Verstappen, Bottas & Co. lernten ihr Handwerk im Rennstall von Timo Rumpfkeil

Ein Drentweder formt die Formel-1-Stars

Gemeinsame goldene Zeiten in der Formel Renault 2008: Valtteri Bottas (l.) bezeichnet sein früherer Teamchef Timo Rumpfkeil als „eines der herausragenden Talente“.
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Gemeinsame goldene Zeiten in der Formel Renault 2008: Valtteri Bottas (l.) bezeichnet sein früherer Teamchef Timo Rumpfkeil als „eines der herausragenden Talente“.

Wenn am Sonntag das letzte Formel-1-Rennen der Saison beendet ist, darf sich ein früherer Schützling des gebürtigen Drentweders Timo Rumpfkeil Vizeweltmeister nennen: Max Verstappen oder Valtteri Bottas. Beide fuhren einst für Rumpfkeils Rennstall „Team Motopark“. Insgesamt sechs Formel-1-Fahrer brachte er bereits hervor ‒ ein siebter wird wohl nun nach dem Grand Prix von Abu Dhabi verkündet.

  • Schon zum Ende seiner aktiven Zeit hatte der Drentweder Timo Rumpfkeil ein Motorsport-Team gegründet
  • In diesen 22 Jahren schafften es sechs seiner früheren Fahrer in die Formel 1
  • Einer von ihnen ‒ so viel steht jetzt schon fest ‒ ist am Sonntag nach dem Saisonfinale Vizeweltmeister

Drentwede/Oschersleben – Ein Rennstallbesitzer im Homeoffice. „Keine wirklich so coole Zeit“, sagt Timo Rumpfkeil über die Monate, in denen Corona auch in seiner „Motopark Academy“ auf der Bremse stand. „Aber zum Glück haben wir es ganz gut hinbekommen“, schildert der in Drentwede bei Barnstorf aufgewachsene Chef vom „Team Motopark“, das er selbst vor 22 Jahren gründete. Schon viele Talente zog es seitdem aus aller Herren Länder zum früheren Formel-3-Piloten in die Magdeburger Börde, einige verließen ihn als Profis, einige davon wiederum sind jetzt Stars in der Formel 1. Nach dem Saisonfinale am Sonntag darf sich einer von Rumpfkeils früheren Schützlingen Vizeweltmeister nennen – entweder der aktuelle Zweite Valtteri Bottas oder Verfolger Max Verstappen. Der dritte Ex-Motopark-Racer im aktuellen Formel-1-Feld heißt Kevin Magnussen. Und zur neuen Serie dürfte aller Voraussicht nach Yuki Tsunoda ins Cockpit von AlphaTauri steigen – es wäre der Siebte aus der Schule des 45-Jährigen, der es aus dem Motopark Oschersleben bis ganz nach oben geschafft hätte.

Stallregie: Rumpfkeil 2014 am Cockpit seines einstigen Schützlings Max Verstappen, der am Sonntag gegen Bottas um die Formel-1-Vizeweltmeisterschaft kämpft.

Magnussen, Verstappen, Bottas – hattest Du schon damals den Eindruck, dass sie es bis in die Formel 1 schaffen könnten?

Bei solchen Ausnahmetalenten hat man bereits von Anfang an das Gespür, mit einem ganz besonderen Fahrer zu arbeiten. In den letzten 22 Jahren hatten wir viele begabte Leute, die unser Team durchlaufen haben – und später gute Karrieren hatten. Aber alle paar Jahre kommen Jungs daher, bei denen man direkt spürt und sieht, dass das mal ein ganz Großer werden kann. Das ist besonders am Willen und in der Arbeitseinstellung zu erkennen. Beim Max war ich mir damals schon recht sicher, dass er bis in die Formel 1 kommen wird – und da auch ein potenzieller Kandidat für einen WM-Titel sein könnte. Das gesamte Paket und Umfeld waren sehr komplett, und sicherlich ist er auch eines der absolut herausragenden Talente. Beim Valtteri war ich mir nicht so sicher – nicht wegen seiner Leistungen, sondern weil er aus sehr einfachen Verhältnissen kam. Damals haben ihm seine Erfolge schließlich die Türen geöffnet, allerdings musste er da einen etwas längeren und härteren Weg gehen.

Talent Bottas: Zunächst hörte Toto Wolff nicht auf Rumpfkeils Tipp

Aber schon vor 13 Jahren hast Du den heutigen Mercedes-Sportchef Toto Wolff eindringlich auf Bottas aufmerksam gemacht.

Stimmt, er war damals Manager, hatte aber zunächst kein Interesse, weil er gerade negative Erfahrungen mit anderen jungen Fahrern hinter sich hatte. Nach Valtteris ersten Erfolgen haben wir es aber hinbekommen, dass Wolff und Mika Häkkinen Geld in einen Topf geworfen und sein Management übernommen haben.

Für Außenstehende ist es gar nicht nachvollziehbar, wie viel Arbeit und Stunden da drinstecken. Das schweißt natürlich zusammen. Mit den meisten Jungs stehe ich nach wie vor im Kontakt.

Rennstallbesitzer Timo Rumpfkeil über seine früheren Fahrer

Jetzt hat Bottas die Vizeweltmeisterschaft vor Augen. Eine schöne Genugtuung für Euch, oder?

Ganz klar! Erst mal sind wir natürlich stolz auf die Resultate, die wir zusammen errungen haben – und auf die Erfolge, die die Jungs heute feiern. Für Außenstehende ist es gar nicht nachvollziehbar, wie viel Arbeit und Stunden da drinstecken. Das schweißt natürlich zusammen. Mit den meisten Jungs stehe ich nach wie vor im Kontakt, mit Max Verstappen und Valtteri Bottas schreibe ich zum Beispiel noch regelmäßig.

Ein späterer DTM-Pilot und Le-Mans-Sieger: Filipe Albuquerque zählte 2005 zu Rumpfkeils Team.

Wenn es ein Fußballer in die Bundesliga schafft, bekommen seine Jugendvereine eine Ausbildungsentschädigung. Was springt da für die „Lehrherren“ im Motorsport heraus?

Gar nichts – außer vielleicht ein feuchter Händedruck. Wäre schön, wenn so etwas bei uns auch mal eingeführt würde. Aber solche Referenzen helfen vielleicht hier und da ein bisschen, es ist keine schlechte Werbung.

Kommt dadurch auch der Kontakt zu solchen Rohdiamanten wie Bottas und Verstappen zustande?

Da muss man wie in allen Sportarten immer ein Auge drauf haben und schauen, dass man frühzeitig in Kontakt mit den Entscheidern kommt. Es ist Jahr für Jahr viel Arbeit, die nächste Generation ins Team zu holen, von allein geht da nichts.

Hintergrund: Das „Team Motopark“

Timo Rumpfkeil ist nicht nur „Ziehvater“ von Nachwuchsfahrern, sondern als Geschäftsführer der Motopark Academy – eher bekannt als Team Motopark – verantwortlich für 45 Mitarbeiter. „Das sind Mechaniker, Diplom-Ingenieure, Lkw-Fahrer, Kolleginnen aus der Buchhaltung – eben alles, was dazugehört“, schildert Rumpfkeil. In den 22 Jahren seit der Gründung haben seine Piloten 302 Rennsiege gefeiert und 38 Meisterschaften gewonnen.

Sechs Akteure aus dieser Kaderschmiede schafften es bis ganz nach oben in die Formel 1: Scott Speed (2006 und 2007 in der Königsklasse), Sebastien Buemi (2009 bis 2011), Brendon Hartley (2017 und 2018), Valtteri Bottas (seit 2013), Kevin Magnussen (seit 2014) und Max Verstappen Formel (seit 2015).

Neben dem Nachwuchs kümmern sich die Mitarbeiter von Rumpfkeils Firma aber auch um die ganz alten Eisen: „Wir restaurieren Oldtimer und historische Rennwagen, uns wird also nie langweilig“, versichert der 45-Jährige. ck

Und wie läuft nach der Verpflichtung die Rennfahrer-Schule bei Dir ab?

Motorsport ist wahrscheinlich die Sportart, in der am wenigsten mit dem eigentlichen Sportgerät gearbeitet wird. Neben dem umfangreichen Fitness- und Mental-Training kommen vor und nach jedem Test und Rennen Einheiten im Simulator dazu, was mittlerweile ein zentrales Element geworden ist. Denn die Simulatortechnik hat extreme Fortschritte gemacht. Zusätzlich haben die Fahrer regelmäßige Meetings mit den Ingenieuren, um immer auf dem Stand der Technik zu sein und gewisse Abläufe besser zu verstehen. So können sie die dann später positiv beeinflussen.

Leben die Fahrer in Oschersleben oder fliegen sie regelmäßig ein?

Wir haben sie tatsächlich früher mal bei uns „kaserniert“ – aber ganz ehrlich: Ich habe einen Sohn. Und alles, was darüber hinaus geht, reicht mir nach einer gewissen Zeit. Den Ersatzvater oder Seelenklempner zu geben, ist Teil meiner Routine, wenn sie ein paar Tage vor einem Event anreisen. Die meisten sind zwar nette Jungs, aber es gibt auch einige Rotzlöffel.

Dass es bei Max das eine oder andere Mal scheppern würde, war mir schon früh klar.

Timo Rumpfkeil über Verstappens „Zweikampfstärke“

In der Formel 1 haftete Verstappen recht früh ein Bad-Boy-Image an – wegen seiner kompromisslosen Manöver. Hast Du manchmal Angst um ihn?

Eigentlich nicht. Dass es aber das eine oder andere Mal scheppern würde, war mir schon früh klar. Max’ Zweikampfstärke war immer eine seiner herausragenden Fähigkeiten, da hat er seine Gegner gern vor vollendete Tatsachen gestellt. Wenn die dann nicht nachgegeben haben, hat’s halt gekracht. Daraus resultiert auch sein Ruf. Wahrscheinlich sehen wir mittlerweile aber gerade einen guten Mix: Einerseits haben die Konkurrenten extremen Respekt, wenn er im Rückspiegel auftaucht, andererseits ist Max mittlerweile um einiges reifer geworden, agiert mit mehr Augenmaß. Und bei den heutigen Sicherheitsstandards muss man sich weniger Sorgen machen – auch wenn ein gewisses Restrisiko sicherlich immer da ist.

Der heftige Crash von Romain Grosjean hat dieses Risiko vor knapp zwei Wochen drastisch vor Augen geführt. Was schoss Dir da beim Anblick der ersten Bilder durch den Kopf?

Es war schon überraschend, dass der Romain da mehr oder minder unverletzt rausgekommen ist. Eigentlich dürfte ein Unfall in der Form so nicht passieren, denn die Leitplanke hätte dort in diesem Winkel meiner Meinung nach gar nicht stehen dürfen. Es war großes Glück, dass er beim Aufprall nicht das Bewusstsein verloren hat, sonst wäre es ganz anders abgelaufen. Augenscheinlich ist der Tank beim Aufprall beschädigt worden, sonst wäre solch ein Feuerball nicht möglich gewesen. Aber wenn das bei solch hohen Geschwindigkeiten passiert, kommen auch irgendwann alle Berechnungen als Grundlagen aller Sicherheitssysteme an ihre Grenzen.

Gefragter Interviewpartner: Timo Rumpfkeil kennt die Perspektiven des Fahrers und Teamchefs.

Wie fällt Dein Saisonfazit zu Deinen drei früheren Schützlingen aus?

Valtteris Saison war sicherlich ernüchternd. Teilweise fuhr er auf Augenhöhe mit Lewis Hamilton und hat ihn ein paar Mal auch sauber geschlagen. In einigen Situationen hatte er einfach Pech, allerdings hat insgesamt die notwendige Konstanz gefehlt, um wirklich um den Titel mitzufahren. Als sich Lewis dort einen Puffer herausgearbeitet hatte, war offenbar viel Frust bei Valtteri mit im Spiel. Darunter litten die Ergebnisse. Bei Max war der Red Bull zu Saisonbeginn nicht schnell genug – keine Chance auf Top-Ergebnisse. Zur Mitte der Serie war das Auto einigermaßen konkurrenzfähig, aber sicherlich nicht auf dem Niveau wie Mercedes. Dieses Defizit versucht Max immer wieder, mit Einsatz zu kompensieren, was allerdings auch mal nach hinten losgegangen ist. Um da ein gewichtiges Wörtchen um den Titel mitzureden, muss Red Bull ihm eine ordentliche Kiste hinstellen – ein Auto, das vom ersten Rennen an schnell ist. Und ich hoffe für ihn, dass die das im nächsten Jahr hinbekommen. Kevins Leistung war wie bereits im Vorjahr nicht herausragend. Nicht zuletzt deswegen hat er sein Cockpit zum Ende dieser Saison verloren und muss die Formel 1 verlassen. Wahrscheinlich ist er einer der Fahrer, der am wenigsten Kapital aus seinem Talent schlagen konnte.

Verfolgst Du den morgigen letzten Grand Prix des Jahres?

Leider nicht. Da sitze ich im Flieger nach Barcelona, wo wir in der nächsten Woche Testfahrten haben. Aber die Jungs werden das Ding schon schaukeln. Wenn ich die Zeit habe, schaue ich mir die Rennen schon an, in der Regel reicht mir aber die Zusammenfassung.

Entdeckst Du dann auch alte Stärken und Schwächen „Deiner Jungs“ wieder?

Gewisse Verhaltensmuster sind da nach wie vor zu erkennen, obwohl ich mich freue, wenn die Schwächen von früher ausgebügelt sind.

Zur Person: Timo Rumpfkeil

Benzin im Blut: Schon mit vier Jahren bretterte Timo Rumpfkeil über seinen ersten Parcours. „Das war auf einem Kinder-Trial-Motorrad für den MSC Barnstorf“, erinnert sich der heute 45-Jährige schmunzelnd. 1992 stieg der Sohn des passionierten Motorsportlers Peter Rumpfkeil (damals einer der „Macher“ des Diepholzer Flugplatzrennens und erster Chef des Motoparks Oschersleben) in den Kartsport ein, schon drei Jahre später kämpfte der Drentweder um Punkte in der Formel Renault. Als er 1999 in der Formel 3 fuhr, hatte er bereits einen eigenen Rennstall gegründet. Heute lebt Rumpfkeil mit seiner Frau und dem neunjährigen Sohn in Magdeburg. ck

Lang ist’s her: Timo Rumpfkeil 1998 in seinem Formel-Renault-Wagen. Später fuhr er in der Formel 3.

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