Kaltes Wasser und Quallen-Attacke

Serie „Unvergesslich“: Die harte Flucht von Alcatraz - Holger Eickhoff kämpfte sich durch

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Der Syker Holger Eickhoff.

Syke - Er hat den „Albatros“ geschlagen – mehrfach sogar. Wer kann das schon von sich behaupten? „Ich glaube, es gibt nicht viele in Deutschland, die mal gegen ihn gewonnen haben“, sagt Holger Eickhoff über seine Duelle mit dem großen Michael Groß – und fügt an: „Er hat eigentlich nicht verloren, nicht mal auf seinen Nebenstrecken.“ Doch dem inzwischen 54-jährigen früheren Leistungsschwimmer ist es gelungen, in unterschiedlichen Disziplinen eher anzuschlagen als der dreifache Olympiasieger. Darauf ist er, das lässt sich im Gespräch in der Küche seines Hauses in Syke heraushören, ein bisschen stolz – und kann es auch sein.

Die Triumphe gegen Groß waren alle Ende der 1980er-Jahre. Damals war Eickhoff, der zur deutschen Spitze gehörte, auf seinem Schwimm-Zenit und feierte seine größten Erfolge. Der deutsche Vizemeistertitel 1987 über die 400 Meter Lagen war sein Top-Resultat. „Bei Deutschen Meisterschaften habe ich in den Endläufen alle Plätze belegt – bis auf Platz eins“, erinnert sich Eickhoff.

Eines seiner prägendsten Erlebnisse hatte er aber erst 20 Jahre später – und zwar nicht im von ihm geliebten Becken, sondern im offenen Gewässer. Beim seit 1981 ausgetragenen „Escape from Alcatraz“-Triathlon in der Bucht von San Francisco. Eine Flucht von der einst berüchtigten Gefängnisinsel, genannt „The Rock“, galt als ausgeschlossen – wegen der tückischen Steinküste, der heftigen Strömung, des kalten Wassers und der Haie.

Es ist der 14. Juni 2009. Eickhoff hat sich unterwegs seines Neoprenanzugs entledigt und läuft in „ganz normaler deutscher Badehose“ (ein eher knappes Modell) am Strand entlang. Die US-Amerikaner, die gerne knielange Surferhosen tragen, tuscheln. Aus den Boxen tönt: „Oh, in green speedos. A german. It’s Holger.“ Aufmunternder Applaus und viele Grinser aus der Zuschauermenge. „An Land kann ich mich eben nicht gut bewegen“, gesteht der 1,93-Meter-Hüne mit dem breiten Schwimmerkreuz und schmunzelt: „Auf den 800 Metern zur Wechselzone haben mich bestimmt 20 Leute überholt – und gefragt: Was machst du so weit vorne? Du kannst doch gar nicht laufen.“ Dafür aber umso besser schwimmen. Als 16. ist er am San Francis Yachtclub, dem Zielpunkt, aus dem Wasser gestiegen, hat sogar viele der etwa 50 Profi-Athleten hinter sich gelassen. „In 24:38 Minuten habe ich die Strecke geschafft“, sagt Eickhoff – eine formidable Zeit für die anderthalb Meilen (2,4 Kilometer).

Viel Betrieb vor „The Rock“: Beim „Escape from Alcatraz“-Triathlon schwimmen in der San Francisco Bay jährlich um die 2 000 Teilnehmer weg von der berüchtigten, aber längst stillgelegten Gefängnisinsel. 2009 und 2011 war auch der Syker Holger Eickhoff im Wasser.

Die Idee, beim Alcatraz-Triathlon als Staffel mitzumachen, stammt von Tom Tisone, einem damals um die 70 Jahre alten US-Amerikaner, der mit Eickhoff und dessen Biotech-Firma Scienion zusammenarbeitet. Tom will den Radpart (29 Kilometer) übernehmen, die gleichaltrige Jean Holden (ebenfalls eine Arbeitskollegin) die abschließende 12,8 Kilometer lange Laufstrecke. Bei der Anmeldung überkommt Eickhoff erstmals ein leicht mulmiges Gefühl. Mit seiner Unterschrift bestätigt er, dass der Veranstalter nicht haftbar gemacht werden kann: „Zum Beispiel, wenn man von einem Hai angefallen oder einem Schiff gerammt wird. Da dachte ich schon: Ach du scheiße!“

Doch er zieht es durch. Am Tag vor dem Wettkampf will Eickhoff seinen Wetsuit ausprobieren, schwimmt in der nahegelegenen Half Moon Bay zu einer Mole und zurück. „Ich habe mir ein bisschen was aufgescheuert, war aber nicht so schlimm“, sagt er: „Als ich jemandem davon erzählte, meinte er: ,Du weißt schon, dass das ein beliebter Punkt für die großen weißen Haie ist?‘“ Wieder ist Eickhoff beunruhigt. Nach dem Athleten-Briefing „habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen“.

„Alle standen da in ihren Wetsuits. Und ich dachte: Sie sehen aus wie Robben, wie Haifutter.“ (Holger Eickhoff über den Moment kurz vor dem Startschuss für die 2050 Teilnehmer.)

Am nächsten Morgen fährt er „voll mit Adrenalin“ um sechs Uhr mit den 2 049 anderen Startern auf dem alten Raddampfer namens Hornblower rüber zur stillgelegten Gefängnisinsel. Nach dem gemeinsamen Singen der US-amerikanischen Nationalhymne („das war schon etwas merkwürdig“) springen erst die Profis aus fünf Metern Höhe ins 13 Grad kalte Wasser, dann folgt der Rest. „Als ich wieder auftauchte, war das Schiff schon zehn Meter weg“, schildert Eickhoff: „Und ich sah: Nichts! Es war richtig schön diesig.“ Ein Tower, der den Schwimmern als Orientierung dienen soll: Nicht zu erkennen. Also hängt sich der 54-Jährige direkt an die Profis, die mit einem Motorboot begleitet werden: „Ich bin da einfach voll hinterhergeknallt.“ Nach etwa einem Drittel erwischt ihn eine Feuerqualle „voll im Gesicht. Es brannte aber nicht allzu sehr, weil das Wasser so kalt war.“

Der Syker ist voll fokussiert, im Schwimm-Tunnel. Er krault sich immer weiter nach vorne und entdeckt dann endlich das rote Dach des Yachtclubs. Geschafft!

Das Triathlon-Trio: Holger Eickhoff (Mitte) mit seinen Mitstreitern Jean Holden und Tom Tisone.

In der Wechselzone sieht seine Frau Karen sein – um die Schwimmbrille herum – knallrotes Gesicht. Erst mal ab ins medizinsche Zelt. Dort berichtet Eickhoff von der Feuerquallen-Attacke. „Da waren Ärzte in Ausbildung von der Uni Stanford. Die mussten googlen, was zu machen ist, und meinten dann: ,Am besten hilft Urin. Sie müssen nur noch jemanden finden, der ihnen ins Gesicht pinkelt. Alternativ können wir es auch mit Alkohol säubern.‘ Ich habe mich für die zweite Variante entschieden“, sagt Eickhoff und lacht laut auf.

„Da sind ein paar Kajaks unterwegs. Wenn euch ein Paddel antippt, müsst ihr die Richtung verändern. Tippt es euch ein zweites Mal an, werdet ihr disqualifiziert und von einem Boot eingesammelt. Werdet ihr nicht eingesammelt, ist der nächste Stopp Hawaii.“ (Holger Eickhoff erinnert sich an das Instruktionsmeeting des Veranstalters vor dem Schwimmwettbewerb.)

Dass seine beiden Mitstreiter in ihren Disziplinen noch gehörig abrutschen und das Trio letztlich einen Gesamtplatz um die 1 200 belegt, ist dem sonst ehrgeizigen Syker diesmal ziemlich egal: „Als Teamevent war es eine wunderbare Sache.“ Zwei Jahre später flüchtet Eickhoff erneut von Alcatraz, der Zauber ist allerdings ein bisschen weg. Aber: Er ist geschäftlich öfter in San Francisco. Wenn er von dort rausfliegt, kann er die Bucht gut sehen und denkt sich: „Da bist du geschwommen. Das ist schon eine coole Sache.“

Tel Aviv, Santa Barbara, Nowosibirsk – und Rammstein im Münchner Wasser: Holger Eickhoff schwimmt und schwimmt 

Wenn Holger Eickhoff in der Welt unterwegs ist (und er ist viel unterwegs), sucht er sich immer ein Schwimmbad. Egal, ob in China, Japan, Korea, Frankreich, England oder den USA: „Das mache ich konsequent, auch bei Jetlag. Ich stehe um fünf Uhr auf und schwimme dann immer drei Kilometer.“ 

Der Gründer, Mitgesellschafter und Vorstand der in Berlin ansässigen Biotech-Firma Scienion, die als Zulieferer für die Diagnostik-Industrie auch an der Entwicklung von Corona-Tests beteiligt ist, hat auch dank seines liebsten Hobbys viel erlebt und gesehen. Becken direkt am Strand im israelischen Tel Aviv und kalifornischen Santa Barbara. Oder die „geilste Schwimmanlage überhaupt“ in Stanford (USA) mit drei 50-Meter-Becken, einem Wasserballfeld und Tribünen für 500 Zuschauer. 

Oder die wilde Story in Nowosibirsk: Ein Kollege hatte extra ein Hotel (es war eine chirurgische Schönheitsklinik) mit Hallenbad gebucht – das dann aber rund 50 Kilometer entfernt war. „Und wir sind morgens schön mit dem Shuttlebus durch die Taiga geschaukelt“, erinnert sich Eickhoff und lacht. In seinem „Lieblingsbad für Wettkämpfe“, der Olympiaschwimmhalle in München, trainierte er mal, als in der Halle nebenan die Band Rammstein Vollgas gab: „Das ging selbst im Wasser durch Mark und Bein.“ 

Eickhoff (54), der mit seiner Frau Karen in Syke lebt und mit ihr die Kinder Insa (28) und Nils (26) hat, begann in seiner Heimatstadt mit seinem Sport. Als Sechsjähriger, zusammen in einem Schwimmkurs mit seiner späteren Frau. „Das ist ein Sport, wo dich keiner vollquatscht und man auch mal abschalten kann“, meint er. Nach ein paar Jahren im Syker Verein wechselte er zum Bremischen SV. 

Als der studierte Chemiker und promovierte Biologe damals sein Studium in Heidelberg aufnahm, machte er dort weiter – inzwischen war er Leistungsschwimmer und zählte zur deutschen Elite. Ab 1987 und nach seinem DM-Vizemeistertitel über die 400 Meter Lagen bereitete er sich ein Jahr lang akribisch auf die Olympischen Sommerspiele 1988 in Seoul vor. Er verpasste dann allerdings die Qualifikation – ein Knackpunkt in seiner Karriere. Eickhoff legte den Fokus fortan auf das Studium und später den Beruf. 

Inzwischen schwimmt er nur noch aus Spaß und spielt im Syker Team Wasserball. Wegen der Corona-Pandemie geht beides aktuell jedoch nicht. „Das ist eine ganz harte Zeit für mich“, sagt Eickhoff und fügt schmunzelnd an: „Ich kaufe mir jetzt ein Fahrrad.“

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