Lauf-Talent von Jahn Brinkum geht aufs Sportinternat in Hannover

Samira Heygster macht‘s wie Anna-Lena Freese

Samira Heygster wärmt sich schon mal auf im Indoor-Leichtathletikbereich.
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Perfekte Trainingsbedingungen – auch im Winter: Samira Heygster wärmt sich schon mal auf im Indoor-Leichtathletikbereich. Hier wird sie oft anzutreffen sein.

Samira Heygster wandelt auf den Spuren von Anna-Lena Freese. Wie einst ihre Vereinskollegin vom FTSV Jahn Brinkum geht auch die 15-jährige Läuferin nun aufs Sportinternat in Hannover, um in der Leichtathletik ganz weit zu kommen.

  • Neu im Sportinternat in Hannover: Samira Heygster schildert ihre ersten Eindrücke.
  • Sie bedankt sich bei ihrem Brinkumer Trainer Klaus Lange.
  • Anna-Lena Freese verrät, wie es bei ihr damals war - und gibt Heygster Tipps.

Harpstedt/Brinkum/Hannover – Die Versuchung ist greifbar nah. Wenn Samira Heygster das Sportinternat in Hannover verlässt, kann sie fast schon reingehen in die HDI-Arena. Dort bestreitet Zweitligist Hannover 96, aktuell natürlich ohne Zuschauer, seine Heimspiele. Die Profis direkt nebenan – und dann ist sie auch noch fußballinteressiert: Da könnte man doch glatt zum 96-Fan werden.

„Nein, nein“, bremst Heygster sofort: „Ich bleibe bei Werder Bremen.“ Im Weserstadion ist die 15-Jährige vor ein paar Jahren mal Einlaufkind gewesen. Zwar nicht an der Hand von Max Kruse oder einem anderen Bremer, sondern an der des Mainzers Yunus Malli – aber dennoch: Das Ereignis war prägend, seither drückt sie Werder noch mehr die Daumen.

Dem Fußball gilt allerdings nicht das Hauptinteresse der Harpstedterin. Sie ist Leichtathletin und will in ihrem Sport „so weit kommen, wie es geht“. Deshalb ist die Langsprinterin zu Hause ausgezogen und wohnt seit Anfang Februar im Sportinternat am Olympiastützpunkt in Hannover. Genau wie einst Anna-Lena Freese, die – wie Heygster – trotzdem weiter für ihren Heimatverein FTSV Jahn Brinkum läuft.

Talent allein reicht nicht. Ihre Fähigkeiten hat Samira ihrem Trainer Klaus Lange zu verdanken. Er hat sich mit viel zeitlichem und persönlichem Engagement für sie eingesetzt – genau wie für die anderen bei Jahn Brinkum.

Samira Heygsters Pflegemutter Veronika Overesch

Diese Vereinstreue ist in gewisser Weise auch ein Dankeschön an Trainer Klaus Lange. „Er hat mich unheimlich gefördert, mir immer gute Ratschläge gegeben und mich total weitergebracht“, schwärmt Heygster während des Videogesprächs, das sie am freien Wochenende aus ihrem Kinderzimmer in Harpstedt führt: „Wir werden auf jeden Fall in Kontakt bleiben.“ Sie habe schon nachgehorcht, ob sie in den Ferien denn auch mal wieder bei ihm mittrainieren darf, berichtet Lange und sagt mit einem Schmunzeln: „So eine blöde Frage – da habe ich gar nicht drauf geantwortet . . . Klar darf sie.“

Wenn man die Zwei so übereinander reden hört, wird schnell klar: Da stimmt die Chemie. Wegen der Trennung ist Lange etwas betrübt. „Aber ich habe die Traurigkeit weggeschoben und nicht mehr nur gedacht: ,Nun ist mein bestes Pferd im Stall weg.‘ Ich freue mich diebisch, dass Samira es geschafft hat, dort ins Internat zu kommen. Die Plätze sind rar, die nehmen nicht jeden.“

Das neue Zimmer scheint ihr zu gefallen: Samira Heygster sitzt im Internat vor ihrem Schreibtisch.

Man muss nicht nur besonders begabt, sondern auch Mitglied eines Landeskaders sein. Beides ist Heygster. Deshalb bewarb sie sich und wurde – gemeinsam mit einem weiteren Mädchen – auch angenommen. Ihre Pflegefamilie (siehe Text unten) freut sich natürlich mit – trotz der erheblichen finanziellen Mehrbelastung, die sie nun schultert. Mit allem Drum und Dran (Unterbringung, Betreuung und Training) seien es etwa 700 Euro pro Monat, erzählt Pflegemutter Veronika Overesch.

Insgesamt bietet das Internat des Olympiastützpunkts Niedersachsen 75 Vollzeitplätze für die Talente unterschiedlicher Sportarten an. Heygster teilt sich ihr Zimmer („jede hat ihre Hälfte mit Bett, Regal und Schreibtisch“) mit der Ruderin Pauline Ricker (17) aus Celle. „Wir gucken abends gerne zusammen auf Netflix die Serie Stranger Things und verstehen uns gut“, urteilt die Harpstedterin. Und das sei besonders schön, weil ihre Zimmerpartnerin aktuell die einzige ist, zu der sie vor Ort wegen der Corona-Pandemie intensiveren Kontakt hat.

Momentan kein „Klassenfahrtsfeeling“

Normalerweise, wurde ihr berichtet, herrsche im Internat ein „Klassenfahrtsfeeling“. Momentan aber nicht. Die Mensa ist geschlossen, alle werden einmal pro Woche auf Corona getestet, sie muss sich ihr Essen aufs Zimmer holen. Und ihre neuen Klassenkameraden von der Humboldtschule hat die Gymnasiastin (neunte Klasse, zuvor in Wildeshausen) wegen des mindestens bis Anfang März verordneten Distanzunterrichts bisher nur auf dem Bildschirm gesehen. Kurzum: Leute kennenlernen fällt fast völlig flach – alles nicht so einfach für einen Neuankömmling.

Doch Heygster macht das Beste daraus und fokussiert sich auf das, was sie neben der Schule darf – trainieren. Täglich zweieinhalb bis drei Stunden dauern die Einheiten bei Sprint-Landestrainer Georgi Kamenezki im Indoor-Leichtathletikbereich. Meistens nachmittags, mitunter auch vormittags. Und bald wird sie auch mal Training ab acht Uhr morgens haben. „Kein Problem“, sagt sie und lächelt: „Ich stehe generell früh auf.“

„Sportskanone“, „strahlender Mensch“ und fleißige Fußwallfahrerin

Im Alter von dreieinhalb Jahren kam Samira Heygster zur Familie Overesch, vorher war die Tochter einer Deutschen und eines Ghanaers ein halbes Jahr lang in einem Bremer Kinderheim. Zu ihren leiblichen Eltern hat die mittlerweile 15-Jährige keinen Kontakt mehr. Über Christoph und Veronika Overesch und ihren Bruder Louis (14/ebenfalls ein Pflegekind) sagt Heygster: „Das ist meine Familie.“ Hier fühlt sie sich wohl, deshalb war es für beide Seiten nicht einfach, dass die Tochter nun von Harpstedt ins Sportinternat nach Hannover zog. „Samira fehlt mir ganz schön. Sie ist immer so fröhlich und hilfsbereit – ein strahlender Mensch“, sagt Veronika Overesch. Allerdings ist sie hörbar stolz, dass Heygster diesen Weg eingeschlagen hat: „Viele Pflegekinder zweifeln oft an sich. Und das ist ein toller Beweis dafür, dass auch sie etwas schaffen können.“ Heygster war „schon immer eine Sportskanone sondergleichen“, erinnert sich Veronika Overesch. Sie probierte mal Turnen aus, im Alter von sechs oder sieben Jahren begann sie beim Harpstedter TB mit Kindertriathlon. Erst als die Gruppe auseinanderging, entschied sie sich fürs Laufen – und nach einer Empfehlung für den FTSV Jahn Brinkum, wo sie sich seit 2015 unter Trainer Klaus Lange Jahr für Jahr weiterentwickelte. Neben der Leichtathletik bleibt kaum Zeit für andere Hobbys – eine Sache gibt es dann aber doch noch. Heygster ist Stammgast bei der jährlichen Fußwallfahrt Altenrheine -Telgte. 42 Kilometer am Samstag, 42 Kilometer am Sonntag – eine stattliche Strecke durchs Münsterland. „Das ist die Heimatgegend meines Mannes“, erklärt Veronika Overesch: „Er geht dort mit, seit er 13 ist.“ Heygster ist inzwischen auch dabei.

In Brinkum hat Heygster dreimal pro Woche trainiert, die gesteigerte Belastung stecke sie jedoch bestens weg. „Ich habe mich schnell daran gewöhnt – genauso wie an die festen Essenszeiten“, meint Heygster: „Und mir kommt jetzt auch zugute, dass Klaus und ich in Brinkum oft noch Einzeltraining gemacht haben.“

Der Abschied von der Familie, den Freundinnen, dem Verein und Lange sei ihr „sehr schwer gefallen“, betont Heygster: „Aber es ist eben mein Ziel, im Sport richtig was zu erreichen. Und das kann ich hier verwirklichen.“ Sie ist amtierende U 16-Landesmeisterin über 300 Meter, den Titel holte sie in persönlicher Bestzeit (41,77 Sekunden) 2020 in Hannover – genau dort, wo sie jetzt regelmäßig trainiert. In ihrer Langsprint-Gruppe wird sie sich künftig auf die 200 und 400 Meter konzentrieren – möglicherweise kommen auch noch die 400 Meter Hürden dazu. Lange findet die Fokussierung auf diese Strecken gut, denn: „100 Meter wollen zwei Millionen laufen. Da ganz nach vorne zu kommen, ist unheimlich schwierig. Über 200 sind es schon deutlich weniger – und über 400 noch weniger.“

In Aktion: Samira Heygster fokussiert sich in Hannover künftig auf die 200 und 400 Meter.

Heygster möchte unbedingt weiter die 200 Meter laufen, die auch zu Freeses Paradestrecken gehören. Die erfolgreiche Sprinterin aus dem eigenen Verein, die seit Jahren zur deutschen Spitze gehört, ist „schon ein Vorbild für mich. Wenn ich es mal so weit bringe wie sie, wäre ich sehr zufrieden“, sagt Heygster mit einem Lächeln.

Persönlich getroffen habe sie Freese bislang leider noch nicht, obwohl beide auf derselben Anlage trainieren. Wird aber bald passieren, glaubt Freese: „Wir laufen uns bestimmt demnächst über den Weg.“

Interview mit Freese: „Irgendwann fühlt man sich wie zu Hause“

Sprinterin Anna-Lena Freese (27) war fünfeinhalb Jahre auf dem Sportinternat in Hannover – und verrät ihrer Brinkumer Vereinskollegin Samira Heygster (15), wie sie diese Zeit damals erlebt hat.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, mit 15 Jahren in ein Internat und von zu Hause wegzuziehen?
Anna-Lena Freese: Schon sehr schwer – zumal ich es eigentlich gar nicht wollte. Meine Eltern haben eine Bewerbung für mich eingereicht und mir dann kurz vor den Sommerferien gesagt, dass ich danach dorthin gehe.

Wie haben Sie reagiert?
Ich war zuerst geschockt und sauer, habe eine halbe Woche nicht mit meinen Eltern gesprochen (schmunzelt). Aber wir haben verabredet, dass ich jederzeit nach Hause kann, wenn es mir dort nicht gefällt. Und im Nachhinein muss ich sagen: Meine Eltern haben diese Chance mehr gesehen als ich – und es war die beste Entscheidung. Ich bin froh und dankbar, dass es so gekommen ist.

Was haben Sie gegen das Heimweh getan?
Anfangs hatte ich dafür gar keine Zeit. Neue Stadt, neue Schule, neuer Trainer, neues Umfeld – alles neu. Nachdem ich dann in den Herbstferien für zwei Wochen zu Hause war, kam das Heimweh. Aber es ging auch schnell wieder, wir haben uns im Internat gegenseitig getröstet und abgelenkt. Am Anfang bin ich fast jedes Wochenende nach Hause gefahren, das wurde dann auch weniger – und ich habe die Leute im Internat viel besser kennenlernen können.

Sie waren mit Julia Reichert aus Ihrer Trainingsgruppe auf einem Doppelzimmer? Wie klappte das „WG-Leben“?
Es war spannend und auch schön, nicht alleine zu sein. Das hat gutgetan. Man musste aber lernen, Rücksicht auf andere zu nehmen. Dafür war es wichtig, offen zu sein und anzusprechen, wenn einem mal etwas nicht passte. Da kommt mit der Zeit eine gewisse Routine rein.

Welche Tipps haben Sie für Ihre Vereinskollegin, damit es im Internat und mit der sportlichen Weiterentwicklung klappt?
Es ist absolut okay, am Anfang ein bisschen schüchtern oder ruhig zu sein und sich Zeit zu lassen, alles kennenzulernen. Irgendwann fühlt man sich wie zu Hause. Und immer dran denken: Es ist ein Privileg, dort sein zu dürfen. Man muss gut mitmachen, beim Sport und in der Schule.

Samira Heygster bezeichnet Sie als Vorbild – wie hört sich das an?
Oh, wirklich sehr schön. Eigentlich sehe ich mich nicht als Vorbild, weil ich auch nur ein ganz normaler Mensch bin. Aber es freut mich sehr, wenn jemand so etwas sagt und damit meinen Werdegang würdigt.

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