Nach zwölf Jahren ist Schluss

Michael Steen gibt Spielausschuss-Vorsitz ab

Eisenbahnen und Spielpläne: Damit verbringt Michael Steen seine Freizeit. An seinem Computer in der Asendorfer Wohnung koordiniert der 73-Jährige die Termine des NFV-Kreises Diepholz – oder er schaut per Live-Cam zu, was gerade auf den Bahnhöfen dieser Welt (hier Warschau) los ist. In der Hand hält er den Stapel mit Verlegungswünschen der Vereine – nur aus der kürzlich vorzeitig beendeten Saison.
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Eisenbahnen und Spielpläne: Damit verbringt Michael Steen seine Freizeit. An seinem Computer in der Asendorfer Wohnung koordiniert der 73-Jährige die Termine des NFV-Kreises Diepholz – oder er schaut per Live-Cam zu, was gerade auf den Bahnhöfen dieser Welt (hier Warschau) los ist. In der Hand hält er den Stapel mit Verlegungswünschen der Vereine – nur aus der kürzlich vorzeitig beendeten Saison.

Eine kleine Ära geht im Fußball-Kreis Diepholz zu Ende. Michael Steen gibt seinen Job als Chef des Spielausschusses am Ende der verhagelten Saison ab.

Asendorf - Die Bilder auf dem Monitor zeigen den Bahnhof von Warschau. Hin und wieder fährt ein Zug vorbei. Recht unspektakulär eigentlich, aber Michael Steen verfolgt das Treiben in der polnischen Hauptstadt mit großem Interesse. Manchmal beobachtet er auch einen Bahnübergang in den Niederlanden oder den Schienenverkehr in Japan. Oder er schaut sich die schönsten Strecken Deutschlands im TV an.

Eisenbahnen – das ist ein liebgewonnenes Hobby des Asendorfers. Bei Youtube sucht er sich heraus, in welche Gegend er sich per Live-Kamera zuschalten lassen möchte. Das ist in gewisser Weise auch ein Ersatz dafür, dass er momentan nicht selbst unbeschwert umherreisen kann. Zugfahren ist in Corona-Zeiten kein Vergnügen. Weil auch der Fußball nach dem erneuten Saisonabbruch ruht und am Wochenende auf den Plätzen der Region nichts los ist, hat der 73-Jährige viel Zeit. Bald sogar noch ein bisschen mehr, wenn er das Amt des Spielausschuss-Vorsitzenden im NFV-Kreis Diepholz – wegen der Pandemie zuletzt nicht gerade ein vergnüglicher Job – nach 13 Jahren abgibt. Seinen Nachfolger Ralf Segelhorst hat Steen bereits eingearbeitet – und er urteilt: „Der Vorsitz kommt in gute Hände, Ralf ist ein Organisationstalent.“

Steckbrief

Name: Michael Steen

Alter: 73 Jahre

Wohnort: Asendorf

Beruf: im Ruhestand, gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann, arbeitete vor der Pensionierung in einem Bierverlag in Bruchhausen-Vilsen.

Vereine: Wandsbeker FC (als Aktiver in der Jugend), SV Bruchhausen-Vilsen, TSV Asendorf (als Schiedsrichter).

Schönste Auszeichnung: Silberne Ehrennadel samt Urkunde vom Niedersächsischen Fußballverband (NFV) – verliehen im Januar 2019 in Sudwalde von August-Wilhelm Winsmann, NFV-Vizepräsident und Vorsitzender des Fußballbezirks Hannover.

Privates: geschieden, zwei Söhne: Volker (46) und Andreas (43).

Hobbys: Fußball, Eisenbahn, Zug fahren.

Dass er Mitte der 70er-Jahre im Landkreis Diepholz landete, hat Steen seiner damaligen Frau, einer Brokserin, zu verdanken. Er ist gebürtiger Hamburger, spielte in der Jugend beim Wandsbeker FC. Ein Ballgenie, das sagt er selbst, war er nicht: „Und ich hatte auch keine Lust, abends noch zusätzlich zu trainieren.“ Seine beiden Söhne hatten mehr Begabung. Andreas (arbeitet inzwischen in Nienburg und hat aufgehört) war Torjäger beim SV Bruchhausen-Vilsen. Volker stand unter anderem beim TuS Syke, ASC Nienburg und Brinkumer SV zwischen den Pfosten. Nun kickt er in der „Alten Herren“ des Duvenstedter SV und wohnt in Hamburg. Und sein Sohn Louis ist Torwart bei den B-Junioren des Hamburger SV in der Regionalliga. „So schlecht kann er also nicht sein“, sagt Opa Michael, selbst HSV-Fan, mit einem Schmunzeln.

Steen selbst, früher Verteidiger, beendete seine aktive Laufbahn nach der A-Jugend. „Ich ging dann zur Bundeswehr und hatte keine Lust mehr“, erinnert er sich. Er machte anschließend eine Ausbildung, lernte seine Frau kennen, heiratete, zog zu ihr nach Broksen und hatte mit Fußball nur noch zu tun, wenn er seine Söhne zu deren Spielen begleitete. „In der B- oder A-Jugend haben sie dann aber gesagt: ,Du bleibst jetzt besser mal zu Hause’“, erzählt Steen und lächelt. Zu dieser Zeit wurde in Vilsen gerade ein Schiedsrichter-Lehrgang angeboten. Er machte mit und blieb dabei – fast 30 Jahre lang pfiff er Spiele auf Kreisebene und war im Bezirk als Assistent unterwegs. Vor ein paar Jahren hörte er auf: „Meine Fußballschuhe gingen kaputt – und ich dachte: Das ist jetzt ein Zeichen.“

Ich bin zwar Mitglied im TSV Asendorf – aber der Verein darf nicht darauf hoffen, dass ich ihm deshalb irgendwelche Vorteile verschaffe. In meiner Position muss ich 100-prozentig neutral sein, darauf müssen sich alle Vereine total verlassen können.

Spielausschuss-Chef Michael Steen

Während seiner Zeit als Unparteiischer, etwa Mitte der 90er, suchte der damalige Kreis-Schiri-Boss Hans-Jürgen Rupp einen Schiedsrichter-Ansetzer und fragte Steen. „Da ich Zeit hatte, habe ich es gemacht. So bin ich da reingeraten.“ Es war sozusagen der Beginn seiner Funktionärskarriere. Er wurde Staffelleiter in der 3. Kreisklasse, kam in den Spielausschuss und 2008 an dessen Spitze – als Nachfolger von Fritz Bünte. „Ich habe mir als Ziel gesetzt, es nicht länger als zwölf Jahre zu machen“, berichtet Steen, „also vier Amtsperioden. Denn ich will nicht, dass die Vereine hinter vorgehaltener Hand anfangen, mich zu hinterfragen.“

Eigentlich hätte er schon 2020 an Ralf Segelhorst übergeben wollen, doch dann grätschte Corona dazwischen. Der Kreistag mit den vorgesehenen Wahlen fiel flach und soll nun im Sommer nachgeholt werden. „Ich bin 73. Und wenn es jemanden gibt, der zehn Jahre jünger ist und dem ich es zutraue, dann soll er es machen. Da kann Ralf sich austoben“, meint Steen. Im Spielausschuss möchte er als Staffelleiter jedoch bleiben, „dann bin ich nicht völlig raus, zumal ich mich auch sehr daran gewöhnt habe. Und wenn Fragen auftauchen, bin ich gerne bereit zu helfen.“

Beim Rahmenspielplan braucht Steen „viel Kaffee“ – neue Saison soll Ende August starten

Ein bis zwei Stunden pro Woche beschäftigt sich Michael Steen während einer Saison mit Verlegungs-Anfragen von Mannschaften. Es sind ziemlich viele, in seiner Asendorfer Wohnung zeigt er einen daumendicken Papierstapel. „Wir sind Dienstleister für die Vereine, wie unser Kreis-Chef Andreas Henze so schön sagt. Wenn wir Wünsche erfüllen können, erfüllen wir sie auch. Wenn es aber nicht geht, sage ich auch mal: ,Tut mir leid, das kriegen wir nicht hin‘“, erzählt der Asendorfer.

Die meiste Arbeit bereitet das Erstellen der Rahmenspielpläne. Daran sitze er gut eine Woche. Acht Stunden pro Tag: „Immerhin haben wir insgesamt 2 600 Spiele. Und um den Überblick zu behalten, kann das nur einer alleine machen. Da muss dann viel Kaffee dabei sein . . .“ Normalerweise legt der Spielausschuss-Chef die Saisontermine immer schon im vorherigen Winter fest, doch wegen der Corona-Pandemie ist aktuell alles anders. „Wir können die neue Saison noch gar nicht richtig planen, weil wir nicht wissen, wann wir starten dürfen.“ Im Hinterkopf hat der 73-Jährige, dass es Ende August (nach den Sommerferien) losgehen kann.

Die Vereine konnten ab dem 30. April ihre Mannschaften für die neue Saison melden – die Frist endet wegen Corona diesmal aber später, erst am 23. Juni. Und erst danach (wenn feststeht, wer noch zurückzieht etc.) mache es Sinn, richtig in die Planungen einzusteigen. Gut für Steen: Die Klasseneinteilungen (teilweise mit zwei Staffeln) bleiben so wie in der Vorsaison, in der es keine Auf- und Absteiger gab. „Damit sind wir gut gefahren“, findet er.

Blickt Steen auf seine 13-jährige Amtszeit als Spielausschuss-Chef zurück, fällt ihm nur ein Fall ein, bei dem es mal größeren Ärger gab. Vor ein paar Jahren war der Platz der TSG Seckenhausen-Fahrenhorst gesperrt, die entsprechende Bescheinigung der Gemeinde habe der Verein während der Zehn-Tages-Frist jedoch nicht vorgelegt – trotz Mahnung. „Da musste ich ihnen drei Punkte abziehen, letztlich sind sie dann nicht aufgestiegen“, erinnert sich Steen: „Und ich bin in Seckenhausen ein, zwei Jahre der große Buhmann gewesen.“ Er habe die Anlage der TSG in dieser Zeit freiwillig gemieden, bei seiner Entscheidung allerdings keine Bauchschmerzen gehabt – denn: „Letztlich bin ich dafür verantwortlich, dass Satzung und Ordnung eingehalten werden. Und da kann ich keine Rücksicht nehmen.“ mr

Seit etwa einem Jahr läuft die Übergabe nun bereits, arbeiten Steen (zuständig für den Herrenbereich) und Segelhorst (Altherren) Hand in Hand. „Damit Ralf nicht ganz ins kalte Wasser geworfen wird“, betont Steen. Die vergangenen Monate waren natürlich vor allem geprägt durch Corona. Vor Ostern beispielsweise roch es nach Re-Start, der Spielausschuss hatte den angepassten Rahmenspielplan (mit den vielen Nachholpartien) bereits in der Schublade. Steen, Segelhorst und die Kollegen hatten die Ärmel hochgekrempelt – und krempelten sie wenig später wieder herunter. Zu hohe Inzidenzzahlen, kein Pflichtspiel-Comeback, die Arbeit quasi für den Papierkorb, später sogar (wie 2020) der vorzeitige Abbruch. „Das war schon die zweite Saison, die uns verhagelt wird. Das ist natürlich enttäuschend“, gibt Steen zu.

Allerdings lässt er sich nicht runterziehen: „Ich habe mir mit den Jahren abgewöhnt, frustriert zu sein. Früher habe ich mich immer geärgert, wenn ich Absagen wegen Unbespielbarkeit des Platzes bekomme habe – und genau wusste, der Platz ist nicht unbespielbar. Die wollen nicht. Aber das darfst du nicht so an dich ranlassen, dann wirst du verrückt.“ Flexibilität, Neutralität und Verlässlichkeit – das seien die wichtigsten Eigenschaften für diesen Job. Als Spielausschuss-Chef müsse man zudem ruhig bleiben und dürfe nicht hektisch werden.

Stolz: Beim Neujahrsempfang des Fußballkreises Diepholz erhielt Michael Steen (5.v.l.) 2019 die silberne Ehrennadel des NFV – die zweithöchste Auszeichnung des Verbands.

Und genau so ist Steen. Kreis-Boss Andreas Henze sagt über seinen langjährigen und geschätzten Kollegen: „Michael hilft dem Kreis mit seiner großen Erfahrung enorm. Wenn man etwas partout nicht ändern kann, versucht er es auch nicht krampfhaft. Er lässt sich aber auch nicht entmutigen und ist ein sehr ausgeglichener Mensch – und nicht der Typ, der in den Schreibtisch beißt.“ Stimmt das? Ja, schmunzelt Steen: „Ich habe keine Bissspuren am Schreibtisch oder an Kugelschreibern.“ Und wenn doch mal ein bisschen Ärger aufkommt, sagt er sich: „Einfach abschalten! Dann lege ich die Arbeit für ein paar Stunden beiseite und lese die Kreiszeitung oder so.“

Am liebsten würde er in seiner Freizeit bald wieder – ohne große Sorge vor einer Corona-Infektion – in den Zug steigen. Von Norddeich runter bis nach Bad Harzburg, von Norden nach Süden, von Westen nach Osten. Zwischendurch einfach aussteigen, wo es ihm gerade gefällt. Vor der Weiterfahrt mal gemütlich ein Eis essen – gerne auch in seiner Heimatstadt Hamburg. Die Trips mit dem Niedersachsen-Ticket, die er meistens in Syke startet, vermisst Steen sehr. Die erste Corona-Impfung hat er inzwischen bekommen, nach der zweiten Ende Juni „kann ich dann hoffentlich wieder etwas unternehmen“.

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