Die Top-Sprinterin aus Brinkum erlebte ein Jahr im Zeichen des Ikarus / Megazeit über 200 Meter

Start-Nr. 3: Himmelsstürmerin Anna-Lena Freese

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Auf Heimatbesuch: Die Trainingsstunde von Anna-Lena Freese (Bild) kam beim Brinkumer Leichtathletik-Nachwuchs sehr gut an. ·

Brinkum - Hinauf auf Wolke sieben und eine unverschuldete Bruchlandung auf den Boden der Tatsachen. Anna-Lena Freeses Leichtathletik-Saison wecken Erinnerungen an eine Geschichte aus der griechischen Mythologie. Für ihren Trainer Björn Sterzel war es ein Sommer der „extremen Gefühlsschwankungen“.

Ende Juni legte die 19-jährige Sprinterin vom FTSV Jahn Brinkum eine Fabelzeit auf die Kunststoffbahn in Mannheim, pulverisierte ihre persönliche Bestleistung beim 200-Meter-Lauf der Junioren-Gala um mehr als drei Zehntel auf 23,28 Sekunden. Freese war in ihrem persönlichen Sprint-Olymp angekommen. Nur Inna Weit wird bundesweit im gesamten Jahr 2013 mit 23,10 Sekunden schneller sein. Als Belohnung flatterte 18 Tage später die frohe Kunde des Deutschen Leichtathletik Verbandes bei Freese ins Haus: die Nominierung zur Weltmeisterschaft der Erwachsenen in Moskau. „Ich konnte mein Glück kaum fassen“, staunte die 19-Jährige. Nach der durch Verletzungen verseuchten Saison 2012 schienen Freese plötzlich alle Türen offen, nichts wirkte unmöglich.

Dann kam der verhängnisvolle Freitag. Ein Schwarzer. Nicht der 13., sondern der 26. Juli. Beim Staffel-Training in Dortmund machte Freeses Muskel zu. Nicht nur das. Ein Sehnenanriss im Oberschenkel lautete wenig später die niederschmetternde Diagnose. WM in Moskau? Passé! „In der Kurve hat es knack gemacht. Ich wusste sofort, dass etwas kaputt ist. Das ist so bitter“, seufzte Freese. Das Ende einer bis dahin verheißungsvollen Saison.

Jetzt, mit dem Abstand von fünf Monaten, ist Anna-Lena Freese mit sich und den turbulenten Ereignissen des Sommers längst im Reinen. „Wer weiß, wofür die Verletzung im Endeffekt gut war“, sagt Freese. Denn trotz ihrer erst 19 Lenze hat sie leidige Erfahrungen mit körperlichen Malaisen. „Ich bin‘s leider gewohnt“, sagt sie kurz und knapp. Sterzel: „Anna-Lena hat das auch dank ihrer Eltern schnell abhaken können. Sie kam immer noch stärker als zuvor nach solchen Rückschlägen zurück. Auch dieses Mal wird sie daraus zusätzliche Motivation ziehen.“

Doch allein die Erinnerung daran, als Freese die 23,28 Sekunden in die Mannheimer Tartanbahn gebrannt hatte, dürften als Ansporn reichen: „Anna-Lena ist mit ihren Zeiten in neue Dimensionen vorgestoßen“, sagt Sterzel. Von einem Quantensprung will der Landestrainer des NLV allerdings nichts hören. „Das klingt mir zu sehr nach Raumschiff Enterprise.“ Schließlich haben Freeses Leistungen nichts mit Science-Fiction zu tun, sondern dahinter steckt ein ausgeklügeltes Trainingssystem mit harter Plackerei. „Anna-Lena hat dieses Jahr den Beweis angetreten. Sie ist von einer starken Juniorin in die Deutsche Frauenriege vorgestoßen“, sagt ihr Trainer.

Wenn Sterzel über Freese spricht, schwingt immer ein gewisser Stolz mit. Er ist aber auch derjenige, der den Blick für das Wesentliche behält. Während alle über die 200-Meter-Fabelzeit fabulieren, freute sich Sterzel am meisten über die Verbesserung der 100-Meter-Zeit von 11,59 auf 11,46 Sekunden. „Da hat sie gemerkt: ‚Mensch, diese Steigerung hat Effekt auf die 200 Meter.‘“ Es geht ihm stets um das große Ganze. Auch als die 19-Jährige bei der U 20-EM in Rieti (Italien) als Vierte haarscharf an den Medaillen vorbei geschrammt war: „Anna-Lena kriegt dann vielleicht zuerst das Kotzen. Mein Blick geht aber auf die Zeiten, und ich denke: Wow, was für enge Abstände.“

Sterzel ist Freeses Daidalos. Die Figur aus der griechischen Mythologie erfand für seinen Sohn Ikarus Flügel aus Federn und Wachs, damit er aus seinem Gefängnis fliehen konnte. Doch Ikarus packte der Übermut, flog trotz der Warnungen seines Vaters zu hoch an die Sonne heran. Das Wachs schmolz, Ikarus stürzte ins Meer. Auch Sterzel will hoch hinaus mit Freese, aber gemach – Schritt für Schritt. Die Gefahr, dass Freese der Übermut überkommen wird, ist zugegebenermaßen äußerst gering.

Ortstermin in Freeses Heimat Brinkum. 40 Kinder sind da. Für eine Traingseinheit mit ihrem Vorbild, ihrem Star. Attitüden, mit denen sie selbst nichts anfangen kann. „Das ist so richtig süß, dass die mich alle kennen“, sagt Freese. Die 19-Jährige wirkt zunächst verlegen, hat aber für jeden ein Lächeln parat, kümmert sich um jede Kleinigkeit, legt Hand an, damit auch wirklich jeder die richtige Körperhaltung beim Start einnimmt.

Der Start. Hier schlummert auch für Freese noch Entwicklungspotenzial für das kommende Jahr. Sterzel glaubt, dass es erfolgreich wird. „Sie wird zeigen, dass sie eine gestandene Frau geworden ist.“

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