„Unvergesslich“

Ein 7:0 mit göttlichem Beistand: Schultens Sieg mit Twistringen gegen Syke

Hubert Schulten
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Stolz hält Hubert Schulten die „Kreiszeitung“ vom 7. Februar 1977 in die Kamera. „SCT las dem TuS Syke tüchtig die Leviten: 7:0!“, lautete damals die Überschrift.

Als wäre das Spiel erst vor einer Woche gewesen: Hubert Schulten erinnert sich noch an fast alles vom legendären 7:0 seines SC Twistringen gegen den TuS Syke im Februar 1977. Es war ein Derby mit besonderer Brisanz für den Ex-Trainer – und eine Vorentscheidung im Kampf um die Meisterschaft.

  • Schulten wartete vor der Kirche ungeduldig auf seinen Kapitän Heinz Wilkens.
  • Seine Zeit als Coach des TuS Syke war eher weniger von Erfolg gekrönt.
  • Sykes Torwart Heiner Rosan ging verletzt ins Spiel – und die Twistringer sollten „aus allen Lagen schießen“.

Twistringen – An der katholischen Kirche kommt in Twistringen keiner vorbei. Zumindest fast keiner. Diese Erfahrung machte auch Heinz Wilkens am 6. Februar 1977. Der damalige Kapitän des SC Twistringen, der seinerzeit in der renommierten Verbandsliga West an den Start ging (immerhin die zweithöchste Spielklasse im niedersächsischen Männerfußball), war erzkatholisch. Der obligatorische Besuch der sonntäglichen Messe in der imposanten Sankt-Anna-Kirche darf dabei natürlich nicht fehlen. Da ist es dann auch egal, dass wenig später ein wichtiges Lokalderby gegen den Erzrivalen TuS Syke ansteht, das den Weg zu der ersten Verbandsliga-Meisterschaft der Vereinsgeschichte ebnen könnte.

Doch der Überlieferung nach war an jenem Februartag nicht jeder Platz in der neugotischen Kirche besetzt. „Ich habe mir erzählen lassen“, sagt Hubert Schulten (81), damals Cheftrainer des SCT, mit einem Schmunzeln, „dass einige an diesem Sonntag nicht zur Kirche gegangen sind, sondern schon frühmorgens die Twistringer Kneipen aufgesucht hatten und direkt von dort aus zum Stadion gebummelt sind.“ Doch Wilkens, der fromme Katholik, ließ die Messe selbstverständlich nicht sausen. „Ich kann mich noch genau daran erinnern“, betont Schulten, „wie ich vor der Kirche ungeduldig darauf gewartet habe, dass Heinz endlich herauskommt.“ Immerhin war Stürmer Wilkens, der den Spitznamen „Goldköpfchen“ trug, damals der Starspieler seiner Mannschaft. „Doch er musste erst noch die Kollekte einsammeln“, berichtet der ehemalige Religionslehrer Schulten, selbst Protestant und Vater von zwei Kindern, mit einem breiten Grinsen.

Das war Heinz Wilkens’ zweiter Streich – und das dritte Twistringer Tor im Derby gegen den TuS Syke.

Als die Messe endgültig gelesen, der Klingelbeutel mehr oder weniger prall gefüllt war, trat Wilkens aus der Kirchentür heraus, sprang ins Auto von Schulten, um mit ihm schnellstmöglich Richtung Twistringer Stadion zu fahren. Dort warteten bereits die gut 2200 Derby-Zuschauer auf den Torjäger. „Der eine oder andere Stadionbesucher hat es mit der Messe am Morgen wohl doch nicht so genau genommen“, erinnert sich Schulten mehr als 44 Jahre später, ohne sich dabei ein erneutes Lächeln verkneifen zu können.

Dass das Lokalderby beim ehemaligen Fußballtrainer bis heute in bester Erinnerung ist, ist auch den damaligen Umständen geschuldet. Schulten war in der Vorsaison noch in Diensten des TuS Syke, nachdem er zuvor jahrelang die Twistringer gecoacht und sie von der Bezirksklasse bis in die Verbandsliga West geführt hatte. „Ich wurde mit dem Ziel nach Syke geholt, die Verbandsliga-Meisterschaft zu gewinnen. Syke wollte damals unbedingt aufsteigen“, erinnert sich der gebürtige Hildesheimer. Doch die zwei Spielzeiten beim TuS verliefen für den ehemaligen Rektor der Syker Grundschule Am Lindhof durchwachsen. Die Ansprüche waren am Ende zu hoch. Nach Platz neun in seiner Premierensaison landeten die Syker in der Serie darauf „nur auf dem sechsten Rang“, wie sich Schulten erinnert: „Das war den TuS-Verantwortlichen zu wenig.“ Also trennten sich am Ende der Saison 1975/76 die Wege von Schulten und dem TuS Syke. Der Pädagoge legte eine schöpferische Fußballpause ein. Doch sie sollte nicht allzu lange Bestand haben.

Schulten ist ein Verfechter des „Totalen Fußballs“

Schon kurz nach Beginn der Spielzeit 1976/77 titelte die „Kreiszeitung“ am 3. November: „Der Clou: Schulten für Adelt.“ Ausgerechnet Hubert Adelt, den Schulten zusammen mit dem SCT-Vorstand als seinen Nachfolger ausgewählt hatte und der die „Blaumeisen“ zum Aufstieg führen sollte. An dem Wochenende zuvor hatten Adelt und sein SCT gegen den VfL Herzlake nur 1:1 gespielt. Es blieb Adelts letztes Spiel als Trainer des SC Twistringen. „Gescheitert ist Adelt“, schrieb die „Kreiszeitung“ damals, „letzten Endes am Twistringer Publikum“, das nach dem Geschmack des Vorstandes aufgrund des „destruktiven Fußballs“ nicht mehr zahlreich im Stadion erschien. Schulten: „Adelt spielte nicht den Offensivfußball, den die Twistringer unter meiner Tätigkeit jahrelang gewöhnt waren.“ Während Adelt, ehemaliger Regionalligaspieler des VfB Odenburg, lange vor Otto Rehhagel auf „kontrollierte Offensive“ setzte, zählte Schulten eher zum Verfechter des „Totalen Fußballs“, den die niederländische Nationalmannschaft zu jener Zeit spielte. Die Twistringer Zuschauer wollten endlich wieder Spektakel. Und sie bekamen es – dank Schulten. Wie an jenem Februartag.

Eine Woche zuvor hatten die Twistringer – mit über 500 Schlachtenbummlern im Gepäck – bei ihrem ärgsten Verfolger VfL Osnabrück (Amateure) an der Bremer Brücke knapp mit 1:0 gewonnen. Der späte Siegtorschütze damals: natürlich Heinz Wilkens. Wer auch sonst? „Heinz war außergewöhnlich. Er war der beste Spieler, den ich mir hätte vorstellen können“, schwärmt der einstige Erfolgstrainer noch heute von Wilkens, der kürzlich verstarb.

Riesen-Kulisse: Hubert Schulten während des Derbys.

Nach dem Erfolg in Osnabrück strotzten die Twistringer Mannschaft und Schulten nur so vor Selbstbewusstsein. Und dann kam der 6. Februar. Der Tag der Tage. Der Tabellensechste Syke stellte sich beim Spitzenreiter Twistringen vor. Es ging um alles, um Ehre, um Prestige, um Image – und um die Vorentscheidung auf dem Weg zur Meisterschaft. „Ich weiß noch, wie die Zuschauer vor dem Anpfiff auf die Barrikaden gingen, weil sie einen ,Topspiel-Zuschlag‘ von einer D-Mark zahlen mussten. Von Unmut war nach dem Abpfiff aber nichts mehr zu hören“, blickt Schulten schelmisch zurück. Denn was das Publikum damals von seinem SCT geboten bekam, entschädigte für alles.

Es dauerte lediglich sechs Minuten, dann war das Spiel vorentschieden. Sykes verletzt ins Spiel gegangener Torhüter Heiner Rosan ließ einen „Kullerball“ von Heinz Wilkens, so notierte die „Kreiszeitung“ damals, in die Maschen gleiten. „Ich wusste von Rosans Verletzung, hatte meinen Spielern gesagt, dass sie aus allen Lagen aufs Tor schießen sollten“, berichtet Trainerfuchs Schulten. Allein drei Treffer steuerte Kapitän Wilkens zum Sieg bei. Und am Ende hieß es sage und schreibe 7:0 (4:0). „Die Syker hätte heute auch unsere Zweite geschlagen“, tönte Matchwinner Wilkens vollmundig nach dem Abpfiff.

Die Meisterschaft geriet nach dem Derby-Sieg nicht mehr in Gefahr

Der Derbysieg gab Schulten und seiner Mannschaft enormen Rückenwind. In den übrigen Partien ließ das Team nichts mehr anbrennen und feierte am 8. Mai, nachdem der SCT 1:1 gegen den TuS Haste gespielt hatte, mit der Verbandsliga-Meisterschaft den größten Erfolg seiner Vereinsgeschichte.

Mittlerweile hat Pensionär Schulten nach eigenen Worten mit dem Fußball abgeschlossen. „Aber so was wie das 7:0 habe ich in dieser Dimension und in dieser Euphorie nie wieder erlebt“, erzählt er auch über 43 Jahre später immer noch so enthusiastisch, als wäre das Spiel erst vergangene Woche gewesen.

Twistringens Meister-Mannschaft der Saison 1976/77.

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