„Zu Hause bin ich einfach Papa“

Ex-Weltklasse-Hochspringer Roman Fricke trainiert seine Töchter Jona und Hannah

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Familie Fricke mit Mischlingshündin Käthe vor dem geschmückten Weihnachtsbaum: Mutter Kristin, Vater Roman sowie die Töchter Hannah (2.v.l.) und Jona – fehlt nur Kater Guido, der kurz vor dem Foto die Flucht ergriff.

Neubruchhausen - Von Malte Rehnert. Die Autotouren von Neubruchhausen zum Weserstadion, in der Regel drei pro Woche, sind keine Vergnügungsfahrten. Man kann es sich in etwa so vorstellen: Am Steuer des weißen SUV sitzt Roman Fricke, neben ihm oft seine Frau Kristin – und hinten die beiden Töchter Jona (14) und Hannah (12). Gesprochen wird eher wenig, denn die Kinder auf der Rückbank sind konzentriert. Sie lernen.

„Meistens sind die beiden mit ihren Schulbüchern bewaffnet“, sagt Kristin Fricke. Sie machen dann einen Teil ihrer Hausaufgaben, bevor sie sich in ihr nächstes Leichtathletik-Training in der Halle des SV Werder stürzen. Ihr Trainer ist Vater Roman, der frühere Weltklasse-Hochspringer. Eine ungewöhnliche Konstellation, die allen Spaß macht – anfangs jedoch nicht ganz so einfach war.

Ein vorweihnachtlicher Besuch bei den Frickes. Zur Begrüßung kommt gleich Mischlingshund Käthe angelaufen. Draußen ist es kalt und schneit sogar ein wenig, drinnen spendet der Kamin wohlige Wärme. Der beste Platz am Feuer, ein roter Sessel, ist jedoch frei. Der schwarze Kater Guido, vor zwei Jahren zugelaufen, hat offenbar keine Lust auf Gäste und sich zurückgezogen.

Das Einfamilienhaus hat die Familie vor fünf Jahren bezogen, vorher lebten sie in einer Wohnung über dem elterlichen Betrieb – der Möbeltischlerei Fricke in Neubruchhausen, in der Roman als Tischlermeister und Holztechniker arbeitet. Der 41-Jährige nutzte sein Fachwissen, um im neuen Eigenheim zwei Jahre lang einiges selbst zu gestalten. Der große Holztresen in der Küche etwa, der ist von ihm.

Familienausflug zum Wettkampf - das ist für Frickes normal

Die Vier haben an diesem Sonntag gerade das gemeinsame Frühstück beendet und zuvor etwas länger geschlafen, weil sie erst in der Nacht von einem Wettkampf in Neubrandenburg zurückgekehrt waren. Business as usual am Wochenende, Familienausflüge a la Fricke. „Wir sind am Freitag gleich nach der Schule losgefahren“, berichtet Jona, die mit 4,89 Metern im Weitsprung einen persönlichen Rekord aufgestellt und das Hürdenrennen der W 15 gewonnen hatte. Ihre jüngere Schwester Hannah schaffte eine Bestleistung im Kugelstoßen und „fast einen neuen Hochsprung-Rekord“ – die 1,55 Meter waren letztlich nur ein mickriger Zentimeter zu wenig.

Neubrandenburg hat Roman Fricke gezielt ausgesucht, um Startmöglichkeiten für seine gesamte Trainingsgruppe zu haben. „Hannah ist 2006 geboren, der Älteste bei mir im Team 1996. Da findet man nicht viele Wettkämpfe, bei denen alle mitmachen können.“

Seit fünf Jahren ist Fricke Trainer bei den Leichtathleten des SV Werder – dem Verein, für den er einst selbst antrat: „Ich habe schon damals gesagt, dass ich eines Tages zurückkehren werde.“ 2008 hatte Fricke, der als Hochspringer fünf deutsche Meistertitel und eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 2004 in Athen vorweisen kann, seine Laufbahn beendet. Danach habe er Abstand gebraucht: „Aber nach drei, vier Jahren hat mir etwas sehr gefehlt. Die Freude, die Bekanntschaften, die ganze Leichtathletik-Welt. Ich habe meine Karriere als Sportler intensiv gelebt.“

Frickes Team hat schon mehr als 30 Landesrekorde gebrochen

Also zurück in die Hallen und Stadien. Zunächst teilte sich Fricke eine Schülergruppe, 35 Kinder im Alter von elf bis zwölf Jahren, mit einem anderen Coach. Ein Jahr später übernahm er die alleinige Verantwortung für ein Team, das er seither betreut – und das fünf Titel bei Deutschen Meisterschaften gewann und mehr als 30 Bremer Landesrekorde brach. „Momentan sind es zwölf Sportler, das ist auch das Maximum“, betont Fricke: „Sonst kann ich nicht das anbieten, was ich gerne möchte.“ Siebenkampf, Hoch-, Weit- und Dreisprung.

Hin und wieder hüpft er auch selbst über die Latte. Die Figur dafür hat er zweifellos noch immer. 1,94 Meter lang, gertenschlank. Mal sind es 1,30 Meter, die er überquert, mal 1,80 Meter. Auch die zwei Meter würde er noch packen, meint er. „Wenn ich mich danach fühle, lasse ich mich ab und an locken und springe, auch wenn das eigentlich unvernünftig ist“, sagt Fricke und erklärt: „Ich habe von früher ein Bewegungsmuster drin, das ich – weil ich es nicht regelmäßig trainiere – nicht mehr abrufen kann.“ Und dann berge ein Sprung eben Verletzungsgefahren.

Um sich fitzuhalten, spielt Fricke gerne Basketball: „Einen Dunking schaffe ich noch, die Sprungkraft ist also weiterhin vorhanden.“ Ein- bis dreimal pro Woche greift er sich ein Seil und springt. Jeweils eine Stunde. „Entweder mit Barfußschuhen auf der Terrasse oder neben dem Bett“, sagt der 41-Jährige und schmunzelt. „Immer schön mit lauter Musik, da müsste man das Haus eigentlich versiegeln, damit nicht zu viel nach außen dringt“, ergänzt seine Frau Kristin. 1500 Lieder hat Fricke auf seinem Handy, beim Seilspringen hört er meistens Rockmusik: „Sachen von früher. Da kann man in Erinnerungen schwelgen – und dann geht die Zeit schnell rum.“

In einer Whatsapp-Gruppe steht der Trainingsplan

Seine Töchter trainieren auch regelmäßig im Heimatort. Sie sind gerade dabei, sich im Keller einen Kraftraum einzurichten. Oder sie arbeiten den Plan ab, den ihr Vater in die Whatsapp-Gruppe des Teams gestellt hat: Joggen, Aquajoggen, Schwimmen, Stabilisations-Übungen für Bauch und Rücken, Treppensprünge, Radfahren – all das gehört zum Programm. „Hausaufgaben“ nennt Fricke das. Er werde sie aber nicht kontrollieren. „Schon gar nicht hier zu Hause, da bin ich einfach der Papa – und nicht der Trainer.“

Vor etwa fünf Jahren begannen die Syker Gymnasiastinnen Jona (achte Klasse) und Hannah (siebte), sich für die Leichtathletik zu interessieren. Wie damals ihr Vater, der auch noch Fußball spielte, hatten sie zuvor geturnt (beim TSV Bramstedt). Roman wurde Mitte der 80er-Jahre beim Sportabzeichen als Leichtathletik-Talent entdeckt und fortan gefördert. Seine Töchter wollten „mal etwas anderes ausprobieren – und es hat uns gleich gefallen“, sagt Jona. 

Zunächst waren sie bei anderen Trainern, seit einem halben Jahr hat der Vater sie unter seinen Fittichen. „Das war eigentlich unerwünscht von mir“, gesteht er. Als Werder vorschlug, die Zwei in seine Gruppe aufzunehmen, willigte er ein. Auch, weil es praktisch ist wegen der An- und Abreise. Er könne dann „die Athleten“, sagt Fricke und guckt lächelnd zu den Töchtern hinüber, gleich mitnehmen.

Es ist schwierig, die eigenen Kinder zu trainieren, sagt Fricke

Die Zweifel, die er hatte, bestätigten sich zu Beginn der Zusammenarbeit jedoch. „Ich habe gehört, dass es schwierig ist, wenn der Vater der Trainer ist. Und es ist so“, meint Fricke. Er versuche, alle gleich zu behandeln – aber: „Die beiden bekommen irgendwie eine Extrawurst. Meine Geduld mit den eigenen Kindern ist schon am Anschlag.“ Jona und Hannah beschreiben das Vater-Töchter-Trainer-Verhältnis verhaltend lächelnd als „manchmal ein bisschen schwierig“. Die „eine oder andere Meinungsverschiedenheit“ habe es gegeben, erzählt Jona. „Da sind in der Emotion auch mal Sätze gefallen, die man sonst eher nicht sagen würde“, umschreibt es Mutter Kristin vorsichtig. 

Für Vater Roman war die neue Rolle „zunächst merkwürdig. Ich sehe mich nicht als strengen Trainer, schreie nicht rum. Wenn es aber ständig Widerworte und Sätze wie ,Ich kann das nicht‘ gibt, fragt man sich: Was ist hier los? Wir mussten uns erst mal finden, jetzt ist es viel besser.“ Muss wohl stimmen, denn alle nicken.

Dass die Töchter (beide 1,65 Meter) ausgerechnet den Hochsprung zu ihren Lieblingsdisziplinen zählen, freut den Herrn Papa besonders. Denn da kann er am besten helfen: „Ich brauche nur die Landung zu sehen und weiß, wie der Sprung war. Die Abläufe kenne ich in- und auswendig, kann mich da reindenken. Wenn meine Erfahrung so viel bewirken kann, macht es auch viel Spaß.“

Beide Mädchen haben viel Talent und Potenzial

Fortschritte bei den Fricke-Mädels sind bereits zu sehen. „Hannah springt höher als ich in ihrem Alter. Bei beiden ist Talent und viel Potenzial vorhanden, klarer Fall. Das sieht man auch, wenn man in die Ergebnislisten anderer Bundesländer schaut“, sagt Fricke, lächelt zufrieden und ergänzt: „Sie dürfen in der Trainingsgruppe bleiben.“

Allerdings sei er nicht so vermessen, Wunderdinge zu erwarten. „In diesem Alter muss man vorsichtig sein, die jungen Leute verändern sich noch sehr stark. Wenn jemand gut ist, ist das meistens nur ein Hinweis.“

Wenn sich eine Familie derart dem Sport verschrieben hat, ist er immer wieder Gesprächsthema – etwa beim Frühstück oder Abendessen. Mutter Kristin, die als Physiotherapeutin viel im Kinderhospiz Löwenherz in Syke arbeitet, nervt das aber überhaupt nicht: „Wir leben das ja.“ Die 40-Jährige ist selbst aktiv und „ehrgeizig“, läuft viel (gerne mit Käthe) und hat „auch ein bisschen in den Triathlon reingeschnuppert“. 

„Manchmal schaue ich mir Videos von ihm an und denke: Ziemlich cool“

In Berlin (2013) und Hamburg (2016) hat sie zwei Marathons absolviert (Bestzeit 3:46 Stunden) und ist regelmäßig mit Werders Laufgruppe unterwegs. Über die Leichtathletik-Begeisterung und die besondere Trainer-Sportler-Kombination in der eigenen Familie sagt sie: „Es ist mittlerweile ganz harmonisch. Und solange es allen Spaß macht, ist es eine tolle Sache.“

Gerne würden Jona und Hannah mal so erfolgreich sein wie ihr Vater früher. „Manchmal schaue ich mir Videos von ihm an und denke: Ziemlich cool“, urteilt Jona. „Papa ist ein Vorbild“, fügt Hannah an. Wie hoch Fricke geflogen ist, können die Zwei sogar täglich ermessen – im wahrsten Sinne des Wortes. In der Ecke des Esszimmers steht eine dünne Holzlatte. Seit 1987 hat er dort mit Strichen seine gemeisterten Höhen markiert. Irgendwann reichte das lange Holzstück (2,23 Meter) nicht mehr – sein Rekord von 2004 liegt bei 2,30 Meter.

„Die Messlatte ist ein Ansporn für die Kinder“, meint Kristin. Es gibt aber noch weitere. Zum Beispiel das Video zu Jonas einjährigem Geburtstag. Die Stabhochspringer Tim Lobinger und Richard Spiegelburg, damals Frickes Teamkollegen, winken 2004 in Leverkusen in die Kamera und gratulieren. 

Einmal im Jahr organisiert Fricke Freiluft-Trainingslager

Oder der Urlaub 2012 nahe Kapstadt in Südafrika, als Fricke der Familie „gerne einen schönen Ort vorstellen wollte, an dem ich öfter im Trainingslager war“. Sie trafen dort Mateusz Przybylko, den aktuellen Hochsprung-Europameister. „Jona und Hannah haben ihm die Haare geflochten“, erinnert sich Kristin: „Und wenn sie ihn jetzt im Fernsehen sehen, können sie sagen: Den kennen wir doch. Das motiviert natürlich.“

Genau wie die Trainingslager, die Fricke einmal pro Jahr in den Osterferien als Vorbereitung auf die Freiluftsaison organisiert. Südafrika, Fuerteventura, Mallorca, Portugal, Teneriffa – und 2019 zwei Wochen Kreta. Jona und Hannah trainieren, Mutter Kristin ist als Physiotherapeutin dabei. 

„So ein Trainingslager ist ganz wichtig für die Motivation – die eigene und die der Sportler“, betont Fricke: „Für mich waren das immer Highlights. Wir hatten die Kinder auch schon dabei, als sie noch nicht in der Gruppe waren.“ Ein bisschen Urlaubscharakter hätten die Reisen, aber Fricke unterstreicht: „Wir trainieren da um die 20 Mal.“ Auch morgens, am Strand, beim Sonnenaufgang. „Solche Bilder“, weiß er, „behältst du dein Leben lang im Kopf.“

Hannah und Jona sind ehrgeizig

Viel Anschub von den Eltern brauchen die Töchter allerdings gar nicht. Sie sind sehr ambitioniert. Die zwölfjährige Hannah will im kommenden Jahr ihren Hochsprung-Rekord verbessern. Ihre Schwester strebt eine Einzel-Qualifikation für die deutschen Meisterschaften an, die in Bremen stattfinden – ein Heimspiel also.

Ab Sonntag feiert die Familie erst mal in Ruhe zusammen Weihnachten. Vielleicht ein Läufchen durch Neubrauchhausen, wahrscheinlich das eine oder andere Glas des selbst gepressten Orange-Karotten-Saftes, ganz bestimmt ein Besuch in der Kirche. Jona und Hannah haben dort mit ihrer Konfirmanden-Gruppe einen Auftritt.

Für 2019 wünscht Roman Fricke seinen Töchtern „viel Spaß – und dass ich weiter der Richtige bin, um ihnen auch sportlich zu helfen“. An Silvester kommen diesmal nicht die Spiegelburgs mit ihren Söhnen nach Neubruchhausen, sondern ein Freund aus Nordwohlde. Die Männer kochen. Was es gibt? Fricke schmunzelt: „Das weiß, äh, verrate ich noch nicht.“

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