SERIE „WENDEZEITEN“ Karsten Schrimpf – ein Sportlerleben in der DDR

Hinfallen, aufstehen, weitermachen

Früher Sportler aus Leidenschaft, heute Trainer aus Leidenschaft: Karsten Schrimpf (re.) coacht hier den Triathleten Konstantin Bachor. Foto: el

Stuhr - Von Daniel Wiechert. Karsten Schrimpf (57) humpelt die Treppe hoch. Die Knie-Arthroskopie ist noch nicht lange her. Jeder Schritt fällt gerade schwer. Zwei Stunden später spricht er von einem Marathon, den er gern irgendwann mal laufen würde. Ziele setzen. Einmal Sportler, immer Sportler. Auf Schrimpf trifft das ganz sicher zu.

In den 80er-Jahren war Schrimpf ein mega-talentierter Mittelstreckenläufer. Der heutige Trainer der Tri-Wölfe des LC Hansa Stuhr lief die die 1 500 Meter in 3:43 Minuten. Mit dieser Zeit wäre er dieses Jahr deutscher Meister geworden. Lange her. Erinnerungen verblassen, das Gefühl für frühere Geschwindigkeiten auch. Wenn er heute Sebastian Kohlwes – dem Vorzeige-Läufer des LC Hansa – beim Training zuschaut, kommt der Flashback: „Es ist einem gar nicht mehr bewusst, wie schnell man mal war. Anhand von Sebastian wird mir wieder klar, was man selbst mal für Geschwindigkeiten auf die Bahn gezaubert hat.“

Seine ersten Bahnen zog Schrimpf im Wasser. 1966. Im Bezirk Leipzig. Schon als Dreijähriger fand er Gefallen am Schwimmen. Sein Talent zeigte sich schnell, es reifte der Wunsch, an einer Kinder- und Jugendsportschule angenommen zu werden. Im Schwimmen platzte dieser Traum früh. Offizielle Begründung: Er sei zu klein.

Schrimpf versuchte sich in der Leichtathletik. Auf der Mittel- und Langstrecke landete er bei Wettbewerben im Einzugsgebiet der Kinder- und Jugendsportschule Leipzig immer in den Top Drei. Doch für die Aufnahme reichte es erneut nicht. „Es war für mich und meine Sportkameraden schon verwunderlich, warum sie alle rekrutiert wurden und ich nicht“, sagt Schrimpf heute. Es seien Gerüchte über schlechte Schulnoten gestreut worden. Zudem stellte seine Großmutter, in Hamburg geboren, einen Ausreiseantrag in den Westen. „Ob das eine Rolle gespielt hat, weiß ich nicht. Man konnte es sich nur so zusammenreimen.“

Starker Hindernisläufer: Karsten Schrimpf während der DDR-Jugendmeisterschaft 1979 in Erfurt.

Statt der Verzweiflung siegte der Trotz. Schrimpf nahm als „sogenannter Nichtleistungssportler“ weiter an Wettkämpfen teil, landete stets im Spitzenfeld. Es kam der Sommer 1979. Jahresurlaub. Zelten mit der Familie auf Rügen. „Da besuchten uns ein Trainer und zwei Funktionäre vom TSC Berlin. Der Trainer hatte mich bei diversen Wettkämpfen beobachtet. Er zeigte großes Interesse – und so bin ich als 16-Jähriger an die Kinder- und Jugendsportschule Berlin gekommen.“

Schrimpf hatte sich seinen Traum doch noch erfüllt. Und er bewies fortan, dass er zu Recht dazugehörte. 1981 lief er die 2 000 Meter Hindernis in 5:28,98 Minuten – Dritter in der Weltjahresbestenliste. 1984 holte er Bronze bei der DDR-Hallenmeisterschaft über die 1 500 Meter. Insgesamt vier Jahre gehörte er der A-Nationalmannschaft an.

1985 der große Knall. „Plötzlich war ich raus aus dem Förderungssystem“, sagt Schrimpf: „Man fühlte sich wie ausgestoßen.“ Angeblich aus leistungstechnischen Gründen. Schrimpf gab sich damit nicht ab, hörte sich um. In Gesprächen wurde ihm gesagt: „,Ja, Karsten, es geht nicht nur um Leistung, es geht auch um Weltanschauung.’“ Er sei nie jemand gewesen, der mit seiner Meinung hinterm Berg gehalten habe: „Regimekritik ist ein riesiges Wort. Aber ich habe schon auf Missstände immer hingewiesen – das hat wohl irgendwelchen Leuten missfallen.“

Mit dem Leistungssport war Schluss, mit der Gängelei nicht. Schrimpf, der mittlerweile mit seiner damaligen Freundin und dem gemeinsamen Kind in Waren an der Müritz lebte, musste 1986 zur Armee. Üblich sei es gewesen, dass junge Väter nahe des Wohnortes stationiert wurden. Er kam nach Bad Klosterlausnitz. Zwölf Stunden Zugfahrt. „Das kam natürlich auch wieder einer Schikane gleich.“ Erst Jahre später kam ans Licht, dass dies mit systemkritischen Aussagen zu tun hatte: „Da hat man schon gemerkt, was für Krallen in diesem Regime auch vorhanden waren.“

Perspektivlosigkeit machte sich breit. „Eine gewisse Frustration war vorhanden“, sagt Schrimpf. Auch weil ihm ein zugesagter Bezirkstrainerposten letztlich doch verwehrt blieb. Im Januar 1989 stellte er einen Ausreiseantrag. Dann kam der 9. November 1989. Der Donnerstag, an dem die Mauer fiel. Schrimpf spielte mittlerweile hobbymäßig Fußball, um fit zu bleiben. Er war mit einem Freund auf dem Nachhauseweg vom Training. „Dann hörten wir es im Autoradio – und konnten es nicht fassen.“ Am 30. Dezember 1989 reiste er nach Wohltorf nahe Hamburg aus. Die Wende sei „ein Glücksfall“ gewesen: „Es eröffneten sich ganz andere Möglichkeiten, Horizonte wurden erweitert.“

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