Balancekissen und Challenges

Handballer sind im Corona-Lockdown kreativ

Django, ein deutscher Pinscher, beobachtet, wie Cedric Quader im Wohnzimmer auf den Balancekissen trainiert.
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Was macht das Herrchen denn da? Django, ein deutscher Pinscher, beobachtet, wie Cedric Quader im Wohnzimmer auf den Balancekissen trainiert. Der Kapitän der Hunte-Aue Löwen hat für das

Bis Jahresende werden auch die Handballer im Kreis Diepholz wegen Corona keine Pflichtspiele mehr bestreiten. Eine lange Zeit, die sie mit kreativen Trainingseinheiten überbrücken (müssen). Andreas Schnichels, Trainer bei den Damen der HSG Bruchhausen-Vilsen/Asendorf und schon ewig im Geschäft, sagt: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Und er gibt zu, dass er aktuell vor enormen Herausforderungen steht.

  • Handballer aus dem Kreis Diepholz verraten ihre Trainings-Alternativen.
  • Vilser Damen müssen „vorturnen“.
  • Cedric Quader holt die Balancekissen aus dem Schrank.

Syke – Der Eindruck ist folgender: Gebeten darum, das vermaledeite Handballjahr in ein paar knackigen Worten zusammenzufassen, würde Cedric Quader eigentlich gerne verbal ein bisschen abgleiten – das Schimpfwort mit „Sch“  am Anfang scheint ihm auf den Lippen zu liegen. Doch der 28-Jährige von Oberligist HSG Hunte-Aue Löwen reißt sich – als Kapitän ganz Vorbild – zusammen und vermeidet Kraftausdrücke. Mit einem Lächeln sagt er dann: „Das ist echt schwierig zu beschreiben. Das Jahr ist unvollständig und unbefriedigend. Man ist fast nur damit beschäftigt, die Internetseite des Handballverbands aufzurufen und nachzugucken, ob es irgendwelche Aktualisierungen oder neue Verordnungen gibt.“

Die zweite lange Zwangspause, verursacht durch die Corona-Pandemie, setzt den Handballern ordentlich zu. Bis Ende des Jahres – und damit einen Monat länger als es das Amateursportverbot (bis 30. November) vorsieht – hat der Handball-Verband Niedersachsen (HVN) den Spielbetrieb ausgesetzt. Ob es danach wie geplant im Januar wieder losgehen kann, ist aktuell völlig offen. „Wir sind alle ziemlich gefrustet, weil wir richtig Bock hatten und auch gut in die Saison gestartet sind“, betont Andreas Schnichels, Coach der Landesklassen-Handballerinnen der HSG Bruchhausen-Vilsen.

Andreas Schnichels: „Ein Wellental der Gefühle“

Der 53-Jährige, der seit fast 40 Jahren („mit 14 habe ich angefangen“) Ämter im Handball bekleidet, spricht vom „schwierigsten Jahr“ seiner langen Laufbahn: „So etwas habe ich noch nie erlebt, es ist der Super-GAU – sehr hart für die Sportlerinnen und Sportler, aber auch für die Trainer und Ehrenamtlichen.“ Erst der normale Start in 2020, dann schon früh der erste Corona-Lockdown inklusive Saisonabbruch. „Ein Schock für die Truppe“, erinnert sich Schnichels. Nach der Pause kam „eine tolle Vorbereitung“, urteilt der HSG-Coach: „Alle waren heiß. Man merkte, was ihnen gefehlt hat.“

Doch nach nur einem Spiel der neuen Saison (32:23 gegen Woltmershausen) hieß es wieder: Nichts geht mehr. „Ein Wellental der Gefühle“, nennt es Schnichels – und gibt zu, dass es immer schwieriger wird, mit diesen Rückschlägen und langen Handball-Auszeiten umzugehen: „Man muss die Mannschaft und auch sich selbst immer wieder motivieren – das ist echt nicht einfach.“ Zudem sei es aufwändiger, bei den Einschränkungen etwa Trainingseinheiten vorzubereiten: „Da sind neue Ideen gefragt.“

Sorge um den Handball-Nachwuchs - Quader: „Schwer, eine Begeisterung auszulösen“

Die Mitgliederzahlen in den Handball-Vereinen gehen seit Jahren zurück, immer mehr Clubs schließen sich zu Spielgemeinschaften zusammen – zuletzt etwa die HSG Hunte-Aue Löwen. Und die zwei langen Zwangspausen durch die Corona-Pandemie tragen sicher nicht dazu bei, diesen Trend umzukehren. Im Gegenteil: Es dürfte eher noch düsterer werden – vor allem im Jugendbereich. „Bei den Erwachsenen sehe ich dieses Problem nicht so, aber bei den Kindern und Jugendlichen wird es weiter rückläufige Zahlen geben“, befürchtet Andreas Schnichels, Trainer der Damenmannschaft der HSG Bruchhausen-Vilsen/Asendorf: „Das gilt aber nicht nur für den Handball, sondern auch für andere Sportarten.“ Cedric Quader, Kapitän der Löwen-Oberligamannschaft, sieht es ähnlich und sorgt sich um den Handball-Nachwuchs: „Im Jugendbereich wird es extrem schwer, weiter eine Begeisterung für den Sport auszulösen.“ Was die Mitgliederzahlen in den Damen- und Herren-Teams angeht, ist auch er recht optimistisch: „Jeder freut sich, wenn er wieder den Ball in der Hand halten darf. Da ist man sofort wieder dabei, dafür brennt man zu sehr für seinen Sport.“

In Vilsen – und auch anderen Vereinen – machen sie das Beste daraus und werden kreativ. Schnichels verteilt sogenannte Gymsticks an seine Handballerinnen. Stäbe, die unterschiedliche Funktionen haben und zum Dehnen und Kräftigen in den eigenen vier Wänden geeignet sind. Die Spielerinnen sollen sich zudem Übungen überlegen und in der HSG-Chatgruppe präsentieren. „Die anderen turnen die Inhalte der Videos dann sozusagen nach“, sagt Schnichels und schmunzelt. Mindestens einmal pro Woche soll trainiert werden, auch eigenständig durchgeführte Läufe empfiehlt der Trainer. In Planung sind des Weiteren Online-Fitness-Einheiten, damit die Spielerinnen nicht immer nur für sich, sondern auch mal gemeinsam in der Gruppe trainieren.

Eine Alternative, die anderswo aktuell ebenso beliebt ist. Die Hunte-Aue Löwen haben bereits virtuelle Workouts hinter sich, weitere (etwa zwei pro Woche) werden folgen – unter Anleitung von Athletikcoach Andreas Geweiler. „Die Jungs sollen sich bewegen, fithalten und auch mal ein bisschen quatschen können. Nach einer guten Stunde sind sie ordentlich ausgepowert“, sagt Geweiler. Hauptberuflich ist er Lehrer und unterrichtet in Freistatt (Hauptfächer Mathe und Sport), nach Feierabend trimmt der Sulinger die Löwen. Geweiler baut gerne Elemente aus seiner früheren Sportart Boxen („schnelle Beinarbeit“) oder dem Crossfit-Bereich ein. „Mal gucken, wie sich das Ganze entwickelt. Es ist ein Learning by Doing“, meint Löwen-Trainer Heiner Thiemann. Der 68-Jährige setzt in naher Zukunft auch auf Läufe, denn: „Handballspezifisch können wir momentan leider gar nichts machen.“

2500 Liegestütze: HSG Stuhr setzt auf Challenges

Gleiches gilt natürlich auch für die HSG Stuhr, deren Sporthalle bis Ende November geschlossen ist. Trainer Mike Owsianowski und seine Landesliga-Mannschaft, die noch vor dem ersten Spieltag der Corona-Stopp ereilte, befinden sich deshalb „in einer Vorbereitung light“. „Owo“, der selbst gerne im 35 Quadratmeter großen Fitnessraum im Haus seiner Eltern in Stuhrbaum aktiv ist, hat Trainingspläne verteilt – zwei Acht-Kilometer-Läufe pro Woche sind abzuarbeiten. Die Ergebnisse sollen die Spieler als Screenshot in die teameigene WhatsApp-Gruppe hochladen.

Zusätzlich wird es Challenges geben – „auch, um ein bisschen zu pushen“, sagt Owsianowski. Innerhalb einer Woche sollen die aktuell 16 fitten HSG-Handballer beispielsweise insgesamt 2 500 Liegestütze schaffen – eine Art Wette gegen den Trainer, der unterstreicht: „Als Beweis muss das Ganze gefilmt werden. Auch, um ein bisschen Spaß zu haben.“ Owsianowski, der sich noch weitere sportliche Herausforderungen überlegen will, hält solche Einheiten für eine richtig gute Sache: „Es ist eine Art Teambuilding und weckt den Ehrgeiz. Keiner hat Bock, kein Video zu haben.“

Auch Löwen-Kapitän Quader schätzt die Online-Team-Events, schließlich „sind wir alle auch privat befreundet und können uns im Moment sonst nicht sehen. Das fehlt mir total.“ Er selbst kann die spiel- und trainingsfreie Zeit nutzen, um richtig fit zu werden. Genau wie seine ebenfalls angeschlagenen Teamkollegen Kamil Chylinski und Oliver Born. Quader plagt sich mit einer entzündeten Patellasehne herum, macht deshalb zu Hause Stabi-Übungen und gezieltes Krafttraining. „Ich habe mir im ersten Lockdown solche Balancekissen fürs Training angeschafft“, erzählt Quader: „Die habe ich jetzt wieder aus dem Schrank gekramt.“

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