Ex-Barnstorfer feiert Weihnachten in Irland

Elfenstreiche bei den Gervés

Familie Gervé Weihnachten
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Mit Christmas-Pullis, Tannenbaum – und sogar einem festlichen Motiv auf dem Fernsehbildschirm: So feiern Neringa, Tajus, Teja und Andrius Gervé (von links) Weihnachten in Dublin.

Essen, Entspannung und Streiche von Fabelwesen - bei Andrius Gervé und seiner Familie geht es hoch her an den Weihnachtstagen in ihrer neuen irischen Heimat. Der Ex-Handballer der HSG Hunte-Aue Löwen genießt die Ablenkung, Corona machte den Start in Irland schwer genug.

  • Abendessen-Marathon: Gleich zwölf Gerichte gibt es heute nach litauischem Brauch.
  • Wegen der Pandemie hat der ausgewanderte Sportlehrer harte Lockdown-Wochen hinter sich.
  • Für 2021 hat Gervé einen Wunsch: „Bitte kein Corona mehr!“

Dublin – Der Plan steht: Nach anstrengenden und komplizierten ersten Monaten in Irland sehnt sich Familie Gervé nach ein bisschen Besinnlichkeit. An Heiligabend lässt sie es deshalb heute ganz ruhig angehen. Vater Andrius und Mutter Neringa wollen mit ihren Kindern Tajus (6) und Teja (4) spielen, ein bisschen Spazieren gehen, Lieder singen und Gedichte vortragen, den Fernseher auslassen. Das selbst verordnete Entspannungs-Event wird allerdings nicht zu 100 Prozent funktionieren, denn sie müssen noch den Abendessen-Marathon vorbereiten. Kein Fleisch, dafür Fisch, Salate, Brotkugeln, Obst. Zwölf (!) mehr oder weniger üppige Gerichte wird es nach litauischem Brauch geben, erzählt Andrius Gervé im WhatsApp-Videogespräch.

Die Zeit vergeht dabei wie im Flug, 93 Minuten und 18 Sekunden verrät der Blick auf das Aufnahmegerät. Der 34-Jährige, bis Sommer noch beim Handball-Oberligisten HSG Hunte-Aue Löwen und ehemaliger Nationalspieler Litauens, hat eben viel zu erzählen. Über die durch Corona erheblich erschwerte Anfangszeit in Dublin. Über seinen Job als Sportlehrer. Über Currywurst und den Weihnachtselfen, der im Haus sein Unwesen treibt.

Der geschmückte Tannenbaum steht seit Wochen

Normalerweise verbringen die Vier das Weihnachtsfest gerne bei Gervés Familie im nordlitauischen Panevezys. Aber die Zeiten sind eben nicht normal. Weil sie nicht reisen und keine Quarantäne in Kauf nehmen wollen, bleiben sie in ihrem neuen Zuhause und machen es sich dort gemütlich. Aus Barnstorf, wo sie zehn Jahre lebten, haben sie nur das Nötigste mitgenommen und in Dublin neue Möbel gekauft.

Der geschmückte Tannenbaum steht seit Wochen im Wohnzimmer ihrer Doppelhaushälfte im Dubliner Bezirk 15. Castleknock heißt der Vorort. Vater und Mutter haben sich extra Weihnachtspullis zugelegt, die Kinder hatten längst welche. Die Geschenke sind auch alle besorgt, hauptsächlich via Internet. „Wir haben viel click and collect genutzt“, sagt Gervé: „Man sucht sich die Sachen online aus und kann sie dann in den Geschäften abholen.“ Die Bescherung machen sie morgens am ersten Weihnachtstag. „Wenn die Kinder aufstehen, dürfen sie alle Geschenke auspacken. Das ist immer ein großer Spaß“, freut sich Gervé auf die leuchtenden Augen seiner Kinder.

Die besondere Stimmung in der Advents- und Weihnachtszeit ist für die litauische Familie eine Art Kontrastprogramm zu dem, was sie bisher in der irischen Hauptstadt erlebt hat. Corona hat alle Planungen gehörig durcheinandergewirbelt. Schon der Start war – sagen wir – ungewöhnlich. Eine Freundin aus Irland machte Fotos und Videos vom Haus, wegen der Reise-Auflagen waren die Gervés zwecks einer Besichtigung nicht selbst vor Ort. Sie zogen dann ein, räumten während der 14-tägigen Pflicht-Quarantäne alles auf und ein – und sind mit ihrer neuen Bleibe mittlerweile sehr zufrieden. Etwa 90 Quadratmeter, drei Schlafzimmer, ein großes Wohnzimmer plus Küche. Etwas kleiner als in Barnstorf – aber es reicht. Und die Nachbarn in der Siedlung, in der ein Haus dem anderen gleicht, seien nett und „total offen“.

Corona wirbelt das Schulleben durcheinander

„Wir haben etwas gesucht, das in der Nähe meiner Schule ist“, berichtet Gervé. Nicht einfach, aber letztlich erfolgreich. Nur zehn Minuten sind es zu Fuß zum 1995 gegründeten Castleknock Community College (CCC) an der Carpenterstown Road. Die Sekundarschule mit Zwölf- bis 19-Jährigen und dem irischen Motto „Mol an Oige agus Tiocfaidh Si“ („Lobe die Jugend – und sie wird gedeihen“) ist der neue Arbeitsplatz des Diplomsportlehrers. Die ersten Wochen dort: ebenfalls schwierig. Zwar konnte er sich trotz der Masken und des mitunter recht schnellen Sprechens flott und gut verständigen („das Englisch in Dublin ist so wie das Deutsch in Niedersachsen“), doch das Schulleben war und ist wegen Corona insgesamt völlig anders.

Bei seinem Vorstellungsgespräch im Oktober 2019 sei noch alles prima gewesen, inzwischen „sehe ich überall müde Augen. Die Kollegen und ich sind einfach gestresst“. Und die Kinder in der Schule natürlich auch. „Vor allem am Anfang waren sie ängstlich, hatten Fragezeichen auf der Stirn und wussten nicht, warum sie gewisse Sachen nun nicht mehr machen durften.“

Sein Arbeitsplatz: Gervé mit Sportlehrer-Schuloutfit und Maske im Fitnessbereich der Turnhalle, die aktuell größtenteils für normalen Unterricht genutzt wird.

Gervés Hauptaufgabe ist es, sich um die Inklusion im Sportunterricht zu kümmern. Etwa 100 bis 150 Schüler von insgesamt 1 200 seien gehandicapt und bräuchten besondere Unterstützung. „Wir haben beispielsweise Kinder mit ADHS, Autismus, Down-Syndrom oder Koordinationsschwierigkeiten. Sie wollen wir auch im Sport richtig integrieren, das gibt es in dieser Form hier bisher noch nicht“, sagt Gervé, der in Deutschland im Schulverbund Freistatt gearbeitet hat.

Die Rahmenbedingungen sind für seinen Bereich überaus gut. „Da kann man nicht meckern“, meint er. Es gibt Tennisplätze, Basketball- und Hockeyfelder – die Sporthalle ist erst sieben Jahre alt und mit modernen Fitnessgeräten ausgestattet. Den Kraftraum in der ersten Etage darf Gervé mit seinen Schülern, die dabei Masken tragen müssen, regelmäßig benutzen. Oder er geht mit ihnen raus, macht Leichtathletik oder Zirkeltraining – wenn es das „unberechenbare“ Wetter zulässt: „Es ist sehr nass hier. Wir haben an einem Tag manchmal fast alle Jahreszeiten – Sonne, Regen, Wind.“

Gestiegene Infektionszahlen führten zu harten Maßnahmen

Der Unterrichtsablauf im Gebäude, dort macht er Sporttheorie, ist penibel geregelt. Maximal 24 Kinder in Schuluniformen (in der Regel sind 30 in einer Klasse) dürfen in einen Raum. Einige müssen deshalb an die Arbeitsplätze in der Turnhalle ausweichen, die Gervé und seinen vier Sportlehrer-Kollegen deshalb nicht zur Verfügung steht. Auf dem Boden sind die Plätze markiert, damit die Abstände eingehalten werden. Er muss jeden Tag neue Sitzpläne schreiben. Und dann noch die Hygienevorschriften. „Ich desinfiziere 15-mal am Schultag meine Hände“, schätzt Gervé: „Und für den Sport draußen steht dort ein Wagen mit den entsprechenden Mitteln.“ Die Maßnahmen scheinen zu helfen: Ein Corona-Fall am CCC ist ihm nicht bekannt.

Noch strenger als in der Schule waren die Vorschriften im Alltag. Um die stark gestiegenen Infektionszahlen zu drücken, wechselte Irland am 21. Oktober für sechs Wochen von Level 3 in Level 5. Das heißt: Niemand durfte sich mehr als fünf Kilometer von seinem Zuhause entfernen, Geschäfte (außer Supermärkte) machten zu, es herrschte ein striktes Besuchsverbot. Gervés Schwägerin Gintare im rund 45 Kilometer entfernten Newbridge, die während des Lockdowns Zwillinge bekam, durfte die Familie in dieser Zeit nicht sehen. Auch nicht deren Vater, der im südlicheren Gorey lebt. „Ich arbeite an einer großen Schule, mein Sohn ist auf einer großen Grundschule – da wollten wir nichts riskieren“, erläutert Gervé: „Vielleicht fahren wir Silvester dorthin.“ Ein Kurzbesuch vor Weihnachten war immerhin drin.

Wenn er unterwegs zur Arbeit war, musste er zudem eine schriftliche Erlaubnis bei sich tragen und diese bei einer Polizeikontrolle auf dem Weg zur litauischen Botschaft auch schon vorzeigen.

Irland ist kein komplettes Neuland für die junge Familie

Die Wochen in Level 5 waren hart, „weil man fast nichts machen konnte. Wir wären gerne mal in die Berge gefahren oder ans Meer, das hier ganz in der Nähe ist.“ Klar kommen da auch Gedanken, ob das alles richtig war mit dem Auswandern. „Aber das versuche ich zu verdrängen“, sagt der 34-Jährige: „Ich habe hier einen Vertrag für ein Jahr unterschrieben – und nun ziehen wir das durch!“ Von ihrer unmittelbaren Umgebung haben die Gervés immerhin ein bisschen gesehen. In der Dubliner Innenstadt waren sie seit August aber noch gar nicht – und auch erst einmal in einem Restaurant. Das werden sie bald nachholen, die Infektionszahlen sind drastisch gesunken – und Irland ist seit Anfang Dezember zurück in Level 3.

Jetzt können sie die irische Hauptstadt noch besser kennenlernen. Komplettes Neuland betreten sie dabei allerdings nicht. Die Familie von Gervés Frau (die beiden lernten sich während des Studiums in Kaunas kennen, sie ist ebenfalls Sportlehrerin) lebt schon lange in Irland – und hier „haben wir auch schon ein- oder zweimal Weihnachten gefeiert“.

Nun also wieder – aber allein. Zumindest fast, denn es gibt ein neues Familienmitglied: Der vom Weihnachtsmann zum Beobachten der Kinder geschickte Elf sorgt für viel Erheiterung und Chaos. „Mal vertauscht er Schuhe, räumt den Schulranzen leer, klaut Kugelschreiber oder sitzt im Kühlschrank, wenn er Hunger hat. Er macht viel Mist“, berichtet Gervé und lacht schallend. Seine Kinder, mit denen die Eltern zu Hause fast nur Litauisch sprechen, suchen das Kuschelmännchen dann und haben „richtig viel Spaß. Wunderbar.“ Die Spielerei mit dem „Elf on the shelf“ (Elf auf dem Regal) sei bei den Iren extrem beliebt, sagt Gervé. Ob der weiß-rot-grüne Frechdachs jetzt über Weihnachten wieder auszieht, weiß er noch nicht so genau. Mit einem breiten Grinsen sagt er: „Da muss ich in der Beschreibung nachlesen.“

Mr. Schabernack wäre ein passender Name für den Weihnachtselfen, der die Familie Gervé in Castleknock seit ein paar Wochen ordentlich auf Trab hält. Hin und wieder versteckt er sich sogar im Kühlschrank.

Man hört es: Weihnachten lässt den Litauer einige Sorgen der vergangenen Monate vergessen. Und am liebsten sollen sie gar nicht wiederkommen. Nur allzu verständlich ist sein Wunsch für 2021. „Bitte kein Corona mehr! Dann wird es hier so, wie wir es uns vorgestellt haben. Und dann können wir es endlich zu 100 Prozent genießen.“

Handball und Hurling

Neulich bei Facebook: Ein Foto beweist, dass der rote Bart von Andrius Gervé etwas mehr sprießt als sonst. „Jetzt siehst du endlich nicht mehr aus wie 15“, witzelt sein sieben Jahre jüngerer Bruder Robertas. Und Lars Mosel fragt, warum er so schmal aussehe, was da los sei? „Hier gibt‘s leider keine Currywurst“, antwortet Gervé. Ja, in seiner stressigen Anfangszeit in Dublin habe er ein paar Kilos verloren, doch inzwischen wieder sein normales Gewicht (92 kg bei 1,88 m) erreicht. Gervé geht laufen und macht Fitness mit der ganzen Familie. „Der Kontaktsport fehlt mir aber“, sagt er und hofft auf Besserung in 2021. Dann will er traditionelle irische Sportarten ausprobieren, sein Sohn versucht sich beispielsweise bereits im Hurling (ein schneller Sport mit Hockey und Baseball-Elementen). Rugby muss es nicht unbedingt sein, „das ist schon eine harte Nummer.“ Dafür steht Handball, in Irland Nischensportart, oben auf der Agenda. Der Kreisläufer will wieder spielen und vielleicht einen Trainerjob übernehmen. Zwei Clubs aus der Region haben bereits angefragt. Kontakt zu seinen alten Handball-Kumpeln in Barnstorf hat er noch: „Ich bin in deren WhatsApp-Gruppe und weiß, was los ist.“ Mit Arunas Srederis und dessen Frau veranstalten die Gervés alle zwei Wochen Online-Spieleabende, am liebsten mit Alias (wie Tabu).

Neue Sportart: Gervé zeigt während des Videogesprächs den Hurling-Stock seines Sohnes.

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