Günter Distelrath

NFV-Präsident im Exklusiv-Interview: „Die Lust auf Fußball ist überall riesig“

Seit 2017 an der Spitze des NFV: Und aktuell erlebt Günter Distelrath seine intensivste Zeit als Präsident.
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Seit 2017 an der Spitze des NFV: Und aktuell erlebt Günter Distelrath seine intensivste Zeit als Präsident.
  • Malte Rehnert
    vonMalte Rehnert
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Barsinghausen – Es gibt einiges zu bereden – und Günter Distelrath (70) nimmt sich viel Zeit. Mehr als eine Stunde spricht der Präsident des Niedersächsischen und Norddeutschen Fußballverbands (NFV), der auch noch DFB-Vizepräsident ist, mit dieser Zeitung.

Die Themen: Der Abbruch (mit Aufsteigern, ohne Absteiger) der Saison in Niedersachsen – die Kritik, die Folgen und Schritte Richtung Normalität; schließlich ist ab Montag wieder ein Trainingsbetrieb in festen Kleingruppen mit bis zu 30 Personen möglich. Kurz nach dem Interview folgt die nächste Videokonferenz, doch Distelrath kann den Stress irgendwie genießen.

Welches Fußballspiel haben Sie zuletzt live vor Ort gesehen?

Puh, da muss ich überlegen, das ist coronabedingt so lange her (schmunzelt). Im Profibereich war es das Spiel Hannover 96 gegen Wehen Wiesbaden Anfang Februar – ich weiß noch, dass wir mit unseren Ehrenamtlichen dort waren, dass das Spiel nicht so gut war und 96 den Sieg in letzter Minute aus der Hand gegeben hat. Das letzte Spiel im Amateurbereich habe ich am 16. Februar bei Eintracht Northeim gesehen. Ein 2:1 gegen die FT Braunschweig, nachdem die Gäste zunächst in Führung gegangen waren. Anschließend hatte ich die Gelegenheit, mich mit dem Vorstand von Eintracht Northeim auszutauschen und in Augenschein zu nehmen, was dort Eindrucksvolles auf der Sportanlage entstanden ist.

Wie groß ist Ihre Lust, wieder auf der Tribüne zu sitzen oder am Spielfeldrand zu stehen?

Sehr groß, vor allem bei Amateurspielen, da hat man hautnah Kontakt zu Spielern und Zuschauern. Anschließend sitzt man im Vereinsheim und klönt ein bisschen. Das macht einfach Spaß. Ich wünsche mir sehr, dass es bald wieder möglich ist. Was ich merke: Die Lust auf Fußball ist überall riesig.

Anstregend, herausfordernd, nervenaufreibend: Welches Adjektiv beschreibt am besten Ihre vergangenen Wochen und Monate?

Gute Frage (lacht). Es war anstrengend, aber es hat auch Spaß gemacht. Es war anders, nicht einfach, schon auch eine sportliche Herausforderung – dass wir es gemeinsam schaffen, von Anfang März bis heute. Mit der Entscheidung auf dem Verbandstag haben wir ein Fundament gelegt, um jetzt an die Zukunft denken zu können. Das war allen Schweiß wert.

Die Amateurfußballer wünschen sich, dass es Anfang oder Mitte September mit der neuen Saison losgeht. Können Sie ihnen Hoffnung machen?

Ich fand es richtig, dass wir wegen der Corona-Pandemie absolut runtergefahren haben. Momentan haben wir aber stark rückläufige Infektionszahlen – und ich hoffe, dass diese Entwicklung anhält. Man weiß durch Untersuchungen und Gutachten, dass beim Fußball im Freien die Häufigkeit der Kontakte und die Kontaktflächen sehr gering sind – anders als zum Beispiel beim Ringen oder Boxen. Eine Infektionsgefahr auf dem Fußballplatz ist somit kaum gegeben. Deshalb sollte man das ganze Thema im Amateurbereich neu bewerten. Natürlich sind wir an die Vorgaben der Politik und der Behörden gebunden und sollten auch vorsichtig sein. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir in Niedersachsen schon bald nicht nur im Training, sondern spätestens Ende August oder Anfang September auch wettkampfmäßig starten können. Hoffentlich dann auch mit Zuschauern.

Was hat in den kommenden Wochen in der Verbandsarbeit Priorität?

Es gilt, das umzusetzen, was wir auf dem außerordentlichen Verbandstag beschlossen haben. Es ist allen klar, dass dies nicht einfach wird – weil wir nun in den einzelnen Spielklassen teilweise deutlich größere Staffeln haben, und man im Amateurbereich wegen des Wetters, des teilweise fehlenden Flutlichts oder weiter Anfahrtswege nicht dauernd englische Wochen spielen kann.

Die Spielausschüsse haben demnach gerade den stressigsten Job?

Das kann man wohl sagen. Aber sie machen es alle sehr souverän und gut.

Wegen zu vieler Mannschaften werden die Regionalliga Nord und die Oberliga Niedersachsen geteilt. Ist dieses Modell auch in den Landes- oder Bezirksligen vorstellbar?

Es gibt verschiedenste Möglichkeiten. Je später wir starten dürfen, umso schwieriger wird es in großen Staffeln, alle Spiele zu absolvieren. Da wären Teilungen eine Option – aber auch, nur eine Hinrunde zu spielen und die Rückrunde anders zu gestalten, etwa mit Meister- und Abstiegsstaffeln. Da sind unsere Spielausschüsse kreativ und praxisorientiert.

Die Vereine wollen zeitnah wissen, wie ihre Liga genau aussieht. Gibt es eine Deadline für diese Entscheidungen?

Es gibt kein konkretes Enddatum. Jeder Bereich kann für sich entscheiden. Klar ist: Wir wollen so schnell wie möglich Staffeleinteilungen haben, um bereit zu sein, wenn der Startschuss, sprich Saisonbeginn erfolgt. Ich denke, in den nächsten Wochen werden wir Entscheidungen haben. Dies ist von der behördlichen Verfügungslage abhängig. Erst dann kann ein präzises Datum genannt werden.

Wann sollen die XL-Ligen wieder normale Größen haben?

Wir wollen den Überhang nicht in einem Jahr abbauen, sondern geben uns dafür zwei Spielzeiten. Wenn man mit Augenmaß herangeht, wird das reichen. Wir werden erst mal mehr Absteiger haben, aber es soll in einem vernünftigen Verhältnis zur Staffelgröße sein, dass es sportlich fair ist.

Der Niedersachsenpokal musste vor den Halbfinals gestoppt werden. Wie geht es dort weiter?

Auslosungen oder Elfmeterschießen, wie im Bezirks- und Kreispokal, sind nur Hilfsgrößen. Die Halbfinals sind auf der Agenda – und wir sind zuversichtlich, gerade nach den jüngsten Lockerungen, dass wir sie sportlich und auf den Plätzen der beteiligten Vereine austragen können mit entsprechenden Hygiene- und Gefährdungskonzepten und natürlich nur, wenn die behördlichen Freigaben vorliegen. Das ist unser klares Ziel. Wir haben noch kein endgültiges Datum, bis wann wir die Teilnehmer für die erste DFB-Pokal-Hauptrunde melden müssen. Startet der DFB-Pokal spät – ich hoffe nicht vor dem letzten Septemberwochenende – haben wir ausreichend Zeit.

Wann die Saison startet, ist ungewiss. Zudem wird es viele Punktspiele geben. Was halten Sie davon, deshalb für ein Jahr auf Pokalwettbewerbe zu verzichten?

Nichts. Der Pokal ist für alle von hohem Interesse. Wegen der Attraktivität der Spiele und der finanziellen Aspekte – zum Beispiel, wenn es die Chance gibt, in die erste Runde des DFB-Pokals zu kommen. Den Pokal, ob nun auf Verbands-, Bezirks- oder Kreisebene, wollen wir auf jeden Fall austragen.

Während der langen Corona-Zwangspause könnten auch Fußballer auf die Idee kommen, sich ein anderes Hobby zu suchen. Machen Sie sich Sorgen um die Mitgliederzahlen im NFV?

Das tun wir. Gerade die Jugendlichen wollen nicht nur trainieren, sondern sind heiß auf den Wettkampf. Das kann man verstehen. Wenn man an die eigene Jugend zurückdenkt, war man immer heiß auf Punktspiele am Wochenende. Wenn wir auf Dauer keine Wettkämpfe haben, wird sich das negativ auf die Mitgliederzahlen auswirken – bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei Erwachsenen. Wer sich sportlich betätigen möchte, sucht sich dann vielleicht Individual-Sportarten, die er problemloser ausüben kann. Und um unsere Vereine sorge ich mich natürlich auch: Sie müssen kämpfen, weil aktuell fast alle Einnahmen wegfallen, die Kosten aber teilweise weiterlaufen.

Der NFV hatte ursprünglich eine Unterbrechung und dann Fortsetzung der Saison geplant, doch der Widerstand der Vereine war groß.

Das hat mich in dieser Dimension überrascht. Von vielen unangenehmen Lösungen erschien uns diese damals bei den gegebenen Rahmenbedingungen als die beste. Wir sahen reelle Chancen, die Saison sportlich abzuschließen. Dann haben wir festgestellt, dass die meisten Vereine doch anderer Meinung sind. Und das war dann auch die Grundlage für unsere weiteren Entscheidungsschritte.

War die Ablehnung Ihres Einfrier-Vorschlags ein harter Nackenschlag?

Nackenschlag würde ich nicht sagen. Man muss immer damit rechnen, dass Gegenwind kommt – vor allem, wenn man Entscheidungen trifft in einer Situation, die es so noch nicht gegeben hat.

Kritische Stimmen sagen, ihnen habe die ganze Entscheidungsfindung zu lange gedauert – und der NFV habe in seiner Kommunikation nicht das beste Bild abgegeben. Sehen Sie auf Verbandsseite Fehler, Versäumnisse oder Mängel?

Kommunikation ist ja häufig ein Thema, auch in normalen Zeiten, an dem Kritik geübt wird. Rückblickend kann man zur besonderen Situation sagen, dass man dieses oder jenes sicherlich hätte anders machen können. Ich denke aber, wir haben sehr sorgfältig agiert und immer gesagt: Nachhaltigkeit vor Schnelligkeit. Dem einen oder anderen hat es zu lange gedauert, darüber kann man streiten – aber nach der Meinungsbildung bei den Vereinen haben wir stringent auf eine Lösung hingearbeitet und ein akzeptables, belastbares Ergebnis erzielt. Und das ist wichtig: Wir haben die Grundlage für die Zukunft gelegt.

Und die Kritik, dass der NFV zu lange an der Fortsetzungs-Option festgehalten hat?

Wir haben es nicht gemacht, weil wir es doch noch irgendwie durchdrücken wollten, wie es teilweise geschrieben wurde. 30 Prozent der Vereine wollten diese Variante – und dann konnten wir sie nicht einfach wegstreichen. Insgesamt war die Kritik, die mich erreicht hat, sachlich und lösungsorientiert – anders als teilweise in den Sozialen Medien. Das fand ich gut und positiv.

Vereine, die durch den Saison-Abbruch ihrer Aufstiegschance beraubt wurden, sind nicht begeistert. Haben sich Clubs beschwert oder Klagen angedroht?

Rechtliche Einsprüche sind bei uns nicht eingegangen – und ich glaube auch nicht, dass noch etwas kommt. Es gab bei dieser noch nie dagewesenen Konstellation eben keine allumfassende Patentlösung, wo alle sagen: ,Toll, habt ihr super gemacht.‘ Die Abbruchvariante war eben die beste von vielen nicht befriedigenden Lösungen. Und es gab auch Unzufriedende.

Wen zum Beispiel?

Mir ist aktuell die Auslosung zum Aufstieg in die C-Junioren-Regionalliga in Erinnerung. Bei der Auslosung zum Aufstieg ist der I. SC Göttingen 05 gezogen worden, der JFV Verden/Brunsbrock und der TSV Havelse, beide Staffel-Meister, eben nicht. Das ist bitter und tut weh. Und natürlich sind die Vereine sehr enttäuscht, aber letztlich ist es akzeptiert worden.

Sie sind ehrenamtlich doppelter NFV-Präsident, vom Niedersächsischen und Norddeutschen Fußballverband. Zudem DFB-Vizepräsident. Wie viele Stunden pro Tag haben Sie zuletzt in virtuellen Sitzungen vor dem Computer verbracht?

Sechs bis acht, manchmal nur drei. In der gesamten Woche komme ich bei Videokonferenzen schnell auf 25 Stunden. Man kann viel schaffen, hat aber in sehr hoher Intensität Sitzungen mit unterschiedlichsten Themen – manchmal folgt fünf Minuten nach einer Sitzung schon die nächste. Da muss ich thematisch schnell umschalten.

Ihr Ausgleich zur Arbeit vor dem Bildschirm?

Momentan bleibt wenig Zeit, aber das wird sich wieder ändern. Ich schwimme gerne, wandere oder fahre Rad.

Haben Sie in der Corona-Zeit noch ein anderes, neues Hobby für sich entdeckt?

Nein, aber ich merke, dass ich immer perfekter werde im Umgang mit technischen Gerätschaften (lacht) – etwa bei Videokonferenzen.

Wie urlaubsreif sind Sie?

Eigentlich gar nicht. Die Arbeit fordert mich so sehr, dass ich mich nicht urlaubsreif fühle. Ich werde auch nicht groß verreisen, sondern Heimaturlaub machen – ein bisschen an die Küste. Ich bin gerne im Bereich Cuxhaven und generell an Nord- und Ostsee, aber auch im Allgäu. Und der Deister bietet sehr schöne Wanderwege, die ich auch gerne nutze.

Abschlussfrage: Am 6. Februar 2021 folgt der nächste Verbandstag. Stellen Sie sich dort erneut zu Wahl?

Stand heute: Ja.

Zur Person - das ist Günter Distelrath

Wenn man in Gelsenkirchen geboren ist, geht Schalke nie aus dem Herzen raus. Ich bin in der alten Glückauf-Kampfbahn quasi groß geworden.

Günter Distelrath

Sport: Geboren in Gelsenkirchen, geht Günter Distelrath in seiner Jugend für Eintracht Gelsenkirchen auf Torejagd. Position des Linksfußes: linker Flügel. Als Elfjähriger beginnt er beim BC Gelsenkirchen zudem mit dem Basketball.

Beruf: Nach der Ausbildung zum Industriekaufmann in seiner Heimatstadt wechselt er mit 20 Jahren in die Sparkassenorganisation zur Stadtsparkasse Essen. Seine Fortbildung beendet er nach dem Studium als diplomierter Sparkassen-Betriebswirt. Im Alter von 31 Jahren wird er zum Vorstand zur Stadtsparkasse Barsinghausen berufen. 1985 zieht er mit seiner zweiten Frau Eike sowie deren Kindern Doris und Volker nach Salzgitter, um den Vorsitz im Vorstand der dortigen Sparkasse zu übernehmen. Seit 2001 bis zu seinem Ausscheiden Ende 2017 ist er Geschäftsführer des Sparkassenverbands Niedersachsen.

Funktionär: Ehrenamtlich engagiert sich Distelrath in der Vereinsarbeit ab 1982 beim TSV Barsinghausen (als stellvertretender Vorsitzender) und später beim MTV Salzgitter (Vorsitzender). Zum Niedersächsischen Fußballverband (NFV) kommt er 2008. Seit 22. Oktober 2017 ist er Präsident des NFV – und seit 9. Juni 2018 auch Präsident des Norddeutschen Fußballverbands (ebenfalls NFV). Beim DFB ist Distelrath seit 2013, seit 27. September 2019 Vizepräsident für Qualifizierung und Integration sowie Antirassismus.

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