„Eine geile Aktion“

Stickeralben bei Fußball-Vereinen im Kreis Diepholz sehr beliebt

Heiligenfeldes Christian Gerlach präsentiert noch einmal die Utensilien für die Stickeralben-Sammelaktion. Foto: gerlach
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Extra fürs Foto hat Heiligenfeldes Christian Gerlach noch mal alle Utensilien der Sammelaktion herausgekramt: Sticker,  Plakate – und gleich zwei Alben, die der 37-Jährige 2014 beide „vollgemacht“ hat. Foto: gerlach

Immer mehr Fußball-Vereine im Kreis Diepholz haben ihre Liebe zum Stickeralbum entdeckt. Und überall schwärmen die Organisatoren von Heiligenrode bis Rehden von der Resonanz der Mitglieder.

  • Das Sammeln, Kleben und Tauschen wird zur Sucht.
  • Heiligenrodes Markus Müller plant schon jetzt Neuauflage.
  • Heiligenfeldes Christian Gerlach 2014 von Resonanz überwältigt.

Syke - Die „Panini“-Bilder werden ganz viele, vor allem Fußballbegeisterte, noch kennen. Die italienische Firma brachte eine Zeitlang zu jeder Bundesliga-Saison ein Sammelalbum heraus, bei großen Turnieren wie EM oder WM noch immer. Doch mittlerweile sind nicht mehr nur die großen Stars gefragt, sondern auch die Amateursportler. Diverse Anbieter wie „Stickerfreunde“, Stickerstars“ oder „Akinda“ haben den Markt für sich entdeckt und entfachen ein Sammelfieber bei kleineren Vereinen – auch im Kreis Diepholz. Der BSV Rehden etwa hat 2016 ein solches Projekt gestartet, die Handballer der HSG Bruchhausen-Vilsen/Asendorf ebenfalls. Und der TuS Kirchdorf, TuS Barenburg und TSV Holzhausen-Bahrenborstel starteten 2019 gar eine Gemeinschaftsaktion. Doch was macht beim Sammeln, Kleben und Tauschen der Bilder (die Tütchen kosten je nach Inhalt etwa 60 bis 80 Cent) den besonderen Reiz aus? Vertreter von vier Clubs, die dabei waren oder aktuell sind, verraten es .

Ziemlich frisch dabei: Heiligenrodes Jugendleiter Markus Müller zeigt Sammelalbum und Sticker.

TSV Heiligenrode

Der Verein aus dem Nordkreis ist kürzlich eingestiegen ins Sticker-Geschäft – und Jugendleiter Markus Müller, der das Ganze organisiert, klingt total angetan von der Resonanz: „Überragend, unglaublich! Die Kinder freuen sich wie verrückt, auch die Eltern sind begeistert.“ Im Album findet sich die komplette Jugendabteilung von G- bis A-Junioren, zudem fast alle Trainer – insgesamt 240 Bilder. „Ich wollte gerne etwas für den Nachwuchs machen“, erklärt Müller.

Er hat sich für den Schweizer Anbieter „Akinda“ („produziert in Italien“) entschieden: „Dort haben auch schon RB Leipzig und der VfL Wolfsburg ihre Alben gemacht. Wir brauchten keinen Sponsor und mussten nicht in Vorleistung gehen.“ Der Großteil des Erlöses gehe direkt an den Hersteller, einen gewissen Prozentsatz bekomme aber auch der TSV.

Seit dem 16. November werden die Bilder in Heiligenrode verkauft. „Nach drei, vier Stunden waren die ersten 1 200 Tütchen weg. Wir haben 3 500 nachbestellt“, berichtet Müller. Er selbst habe sich erst mal zurückgehalten und nur 50 Sticker (fünf sind in einer Tüte) gekauft, „weil ich ja gesehen habe, wie uns die Dinger aus den Händen gerissen wurden“.

Markus Müller rechnet im Dezember mit viel Absatz

Müller habe früher „alle Alben gesammelt, die es gab“ – und freut sich nun, dass das Vereinsprojekt so gut angenommen wird: „Ich glaube, dass der beste Monat der Dezember wird – Adventskalender und Weihnachten.“ Voraussichtlich bis Ende Januar soll die Aktion, die an keinen besonderen Anlass gekoppelt ist, noch laufen. Wahrscheinlich gibt es auch eine Tauschbörse. Und Müller denkt sogar schon an eine Neuauflage: „Das machen wir bestimmt in zwei Jahren oder so noch mal, dann aber vielleicht auch mit erwachsenen Spielern und bestimmt mit einem professionellen Fotografen.“ Diesmal machte der TSV die Bilder selbst, Müller habe 900 bis 1 000 gesichtet und beschriftet. „Das hat richtig viel Spaß gemacht, war aber eben auch ein Riesenaufwand.“

TSV Bassum

Die Bassumer befinden sich seit Ende Oktober im „Wahnsinns-Sammelfieber“, wie Jugendleiter, B-Junioren-Coach und Aktions-Koordinator Dennis Hammer es nennt. „In den ersten Tagen sind 500 Alben und 80 000 Sticker weggegangen“, schwärmt Hammer: „Das ist sensationell. Es macht Megabock, ist etwas Einmaliges – und das soll es auch erst mal bleiben.“

Erstherren-Trainer Torsten Klein, der sich für die Umsetzung ausgesprochen und auch Kontakt zu Anbieter „Stickerfreunde“ aufgenommen hatte, war mit Hammer beim Start der Aktion zum Frühstück verabredet – beim Bäcker des Supermarkt-Partners. „Wir haben uns das Treiben angeschaut. Es war immer eine Schlange am Verkaufsstand“, sagt Klein und ergänzt: „Das Album ist einfach eine geile Aktion. Und es passte gerade, es mal zu machen – auch wenn es anfangs ein bisschen merkwürdig war, sich selbst auf einem Sammelbild zu sehen.“

Dennis Hammer hatte sein Album nach drei Tagen voll

Die Zwei schlugen auch gleich ordentlich zu, gönnten sich jeweils zwei Big-Packs a 100 Päckchen – macht 800 Sticker. „Ich hatte mein Album nach drei Tagen voll“, sagt Hammer und schmunzelt. Besonders selten sei Drittherren-Coach Martin Scharf, „den brauchen fast alle“. Als letztes Bild klebte Hammer die 301 ein, Theo Liesmann aus der U 13.

Die gesamte Fußballsparte ist im Heft, 407 Motive. Bis 3. Januar läuft der Verkauf, anschließend können Bilder nachbestellt werden. Klein fehlen noch 20 Bassumer – die dürfte er aber bald bekommen, schließlich wird auch in der WhatsApp-Gruppe aller Bassumer Trainer munter getauscht. Sonst geht es dort oft um Platzbelegungen, aktuell meistens um die Sticker. Klein hat „schon einige Haufen Doppelte zurechtgelegt“, gleich fünfmal (!) ist er selbst dabei. Mit einem Augenzwinkern sagt er: „Die billigen Spieler gibt es halt oft . . .“ Praktisch: Der 49-Jährige hat mit dem Album gleich ein prima Erinnerungstück, wenn er im Sommer zum Bezirksliga-Rivalen SV Bruchhausen-Vilsen wechselt.

SV Bruchhausen-Vilsen

Pressewartin Jessica Riedemann erzählt eine nette Anekdote. In ihrem Wohnzimmer „saßen plötzlich vier 60-Jährige, die da sonst eher nicht gesessen hätten“. Sie wollten Sammelbilder tauschen. Auch Riedemann beschritt in der Corona-Zeit mit Einschränkungen und besonderer Vorsicht ungewöhnliche Wege: „Ich bin mit meinen Doppelten mal hier und da vorbeigefahren.“ Nach etwa einer Woche hatte sie alle 451 Motive eingeklebt – Album komplett.

Vom 11. Mai bis 11. Juli lief die Sticker-Sause anlässlich des 100-jährigen Vilser Vereinsjubiläums. Eine Tankstelle im Ort, eine der Verkaufsstellen, „musste mehrfach nachordern“, erzählt Riedemann, „die Bilder gingen weg wie warme Semmeln“. Genaue Verkaufszahlen habe Anbieter „Stickerfreunde“ nicht genannt, „wir haben aber erfahren, dass es sehr gut gelaufen ist“. Momentan sind im Vereinsheim Boxen aufgestellt, dort können doppelte Sticker gespendet werden.

Hintergrund: So funktioniert es

Was müssen Amateurvereine beachten, die ein eigenes Stickeralbum haben möchten? Wir haben exemplarisch beim Anbieter „Stickerfreunde“ nachgefragt – und Projektleiterin Laura Momann antwortet.

Seit wann sind die „Stickerfreunde“ am Markt – und wie entstand die Idee dazu? „Uns gibt es seit fünf Jahren, jeder von uns ist als Teenie glühender Panini-Fan gewesen und hat gesammelt, getauscht, geklebt. Was bei den Profis funktioniert, kickt im Amateurbereich noch mehr: In unseren Sammelalben für regionale Vereine werden die Mitglieder und Aktiven zu Stars auf den Fotos – von der F-Jugend bis zu den Senioren. Das Sammelfieber verbreitet sich über Jahrgänge hinweg und stärkt den Teamgedanken. Gerade jetzt.“

Wie ist das Procedere? „Wir sind von Anstoß bis Abpfiff dabei – von der ersten Mail oder dem Telefonat über die Gestaltung, die Produktion und den Druck bis zum Kick-Off-Event und zur gesamten Verkaufsphase.“

Wer macht die Fotos? „Es gibt ein Shooting mit einem Profi-Fotografen. Wir machen nur Porträts, immer im Trikot oder Sportdress. Bei Minderjährigen müssen die Eltern vorher zustimmen.

Was kostet es die Vereine? „Der Verein zahlt nichts und muss auch keine Sponsoren mitbringen. Im besten Fall fließt sogar noch ‘was in die Vereinskasse. Der Verein hat die Möglichkeit, über lokale Werbepartner Einnahmen zu erzielen.“

Wie funktioniert es mit Nachbestellungen von Fotos? „Nach Ende des Aktionszeitraums, der zwischen acht und zwölf Wochen liegt, können Sticker über unser Web-Portal nachbestellt werden – auch Vorbestellungen sind möglich.“

Wer kann ein Album beauftragen? „Die Mindestanzahl an Personen in den Alben ist 300, wir haben auch schon welche mit 850 Aktiven umgesetzt. Ein Album hat 48 bis 120 Seiten, abhängig von der Teilnehmerzahl.“

Wie verdienen Sie Geld an den Alben? „Wir bekommen über den Verkauf der Sammelsticker die Kosten wieder rein. Es gibt drei Modelle: Der Verein kann die von uns produzierten Alben in Eigenregie verkaufen. Der Partner im Lebensmitteleinzelhandel unterstützt das Projekt, indem er die Sticker-Packs ab einem bestimmten Einkaufswert ausgibt. Oder wir gehen komplett in Vorleistung und verkaufen das Ganze als Kommissionsware.“

Sehen Sie einen Sticker-Boom? „Ja! Wir stellen einen Run auf unsere Alben fest. Weil die Fußball-EM nicht stattgefunden hat, aber auch wegen Corona generell. Durch den Lockdown ist es für die Vereine schwieriger, Kontakt zu den Mitgliedern zu halten. Ein Album mit allem Drumherum ist ein Marketing-Tool, mit dem der Verein genau das kann. Wir haben bundesweit über 400 Sticker-Projekte für Sport- und Schützenvereine realisiert – von Flensburg bis Unterhaching.“

Aktion: Die ersten zwei Vereine im Verbreitungsgebiet dieser Zeitung, die sich ab jetzt für ein „Stickerfreunde“-Projekt entscheiden, bekommen vom Unternehmen aus Bad Bentheim einen kompletten Trikot-Satz für eine Jugendmannschaft geschenkt. Kontakt per Mail: hallo@stickerfreun.de. mr

„Es ist ein bisschen schade, dass wir die Emotionen beim Verkauf und Tauschen wegen Corona nicht richtig mitbekommen haben“, findet Riedemann. Trotzdem habe sich der Aufwand gelohnt. „Grundsätzlich würden wir es wieder machen, wenn auch nicht alle zwei, drei Jahre.“ Sie habe den Verein und die Mitglieder durch die Album-Aktion noch besser kennengelernt, betont Riedemann: „Das war definitiv so. Ich wusste zum Beispiel gar nicht, dass wir so viele Mädels und Frauen haben.“

SV Heiligenfelde

2014 war die Geschichte mit den eigenen Stickern für Amateurvereine noch ziemlich neu – und der SVH eine Art Pionier. RTL und der NDR drehten Fernsehberichte, Radio Antenne war für den Hörfunk vor Ort. „Wir waren die Ersten im Landkreis und ich meine sogar in ganz Norddeutschland“, erinnert sich Christian Gerlach, inzwischen Altherrenspieler und bis vor kurzem Vorsitzender des Clubs: „Deshalb war das damals so interessant.“

Er habe im Internet von einer niederländischen Firma gelesen, die diese Alben anpries – und als es dann auch deutsche Anbieter gab, stiegen die Heiligenfelder, unterstützt von einem lokalen Supermarkt, prompt ein. Über „Myfooza“ (inzwischen „Stickerstars“) setzte der SVH die „geile Sache“ (Gerlach) um und organisierte die Fotos selbst. Seine Idee dazu sei spontan gewesen – und weil sein Vorschlag mit einem Spiel gegen Bundesligist Werder Bremen seinerzeit umgesetzt und ein voller Erfolg wurde, vertraute der Verein Gerlachs Riecher erneut.

Bei der Auftaktbörse war das Heiligenfelder Dorfgemeinschaftshaus voll

Wieder zu Recht. „Es gab einen Riesen-Run, das hätte ich nie gedacht“, staunt der 37-Jährige noch heute. Bei der Auftakt-Börse war das Dorfgemeinschaftshaus „voll bis unters Dach“, erinnert sich der mitverantwortliche Gerlach: „Jedes Kind träumt doch davon, mal ein eigenes Sammelbild zu haben.“ Am Ende waren laut dem ehemaligen Erstherren-Keeper um die 30 000 Tütchen verkauft – das entspricht 150 000 Bildern von der gesamten Fußballsparte. „Die Aktion war ganz, ganz lange Thema“, sagt Gerlach: „Und sie hat zu noch mehr Kommunikation im Verein geführt.“ Auch er war extrem enthusiastisch. Nur eine Woche habe es gedauert, bis das Heft des einst leidenschaftlichen „Panini“-Bilder-Sammlers gefüllt war. „Ich habe mir dann noch ein zweites geholt und es auch noch vollgemacht“, sagt Gerlach und grinst.

Möglicherweise startet der SVH in absehbarer Zeit eine Neuauflage: 2021 wird der Verein 100 Jahre alt – das wäre doch ein perfekter Anlass für Album Nummer zwei . . .

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