Fußballer des SV Staffhorst verklagt Gegenspieler vom FC AS Hachetal II – und bekommt Recht

Die Dimension eines Foulspiels

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„Lieber mal ein Tor des Gegners zulassen und dafür auf eine Blutgrätsche verzichten“, wünscht sich der Sulinger Andreas Hindahl, Fachanwalt für Arbeitsrecht.

Sulingen - Von Arne Flügge. Fußball ist in gewisser Weise auch ein Kampfsport. Freilich, keiner wie Kick-Boxen, das zum Ziel hat, den Gegner absichtlich zu schlagen, zu treten und ihn auf die Bretter zu schicken. Doch wer Fußball spielt, muss wissen und auch akzeptieren, dass er sich verletzen kann. Ohne Fremdeinwirkung, aber auch durch den Gegner. Und die Bandbreite der Fouls ist groß. Vom Trikotzupfen bis zur vielzitierten „Blutgrätsche“. Geahndet wird das je nach Intensität vom Schiedsrichter. Mit Freistoß, Gelber oder Roter Karte. Meistens ist die Sache dann damit erledigt, selbst wenn der gefoulte Spieler verletzt ausgewechselt werden muss. Jetzt aber hat ein Foulspiel eine juristische Dimension erreicht. Ein Spieler des SV Staffhorst verklagte einen Gegenspieler vom FC AS Hachetal II. Und bekam vor dem Landgericht Verden Recht. Der Staffhorster erstritt unterstützt vom Sulinger Andreas Hindahl, Fachanwalt für Arbeitsrecht, Schmerzensgeld in Höhe von 4500 Euro sowie 1700 Euro Schadenersatz (Aktenzeichen: 2 O 30/15). Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Eine Berufung wird von der Beklagtenseite derzeit noch geprüft.

Rückblick: Sonntag, 4. Mai 2014, kurz nach 15.00 Uhr. Schauplatz Staffhorst, Sportplatz. Das Spiel der 3. Fußball-Kreisklasse Süd zwischen dem SV Staffhorst und dem FC AS Hachetal II geht in die fünfte Spielminute. Der Staffhorster Linksaußen startet mit Tempo über die linke Seite einen Angriff. Er legt sich den Ball vor, und in diesem Moment kommt ein Hachetaler Verteidiger von der Seite und fährt dem Stürmer in die Parade. Der Schiedsrichter, der dem Hachetaler sofort die Rote Karte zeigt, sagt später in der Zeugenvernehmung vor Gericht: „Herr ... hatte so überhaupt keine Chance, an den Ball zu kommen. Deshalb habe ich ... auch sofort die Rote Karte gezeigt... Es war schon eine ziemliche Grätsche, die .... da ausführte. Es war eine Blutgrätsche. Der Kläger hat da mal einen ganz schönen Salto gemacht.“

Der Staffhorster Spieler verletzte sich bei dem Foulspiel schwer, riss sich sämtliche Bänder in der linken Schulter, musste zwei Mal operiert werden. Er war vom 5. Mai bis 4. Juli 2014 krankgeschrieben. „Als Landwirt hatte mein Mandant dadurch auch Einkommenseinbußen“, sagt Anwalt Hindahl, der zusammen mit dem ehemaligen Sulinger und Ex-Werder-Profi Michael Schulz auch Fußballprofis juristisch berät. Es wurde Klage eingereicht.

Beweisführung

ist ziemlich schwer

Schwer ist in einem solchen Fall sicherlich die Beweisführung. Wann ist es noch ein Foul? Wann mehr? Und wann ist es eine leicht, wann eine grob fahrlässige Handlung? Wann eine vorsätzliche? Der Bundesgerichtshof stellt klar: „Im Fußballsport fehlt es an dem für eine Haftung erforderlichen Verschulden, wenn ein Regelverstoß noch im Grenzbereich zwischen der einem solchen Kampfspiel eigenen gebotenen Härte und der unzulässigen Unfairness liegt.“ (BGH VersR 1976, 591). Für diesen konkreten Fall bedeutete das: Es musste nachgewiesen werden, ob der Grenzbereich überschritten wurde.

Insgesamt werden in der Beweisaufnahme zehn Zeugen gehört, darunter der Schiedsrichter sowie Spieler beider Mannschaften. „Jeder hat mehr oder weniger deutlich das Foul gesehen“, berichtet Rechtsanwalt Hindahl, der in gewisser Weise Verständnis dafür zeigt, „dass die Hachetaler ihren Kollegen nicht in die Pfanne hauen wollten“.

Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme ist das Gericht zur Überzeugung gekommen, dass der Hachetaler Verteidiger den Gegenspieler „durch sein regelwidriges Verhalten zumindest grob fahrlässig und in unfairer Weise verletzt“ hat. Ein besonderes Gewicht in der Entscheidungsfindung des Gerichts hatte die Aussage des Schiedsrichters, der die Aufgabe gehabt habe, das Spielgeschehen stets genau zu verfolgen und Regelverstöße zu ahnden: „Er war deshalb in besonderer Weise beobachtungsbereit und hat das Spiel nicht nur beiläufig wahrgenommen.“

In der Urteilsbegründung heißt es weiter, dass der Abwehrspieler aus Hachetal „bei seinem Eingreifen überhaupt keine Möglichkeit hatte, den Ball zu erreichen. Ihm kam es lediglich darauf an, den auf das Tor des FC Hachetal zulaufenden Kläger zu stoppen.“ Ein mit entscheidender Faktor war also, dass der Ball nicht mehr in der Nähe war. „Wäre er es gewesen, so hätte man das Foul wahrscheinlich als normalen und harten Zweikampf gewertet, und wir hätten den Prozess vermutlich verloren“, räumt Hindahl ein.

Das Gericht geht zwar nicht davon aus, dass der Hachetaler eine Verletzung des Stürmers billigend in Kauf nahm oder anstrebte. Er habe jedoch gewusst, dass der im Lauf befindliche Angreifer sich bei einem

Droht im NFV-Kreis

jetzt eine Klagewelle?

Sturz verletzen könne, „wenn er ihm in regelwidriger Weise das Bein stellt. Das ist jedem Fußballer bekannt. Der Beklagte hat seinem Ziel, einen Torerfolg gegen seine Mannschaft zu verhindern, der Gesundheit des gegnerischen Spielers untergeordnet. Das ist nicht nur grob unsportlich. Sein Verhalten ist als grob fahrlässig und grob unfair zu bewerten“, heißt es in der Urteilsbegründung weiter. Ob der Hachetaler gegrätscht ist oder nur kurz das Bein angehoben hat, wie es zwei Zeugen bekundet hatten, könne letztlich offen bleiben, denn eine unterschiedliche Bewertung der Geschehnisse folge daraus nicht.

Womit auch die vom Bundesgerichtshof eingeräumte Grenze der hinzunehmenden Härte bei einem Fußballspiel deutlich überschritten wurde, wie Rechtsanwalt Hindahl meint: „Ohne jede Rücksicht auf die Gefahr oder die Folgen seines Einsteigens für meinen Mandanten.“

Das Urteil des Landgerichts Verden dürfte im NFV-Kreis Diepholz bislang wohl einzigartig sein. Was bedeutet das nun für die Zukunft? Wurde ein Präzedenzfall geschaffen, der jetzt eine Klagewelle bei ähnlich gelagerten Fällen nach sich zieht? „Man kann nicht ausschließen, dass dieses Urteil nun zum Anlass genommen wird, sich gegebenenfalls rechtlichen Beistand zu holen, um seine rechtlichen Ansprüche durchzusetzen“, sagt Hindahl. Doch dem 55-Jährigen wäre es lieber, wenn dieser Fall zur Abschreckung dienen könnte. „Viele wissen gar nicht, dass es für sie böse ausgehen kann, wenn sie in einem Fußballspiel den Grenzbereich der gebotenen Härte verlassen“, erklärt der Fachanwalt: „Jeder Fußballer sollte sich bewusst sein, dass es in solchen Fällen juristische Regeln gibt, die zur Anwendung kommen können.“

Hindahl plädiert dafür, bei Zweikämpfen mehr an das Fair-Play und die Gesundheit der Gegenspieler zu denken und auch dementsprechend zu handeln. „Insbesondere in den unteren Klassen, wo die Technik der Spieler meistens nicht so ausgereift ist. Lieber mal ein Tor des Gegners zulassen und dafür auf eine Blutgrätsche verzichten.“

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