Leichtathletik als Teamwork: Sportliches Glück in den USA

Bothe lebt ihren amerikanischen Traum

Das Podium bei den Landesmeisterschaften verpasste Carolin Bothe (Nr. 514) im Juni als Vierte über die 800 Meter nur äußerst knapp.
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Das Podium bei den Landesmeisterschaften verpasste Carolin Bothe (Nr. 514) im Juni als Vierte über die 800 Meter nur äußerst knapp.

Von Weyhe an den Michigansee: Seit etwas über zwei Monaten ist Carolin Bothe in den USA; um den Sport und das Studium auf für sie perfekte Art und Weise zu verbinden. Für die 23-Jährige, früher lange beim LC Hansa Stuhr, ist es eine andere Welt - die sie bereits zum zweiten Mal betritt.

Kenosha/Weyhe – Carolin Bothe fackelt nicht lange. Eine kurze Anfrage via Messengerdienst – und zwei Minuten später steht die Telefonverbindung zwischen Norddeutschland und dem Lake Michigan. Ihr gehe es bestens, versichert die junge Sportlerin: „Das Studium ist top, das Training ist super, und mit meiner Mitbewohnerin hatte ich auch Mega-Glück.“ Eine Sache ist da aber dann doch, die ihr nicht ganz geheuer erscheint: „Es wird hier gerade merklich kühler.“ Aber dazu später mehr.

Bothe – 23 Jahre jung, Studentin, Leichtathletin, zuletzt wohnhaft in Weyhe – ist seit zwei Monaten in den Vereinigten Staaten von Amerika zu Hause. Genauer gesagt: in Kenosha am Westufer des Michigansees. Eine für US-Verhältnisse durchaus idyllische Stadt mit einem grünen Park direkt am Hafen. Im August 2020 war es vorbei mit der Gemütlichkeit. Panzerähnliche Fahrzeuge rollen durch eine brennende Stadt, nachdem der Afroamerikaner Jacob Blake von einem Polizeibeamten rücklings erschossen wurde. Die Black-lives-Matter-Bewegung geht auf die Straße, Donald Trump schickt die Nationalgarde nach Kenosha. Die Stadt erlangt kurzzeitig traurigen Weltruhm.

Leichtathletik als Teamwork

14 Monate später ist Präsident Trump Geschichte, Kenosha zur Ruhe gekommen. Die ansässige „Kenosha News“ berichtet wieder über Internetprobleme im ländlichen Raum. Auch über das Leichtathletik-Team der University of Wisconsin-Parkside sind dort Texte zu finden. Es nennt sich Rangers Athletics. Und Bothe trägt in dieser Saison sein dunkelgrünes Shirt.

Was man wissen muss: die Leichtathletik funktioniert in den USA anders als hierzulande. „In Deutschland wird unsere Sportart ja immer sehr individuell betrachtet, nur einzelne Top-Performer spielen eine Rolle“, sagt Bothe: „In den USA gibt es aber bei jedem Wettkampf auch eine Teamwertung.“ Daraus entwickele sich mit der Zeit ein ganz anderes Miteinander. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist ein Grund dafür, warum es Bothe in diesem Sommer erneut über den Atlantik zog. Sie hatte es nämlich bereits 2016 genossen.

Studieren an der „amerikanischen Riviera“

„Ich hatte gerade mein Abitur gemacht, wusste aber noch nicht so wirklich, was ich studieren möchte“, erinnert sie sich. Ein Traum sei es gewesen, mal für eine längere Zeit im Ausland zu leben. Work and Travel war keine Alternative. „Ich wollte nicht mit der Leichtathletik aufhören, nicht mal eine Pause machen.“ Und so kamen die USA mit ihrem College-System ins Spiel. „Für mich war es die perfekte Variante, um Studium und Sport sinnvoll zu verbinden.“

Bothe, damals 18, wird in Kalifornien fündig, für zwei Semester besucht sie das Santa Barbara City College (SBCC). Die Stadt – häufig als Zentrum der „amerikanischen Riviera“ bezeichnet – punktet mit einer Sonnengarantie, mit langen Sandstränden, mit pittoresker Promenade, mit einem südeuropäisch anmutenden Ortskern. Wenn Bothe hier trainiert, schaut sie vom Sportplatz direkt auf den pazifischen Ozean, im Hintergrund türmen sich die Santa Ynez Mountains. Spektakulär. „Die Stadt und die Umgebung sowieso“, sagt Bothe: „Aber diese College-Erfahrung machen zu dürfen, war für mich etwas ganz Besonderes.“

2018 in Kalifornien: Carolin Bothe mit Teamkolleginnen des Santa Barbara City Colleges.

Der Sport habe in den Staaten einfach eine andere Strahlkraft. „Es ist so, wie man es aus Filmen kennt. Du hast dort einfach ein anderes Standing. Du wirst als Sportlerin anders wahrgenommen und unterstützt“, betont die Studentin. Natürlich spielten hier auch die besseren finanziellen Möglichkeiten der Hochschulen mit rein. „Erst mal hast du total professionelle Anlagen, du hast eigene, spezialisierte Trainer, du hast eine Physiobetreuung auf dem Campus“, zählt Bothe auf. Zudem würde auf die Bedürfnisse der Sportler und Sportlerinnen mehr eingegangen. Es gebe beispielsweise ein Erstzugriffsrecht bei der Anmeldung auf bestimmte Kurse: „Das ist einfach praktisch, um bestimmte Studieninhalte besser mit deinen Trainingszeiten in Vereinbarung zu bringen.“

Nach zwei Semestern, aus eigener Tasche finanziert, endet Bothes erstes US-Abenteuer. Zurück in Deutschland macht sie ihren Bachelor in Wirtschaftsrecht an der Universität Osnabrück. 2020 beginnt sie mit dem Master der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften in Oldenburg, ehe sich der Corona-Blues einschleicht. „Während des Lockdowns ist mir ein bisschen die Decke auf den Kopf gefallen. Und nach und nach habe ich gemerkt, dass ich eigentlich schon noch mal woanders studieren möchte“, erklärt Bothe.

Ein Erlass Bidens kommt Bothe kurzzeitig in die Quere

Sie wird aufmerksam auf die Agentur Scholarbook, die Stipendien von US-Colleges an deutsche Sportlerinnen vermittelt. Bothe schickt Zeugnisse, sportliche Leistungsdaten ein, außerdem ein Vorstellungsvideo. Elf Universitäten melden sich, mit dreien intensiviert sich der Kontakt via Skype. Die Wahl fällt auf die University of Wisconsin-Parkside. „Ich hatte direkt im ersten Gespräch mit dem Coach ein gutes Gefühl. Er war vorbereitet, wusste alles aus meinen Bewerbungsunterlagen und hatte mir sogar schon einen Kontakt zu einer möglichen Mitbewohnerin besorgt.“

Alles läuft also wie am Schnürchen, ehe die Mitteldistanzläuferin – früher zehn Jahre für den LC Hansa Stuhr aktiv – doch noch kurz ausgebremst wird; und zwar auf kuriose Art. Sie hat für den 18. Juni einen Termin im US-Generalkonsulat in Frankfurt/Main. Es soll um das Visum gehen. Bothe ist extra einen Tag früher angereist. Dann taucht eine Nachricht aus den USA auf dem Smartphone-Display auf: Präsident Biden Joe erklärt den „Juneteenth“ zum offiziellen Feiertag. Ab sofort soll das Datum an das Ende der Sklaverei erinnern. Und so bleiben auch alle Konsulate am Freitag geschlossen. „Blöd gelaufen“, lacht Bothe.

Im grünen Laufshirt der Parkside-Rangers ist Carolin Bothe seit Sommer 2021 unterwegs.

Wenig später klappt es mit dem Visum, am 16. August geht es über Bremen und Amsterdam zum Flughafen Chicago und weiter nach Kenosha. Bothe, in Deutschland seit 2017 für den OTB Osnabrück am Start, fasst direkt Fuß. Heimweh kommt nicht auf. „Von Tag eins an bist du drin im Team, man hat so viel um die Ohren mit dem Studium und dem Sport – da bleibt für solche Gedanken gar keine Zeit.“ Derzeit stehen viele Cross-Country-Läufe an. „Für mich sind diese ja eher ein notwendiger Kompromiss“, verrät Bothe mit einem Augenzwinkern. Ihre Spezialstrecke sind die 800 Meter auf der Bahn. Bei den Crossläufen geht es meist über sechs Kilometer querfeldein: „Mein Trainer versichert mir, dass ich gerade hinsichtlich Ausdauer und Kraft noch von der Cross-Saison profitieren werde.“ Zwei Outdoor-Meisterschaften stehen noch an, dann geht es in die Halle.

Pünktlich zur kalten Jahreszeit. Im Dezember, Januar und Februar verharren die Temperaturen im Minusbereich. Zuletzt sei es schon mal recht frisch gewesen, berichtet Bothe: „Da habe ich mich schon ein bisschen beschwert. Aber dann hörte ich, dass es hier in den letzten Wintern auch schon mal Minus 30 Grad gegeben haben soll . . .“ Für einige Sekunden ist die Leitung Norddeutschland – Michigansee tot: „Aber das war ja auch ein Grund für mich. Nach der Zeit am SBCC in Kalifornien wollte ich auch mal die andere Seite des Landes sehen.“ Das hat geklappt. So wie bisher alle US-Pläne Bothes.

In den USA ist der Sport viel mehr mit Show verbunden – dadurch bekommt er einen Event-Charakter. Und deshalb, glaube ich, wird er für viele Zuschauer, die eigentlich vielleicht gar nicht so viel mit der jeweiligen Sportart zu tun haben, noch einmal zugänglicher.

Carolin Bothe

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