LOST PLACES

Das Sulinger Bürgerparkstadion - „die schönste Sportanlage“

2021: Das Bürgerparkstadion in Sulingen im Panorama-Modus.
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2021: Ein Panorama-Bild des Geländes, auf dem einst das Sulinger Bürgerparkstadion war – hier ist nun der „Park der Generationen“. Einmal quer durch (an den Tennisplätzen im Hintergrund entlang) führt der Liesel-Westermann-Weg – zu Ehren der einstigen Weltklasse-Diskuswerferin, die aus Sulingen stammt.

Das Bürgerparkstadion in Sulingen - hier erlente der frühere Weltstar Liesel Westermann das Diskuswerfen, hier spielte in seiner Jugend der spätere Profifußballer Michael Schulz. Im Rahmen unserer Serie „Lost Places“ reisen wir zurück in die Vergangenheit der ruhmreichen Sportstätte - und schildern, was dort heute ist.

Sulingen – Vom Hallenbadparkplatz einmal über die Straße, den Liesel-Westermann-Weg entlang und dann rauf auf einen der kleinen Hügel. Dort ein Handyfoto im Panorama-Modus schießen, um möglichst viel vom Areal auf ein Bild zu bekommen. Hier, im „Park der Generationen“ mitten in Sulingen, war früher das Bürgerparkstadion. Hier trainierten einst die späteren Leichtathletik-Größen Liesel Westermann-Krieg und Gerd Nagel, hier spielte Ex-Profi Michael Schulz als Jugendlicher Fußball.

Und hier ist mittlerweile ein Wasserspielplatz. Dazu eine Strecke für Mountainbikes oder BMX-Räder. Die Geräuschkulisse: abwechslungsreich. Vom angrenzenden Kindergarten ist viel Lachen und Getöse zu hören, die Kinder sind an diesem sonnigen, frühlingshaften Tag alle draußen. Eine Schaukel quietscht. Irgendwo hämmert ein Specht.

Dann kommt Wilhelm Köster zum vereinbarten Rundgang. Der 86-Jährige war lange Sportwart des hier beheimateten TuS Sulingen, auch selbst aktiv (besonders als Faustballer) – und hat diverse Chroniken über seine Geburtsstadt verfasst, unter anderem die Sportgeschichte und -stätten beleuchtet. Der perfekte Ansprechpartner.

Jeder, der in Sulingen Sport getrieben hat, ist hier drübergelaufen.

Wilhelm Köster über die intensive Nutzung des Bürgerparkstadions

Köster ist bestens vorbereitet, hat eine Kurzübersicht der Stadion-Historie dabei. Und einen handgeschriebenen Zettel, auf dem steht, welche Sportgrößen (vor allem Fußballer) einst da waren und Freundschafts- oder Benefizspiele bestritten: Toni Turek, Weltmeister-Torwart von 1954 (1947 mit Eintracht Frankfurt). Die Mannschaft von Eintracht Braunschweig (1966), die ein paar Monate später Deutscher Meister wurde. Jupp Heynckes und Hans Siemensmeyer (1968 mit Hannover 96). Und die Bremer Sprinterin Marga Petersen, Silbermedaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki, flitzte 1948 über die Sulinger Aschenbahn.

Köster hat all dies noch vor Augen. „Die Bilder von früher sind gleich wieder da“, sagt er beim Schlendern über das Gelände. Seine erste Erinnerung: „Gebolzt haben wir hier.“ 1947 trat er in den TuS ein, zuvor hatte er beim FC Viktoria Sulingen gespielt. Kein echter Verein, „so haben wir uns als Straßenfußballer genannt“, verrät er mit einem Schmunzeln.

1920er-Jahre: Auf dem Areal befindet sich ein Sport- und Spielplatz.

Als auf dem Gelände der Sport Einzug hielt, war Köster noch nicht geboren. 13 Scheunen standen dort, ab 1914 veranstaltete der damalige MTV Sulingen Turn- und Festspiele. 1921, vor 100 Jahren, wurden nach vorheriger Baum-Abholzung ein Fußballplatz (teilweise für Handball genutzt) und leichtathletische Anlagen hergerichtet. Die Aschenbahn und eine kleine Stehtribüne kamen 1947 hinzu – pünktlich zum Kreissportfest. Erst in diesem Jahr entstand auch der Name Bürgerparkstadion.

Dörries Deals

Riesigen Anteil an der Entstehung des Sulinger Bürgerparkstadions hatte der damalige Sportwart Gustav Dörrie (1904 bis 1972), der selbst ordentlich mit anpackte – und geniale Ideen hatte, wie an Materialien zu kommen war, um die Anlage kurz nach dem Zweiten Weltkrieg umzubauen. „Er war Betriebsleiter in der Sulinger Lloyd-Schuhfabrik“, erinnert sich Wilhelm Köster, „und hat den Bauern Schuhe verkauft, dafür Lebensmittel bekommen: Schinken, Wurst, Eier. Damit ist er dann ins Ruhrgebiet gefahren und hat dafür Asche gekauft. Das waren die Abfälle aus den Hochöfen.“ Die Sulinger konnten sie jedoch bestens für ihre Laufbahn gebrauchen. Köster: „1946 und 1947 war es sehr schwierig, so etwas zu besorgen.“ Doch Dörrie, der bis 1959 in Sulingen blieb, schaffte es. mr

Dort, wo jetzt die Plätze des Tennisclubs Gelb-Weiß Sulingen und der Boule-Bereich sind, waren früher zwei Faustballfelder – am Rand davon ein kleines Häuschen als Umkleide und Geräteschuppen. „Es gab einen Brunnen und eine Kaltwasserpumpe zum Waschen“, erzählt Köster. Neben den Faustballfeldern war ein Diskusring, auf dem Ende der 50er-Jahre eine fantastische Karriere begann. Liesel Westermann, Weltsportlerin des Jahres 1969 und mehrmalige Weltrekordlerin, unternahm hier ihre ersten Wurfversuche und blieb dem TuS Sulingen bis 1964 und ihrem Wechsel zu Hannover 96 treu. Seit 2012 hat die 76-Jährige (lebt schon lange in Hannover) ihren eigenen Weg. Einmal quer übers Gelände, vorbei an ihrer ersten Sportstätte und dem 2014 errichteten „Ehrenring“ samt Diskus-Denkmal. „Der Weg war früher im Herbst und Winter die Strecke für unsere Steigerungsläufe“, weiß Westermann-Krieg noch. Dass er nun ihren Namen trägt, „ist eine besondere Ehre. Ich habe mich sehr darüber gefreut“ – denn: „Ich bin Sulingerin und fühle mich auch so.“

1947: Die 400-Meter-Aschenbahn (zum Selbstkreiden) ist da. Der Name Bürgerparkstadion wird vergeben.

Der frühere Klasse-Hochspringer Gerd Nagel kennt das Bürgerparkstadion ebenfalls gut. „Eine wunderschöne Anlage mit toller Atmosphäre“, schwärmt der 63-Jährige. Er machte dort, wie seine Familie, öfter das Sportabzeichen und hatte vor allem Schulsport. Weil es noch keine Schaumstoffmatten gab, endeten die Hochsprünge (noch nicht in der Flop-Variante) anfangs „in einem Sandhaufen“. Als die Karriere richtig in Fahrt kam, wohnte Nagel schon im Sportinternat Bad Sooden-Allendorf. Heute lebt der Deutsche Meister von 1979 wieder in seiner Geburtsstadt Sulingen.

Der dritte sehr bekannte Sportler, der hier aktiv war: Michael Schulz (59). Von 1972 bis 1980 spielte er in der Jugend des TuS Sulingen, ehe er zum TuS Syke wechselte – und später ganz oben landete: für den 1. FC Kaiserslautern, Borussia Dortmund und Werder Bremen bestritt „der Lange“ 243 Bundesliga-Partien, zudem sieben A-Länderspiele für Deutschland.

1967: Im Hintergrund ist das Clubhaus zu sehen, rechts befinden sich die Faustballfelder.

Wilhelm Köster hat die Schulz-Zeit in Sulingen nicht live miterlebt, zwischen 1970 und 1999 arbeitete er für den Deutschen Leichtathletikverband (DLV) und lebte erst in Kassel, dann in Darmstadt. Dort war er übrigens – dank Nachsendeauftrag – täglich Leser der „Sulinger Kreiszeitung“. Als er zurückkam, war das Bürgerparkstadion nicht mehr in Betrieb und verödete langsam – stattdessen gibt es (seit 1990) nur etwa einen Kilometer entfernt den Sportpark. „Der TuS brauchte immer mehr Plätze, es war hier nicht mehr tragbar“, meint der 86-Jährige.

Hinzu kamen Probleme bei der Instandhaltung des über die Jahre mehrfach sanierten Areals. Köster, der sehr eng mit dem damaligen Vereinsvorsitzenden Wilhelm Riechmann zusammenarbeitete, habe einst regelmäßig die Aschenbahn gekreidet, den Rasen gemäht und Sand für die Sprunggrube herangekarrt. „Ich habe viel Herzblut reingesteckt“, betont er. Die Stadt jedoch habe sich „um nichts gekümmert“ und „nicht mal einen Platzwart eingestellt“, der die – auch von allen Sulinger Schulen genutzte – Sportstätte hätte pflegen können. Anfang der 50er-Jahre waren auch noch zwei Kreistierschauen genehmigt worden, die den Platz auf Jahre unbrauchbar machten.

2013: Wasserspielplatz und Tennisanlage statt Bürgerparkstadion. So sieht es dort noch immer aus.

Köster klingt ein bisschen wehmütig, wenn er über das Aus des Stadions spricht: „Neulich hat mir einer gesagt: Das war die schönste Sportanlage im ganzen Landkreis.“ An seiner Mimik ist abzulesen, dass er das auch findet: „Es war so heimelig, mit den Bäumen drumherum.“ Die Bäume sind noch da, einige waren morsch, „deswegen wurde im Februar gerodet“. Ab und zu spaziert Köster mit seiner Frau Marlies durch den 2011 von einer Privatinitiative gestalteten „Park der Generationen“ und denkt: „Gut, dass die Fläche dafür genutzt wird – und dass hier keine Häuser gebaut wurden. Gott sei Dank!“

Am Diskus-Denkmal: Liesel Westermann-Krieg während der Einweihung ihrer Stele 2014.

Die schönsten Stadion-Anekdoten: Liesel Westermann-Krieg und das Fundstück

Die Diskuskarriere der Weltsportlerin des Jahres 1969 begann im Sulinger Bürgerparkstadion – eher zufällig. In der Gerätehütte, in der Liesel Westermann (nun Westermann-Krieg) „zwischen Spinnweben und Staubwolken“ gelentlich eine Hochsprung-Latte suchte, entdeckte sie eines Tages einen Diskus. Und warf. So gut, dass ihr älterer Vereinskollege Dieter Tietjen Bauklötze staunte und empfahl, sie möge damit bei den Kreismeisterschaften antreten. Westermann tat es – und gewann. Die heute 76-Jährige, die als Schwimmerin begonnen und auch Talent in anderen Leichtathletik-Disziplinen wie Hürdensprint hatte, spezialisierte sich immer mehr auf das Diskuswerfen. Sehr viel zu verdanken hat sie ihrem Trainer Bruno Vogt. „Jeden Tag ab fünf Uhr waren wir auf dem Sportplatz, es war ein Jour fixe“, sagt Westermann-Krieg: „Und der Diskus kam immer erst am Ende zum Einsatz.“ mr

Die schönsten Stadion-Anekdoten: Knut Teske und die Prophezeiung

Gerd Dörrie, Sohn von Gustav Dörrie, war „der erste Leichtathletik-Held“ für Knut Teske – und Grund, warum der heute 79-Jährige selbst aktiv wurde. Nahezu täglich weilte er im Bürgerparkstadion: „Das war meine Heimat.“ Teske, in Lüneburg geboren, in Sulingen groß geworden und seit 2011 wieder zurück, erzählt aus dem Jahr 1957 – über Liesel Westermann, Trainer Bruno Vogt und ihn. „Vogt war ein schwieriger Mensch, gerne mal sarkastisch – aber ein erstklassiger Trainer. Er holte Liesel und mich in den Umkleide-Schuppen und bestellte Sinalco. Dann sagte er zu mir: ,Aus dir mache ich einen Mittelstreckler der europäischen Spitzenklasse.‘ Und zu Liesel: ,Aus dir eine Weltrekordlerin im Diskuswerfen‘ – obwohl sie noch keine Erfahrung damit hatte. Ich dachte, der tickt nicht richtig.“ Nun, Westermann war später vierfache Weltrekordlerin. Teske blieb dagegen lieber Weit- und später Dreispringer, was er heute durchaus ein wenig bedauert. mr

Die schönsten Stadion-Anekdoten: Michael Schulz und der Springer

Den ehemaligen Fußball-Profi verschlug es 1972 nach Sulingen, weil sein Vater einen Job bei der Hastra annahm. Ans Bürgerparkstadion hat der 59-Jährige „nur positive Erinnerungen. So schön gelegen im Wald. Der Kabinentrakt mit der Kneipe dran, die Weihnachtsfeiern mit den Eltern – richtiges Vereinsleben.“ Acht Jahre spielte Schulz in den Jugendteams des TuS Sulingen, schaute auch regelmäßig Spiele der Ersten Herren. Eine Anekdote hat er zwar nicht sofort parat – dafür aber Arne Flügge, ehemaliger Sportredakteur der Kreiszeitung und Schulz-Mitspieler in Sulingen: „Der Lange hat sich gegen Gladbachs A-Jugend mit dem Außenrist den Ball am Gegner vorbeigelegt, ist über die Köpfe der an der Seitenlinie sitzenden Jugendlichen gesprungen, zehn Meter über die Aschenbahn gesprintet – dann zurück über die Zuschauer und ran an den Ball.“ Schulz schmunzelt und sagt: „Das kann man so schreiben. Ich glaube, das stimmt . . .“ mr

Die schönsten Stadion-Anekdoten: Wilhelm Köster und der Volltreffer

Im Arbeitszimmer seiner Wohnung präsentiert Wilhelm Köster ein liebevoll gestaltetes und sehr dickes Fotobuch mit der Geschichte des TuS Sulingen. Und dann fällt dem 86-Jährigen – neben einigen anderen – noch eine schöne und sehr persönliche Geschichte zum Bürgerparkstadion ein. Eine, die das Leben des gebürtigen Sulingers, langjährigen Sportwarts des TuS Sulingen und späteren Leichtathletik-Funktionärs beim DLV grundlegend veränderte. „1964 habe ich bei einer Bezirksleichtathletiktagung im Clubhaus meine Frau Marlies kennengelernt. Sie ist Sykerin und war Schriftführerin des Bezirksvorstands, ich Vorsitzender des Kreisleichtathletikverbands“, berichtet Köster und erinnert sich: „Es war Januar und arschkalt. Und Interesse war gleich da.“ Man habe sich „ein paarmal getroffen“ und dann regelmäßig gesehen. „Och, das ist doch schon fast 60 Jahre her“, sagt seine Frau – aber immer noch eine tolle Story. mr

Die schönsten Stadion-Anekdoten: Wilfried Becker und der Hundebiss

1978 kam der gebürtige Osnabrücker zum Amt für Agrarstruktur (AfA) und nach Sulingen – und organisierte im Bürgerparkstadion auch Fußballspiele seines Firmenteams gegen die Leichtathleten des TuS Sulingen. An den 29. September 1980 wird sich der 70-Jährige immer erinnern. „Da hing ein renitenter Spaniel an meiner Pulsader“, schildert Becker, inzwischen Vorsitzender des Leichtathletikkreises Diepholz. Der Hund war an einer Bierkiste angebunden, es dämmerte bereits, Becker griff dorthin – und das Tier fasste zu. „Die Narbe an der rechten Hand habe ich heute noch.“ Für 47,60 Mark ließ sich Becker im Krankenhaus behandeln: „Danach bin ich zurück – und wir haben weitergefeiert.“ Unvergesslich auch: „Helmut Schröder hat dort über 5 000 Meter mal eine 19er-Zeit geschafft. Ich war total neidisch, weil ich die 20er-Grenze nie geknackt habe. Aber später stellte sich heraus, dass er eine Runde zu wenig gelaufen war . . .“ mr

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