mehmet Ekici.

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