Luftpistolen-Olympiasieger Michael Nestruev über eine Bassumer Freundschaft, russischen Luxus und die Rente mit 40

„Für Moskauer Verhältnisse ist das nichts“

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Nestruev am Schießstand, voll konzentriert. Der Sport sei „gut für die Seelenorganisation“, sagt der 44-jährige Russe.

Bassum - Von Arne Helms. Er hat Geld genug, um sich mitten in Moskau, der teuersten Stadt der Welt, ein Haus zu bauen. Schon seit acht Jahren darf er sich Olympiasieger nennen. Der russische Staat versorgt ihn gebührend.

Nötig hat Michael Valeryevich Nestruev diesen Stress wahrlich nicht, sich alle paar Wochen in den Flieger zu setzen, nach Bassum zu kommen und mit der Sportgilde 98 in der Luftpistolen-Bundesliga anzutreten. Im Interview erzählt der 44-Jährige, warum er es trotzdem tut, und gibt dabei viel über sich selbst preis. Neben ihm sitzt Artur Gevorgjan, der für Nestruev mehr ist als nur Vereinskollege: vor allem Freund, an diesem Tag aber auch Vokabellieferant, wenn das Schuldeutsch mal nicht mehr ausreicht.

Herr Nestruev, nur zwei Worte: Warum Bassum?

Michael Nestruev: Die Bundesliga ist die beste Trainingsmöglichkeit und Bassum sehr professionell: gute Schützen, neu gebauter Schießstand, gutes Licht.

Dinge, die in Russland nicht zu finden sind?

Nestruev: Doch, aber der wichtigste Grund ist ja Artur, mein Freund.

Wie, wo und wann haben Sie sich kennengelernt?

Nestruev: Oh, das ist lange Zeit her.

Artur Gevorgjan: Mitte der 80er-Jahre bei der Nationalmannschaft der Sowjetunion (Gevorgjan ist gebürtiger Armenier, Anm. d. Red.).

Nestruev: Stimmt, während der Vorbereitung zur Weltmeisterschaft.

Später hieß es: Gevorgjan für Deutschland gegen Nestruev für Russland. Die Freundschaft ist geblieben?

Gevorgjan: Wir haben sie immer gepflegt, auch wenn wir im Moment des Wettkampfs Gegner waren. Jetzt kann ich mich morgen früh entscheiden, nach Russland zu fliegen. Wie vor der letzten EM. Da habe ich kurz mit Michael telefoniert und ihm meine Landezeit durchgegeben. Mehr nicht. Michael hat sich um alles gekümmert. Das ist unsere Freundschaft. Michael hatte ja 2003, als er zu uns kam, auch ganz andere Angebote aus Süddeutschland. Da hätten wir mit unserem Verein nicht mithalten können.

Finanziell?

Gevorgjan: Genau. Aber Michael hat gesagt: Das Geld spielt keine Rolle. Mit Geld kann man keine Freunde kaufen.

Und erst recht nicht erhalten. Wie schwer macht es Ihnen die Distanz, die Freundschaft zu pflegen?

Nestruev: Sport kennt keine Distanz. Ich habe auch Freunde in Australien und Neuseeland. Gemeinsam haben wir einen guten Freund in Thailand. Der beste Thai-Mann der Welt (lacht). Es ist ja ganz leicht, per Skype zu telefonieren.

Gevorgjan: Für viele heißt dieser Sport nur: Wettkampf, Schießen und ab nach Hause. Für uns ist das Schießen aber wie ein zweites Zuhause.

Und das teilen Sie mit Michael Nestruev?

Gevorgjan: Es ist zumindest von Vorteil, dass ich ein bisschen Russisch kann und Michael etwas Deutsch.

Was sagen Ihre Familien dazu?

Gevorgjan: (lacht) Michael ist genau so beschäftigt wie ich, mit drei Kindern.

Nestruev: Zwillinge, Tochter und Sohn, gerade zwei Jahre alt. Und ein vierjähriger Sohn. Als erstes zählt meine Familie. Der Sport ist nur Hobby. Aber daraus ziehe ich Energie. Das ist sehr gut für die Seelenorganisation, wie Fischen oder so.

Ohne Frauen?

Gevorgjan: Die Frauen von Michael und mir waren noch nie bei einem Wettkampf dabei.

Warum nicht?

Gevorgjan: Weil sie dort eher Störfaktor als Hilfsfaktor sind. Privates darf man nicht mit in den Wettkampf nehmen. Nur mein kleiner Sohnemann ist dabei, weil er das seit Jahren gewohnt ist. Und darüber will ich mich mit ihm nicht streiten. Michael sieht es ähnlich. Wir sind beide Skorpione, fast identisch, vieles passt zusammen bei uns, vom Charakter her.

Sie wirken beide bodenständig. Gibt es in der Bundesliga auch das Gegenteil – Stars, die völlig auf Distanz bleiben?

Gevorgjan: Nein, wer so ist, braucht in dem Sport nicht aufzutauchen. Michael ist nach seinem Olympiasieg auch der gleiche Mensch geblieben.

. . . der sich in Moskau mit 20 Millionen anderen Menschen eine Stadt teilt. Wie lange brauchen Sie da an den Schieß-Wochenenden, um sich bis zum Flughafen vorzuarbeiten?

Nestruev: Ich fahre mit dem Zugexpress zum Flughafen. Von dort fliege ich in zwei Stunden die 2 000 Kilometer nach Hannover oder Hamburg und fahre mit dem Mietwagen nach Bassum. Insgesamt dauert das alles nur vier Stunden. Für Moskauer Verhältnisse ist das gar nichts.

Wo liegt Ihr neues Haus in Moskau?

Nestruev: Moskau hat einen Durchmesser von 40 Kilometern. Das Haus liegt fast direkt im Zentrum. Mit dem Fahrrad bin ich in zehn Minuten am Kreml.

Gevorgjan: Michael hat jahrelang gebraucht, um sich für diesen Platz zu entscheiden.

Nestruev: Weil das jetzt der teuerste Platz ist, wo man in Moskau wohnen kann. Ungefähr so, wie in der Stadtmitte von Berlin. Wobei? Ich glaube, Berlin ist billiger. Wie in New York vielleicht.

Was kostet der Quadratmeter dort?

Nestruev: 7 000 Euro. Minimum.

Ein Leben im Luxus?

Nestruev: Was soll ich sagen? Ich bin Moskauer. Meine Eltern, Oma und Opa, alle kommen dort her. Meine Familie lebt seit 200 Jahren in Moskau.

Gevorgjan: Michael will nicht, dass die ganze Innenstadt in die Hände von reichen Firmen fällt. Für ihn ist das eine Sache der Familien-Ehre.

Nestruev: Ich hoffe, dass wir im nächsten Jahr einziehen können. Noch haben die Handwerker mit dem Innenausbau zu tun.

Bei dem ganzen Stress in Moskau – kommen Ihnen die Trips ins beschauliche Bassum da wie Urlaub vor?

Nestruev: Nein, der Sport macht mir Stress, aber ich will diesen Stress. Schießen bringt mir Kraft und Energie fürs Leben. Dieser Kampf gegen sich selbst. Das ist etwas anderes als zum Beispiel in der Leichtathletik, wo auf der Nebenbahn ein Gegner steht.

Mit der Pistole in der Hand wirken Sie immer sehr abgeschottet, in Ihrer eigenen Welt. Was für ein Typ sind Sie privat?

Nestruev: Meine Familie erwartet von mir, dass ich erfolgreich bin. Ich hatte zum Glück viel Erfolg, habe einige Medaillen gewonnen. Nur meine Kinder, die machen mir noch immer Stress (lacht). Die erwarten nach jedem Wettkampf Geschenke.

Und was bringt der Papa mit? Mit dem Bullenschluck, den es in Bassum für einen perfekten Schuss, eine 10,9, gibt, können die Drei ja wenig anfangen.

Nestruev: Süßes häufig. Den Bullenschluck lasse ich immer hier.

Den perfekten Schuss haben sie scheinbar auch mit Ihrer Karriere gelandet. Als gelernter Büchsenmacher sind Sie Geschäftsführer einer Waffenfirma. Sind Sie vernarrt in Waffen?

Nestruev: Was den Sport betrifft, ja. Es sind Sportwaffen, die ich produziere. Und ich organisiere Wettkämpfe. Das ist wichtig, denn in der richtigen Richtung können wir so Waffen benutzen – und die richtige Richtung ist der Sport.

In Deutschland wird der Umgang mit Waffen sehr kritisch beäugt, auch wenn es nur den Sport betrifft. Wie ist es in Russland?

Nestruev: Es gibt viele Kritiker. Das Waffengesetz in Russland ist noch strenger als in Deutschland. Aber im olympischen Programm ist Sportschießen eine Disziplin wie Boxen, Schwimmen oder Leichtathletik auch. Warum soll ich Schlechtes über diesen Sport denken? Wie alle Sportarten bringt er viele gute Sachen für junge Menschen mit sich, wie Regeln und Disziplin. Vielen jungen Leuten hilft das, ihre Rolle im Leben zu finden.

Sie haben Ihre Rolle vor vier Jahren umdefiniert, weil sie mit 40 Jahren in Rente gegangen sind. Wie erklärt man das einem Deutschen?

Nestruev: Ich war beim Militär. Bei uns gibt es die Möglichkeit, diese Pension zu bekommen. Für einen Tag im Dienst bekommt man einen Tag Pension. Und wer in den Krieg oder zum Beispiel in die Konfliktzonen bei uns im Kaukasus muss, bekommt das Doppelte.

Mussten Sie auch in den Krieg ziehen?

Nestruev: Ich war beim Militär. Mehr darf ich nicht sagen. Nur das: Ich habe vom Staat Orden und Medaillen bekommen.

Verbunden mit einer Schweigepflicht?

Nestruev: Ich habe 25 Jahre meinen Dienst absolviert, vom Soldaten bis zum Oberstleutnant. Das war eine andere Seite des heutigen Lebens, in Uniform, aber für Männer in Russland ist das wichtig. Ich war Sportleiter in einer großen Militärabteilung. Und jetzt ist die Zeit nach dem Dienst angebrochen, eine schöne Zeit.

Haben Sie direkt im Kreml gearbeitet?

Nestruev: Ich nicht, aber meine Frau. Sie ist Beraterin der Präsidenten-Mannschaft.

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