Schiedsrichter-Schwund auch im Fußball-Kreis Diepholz / „Job und Schule wichtiger“

„Die Attraktivität lässt nach“

Jan-Eike Ehlers ist an Regionalliga-Spielorten quer durch die Republik im Einsatz. „Man muss immer flexibler sein“, sagt der Spitzen-Schiri vom TuS Sudweyhe. ·
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Jan-Eike Ehlers ist an Regionalliga-Spielorten quer durch die Republik im Einsatz. „Man muss immer flexibler sein“, sagt der Spitzen-Schiri vom TuS Sudweyhe. ·

Syke - Von Tobias KortasDie Zahl ist erschreckend hoch. Innerhalb von nur zwölf Monaten sind dem Deutschen Fußball-Bund knapp 2 500 Schiedsrichter davongelaufen. Die Anzahl derer, die noch die Pfeife in die Hand nehmen, sinkt beständig. DFB-Lehrwart Lutz Wagner hat längst Alarm geschlagen und das Nachwuchsproblem auf dem Land beklagt. Auf dem Land, das ist auch der Fußball-Kreis Diepholz. Die hiesigen Verhältnisse passen nicht nur in den bundesweiten Trend, sie sind sogar noch eine Spur schlimmer.

Auf DFB-Ebene gingen von 2006 bis 2012 etwa sieben Prozent der Referees stiften, der Fußball-Kreis Diepholz verlor in den vergangenen fünf Jahren dagegen ungefähr 15 Prozent. Mittlerweile sind es laut Kreisschiedrichter-Obmann Werner Bollow aus Heiligenfelde nur noch 280 bis 290 Aktive, über die er bei seinen Ansetzungen verfügen kann. Das reicht zwar noch, um von der C-Junioren-Kreisliga alle Spiele auf Kreisebene mit Unparteiischen zu besetzen, aber: „Der Trend ist ganz klar rückläufig. Bis vor fünf Jahren waren wir noch stabil bei 340 bis 350 Schiedsrichtern“, sagt Bollow, der sich erst gar keine Mühe gibt, die Verhältnisse schönzureden: „Die Zahl der Abgänge ist höher als die der Neuzugänge. Somit haben wir jedes Jahr zehn Schiedsrichter weniger.“

Das war früher anders. Irgendwie gelang es immer, die Waage aus Gehenden und Kommenden zu halten. Doch jetzt geht es bergab. Bollow erklärt: „Viele Ältere hören auf, an Nachwuchsleuten halten nicht genügend durch. Die Attraktivität, ein Schiedsrichter zu sein, lässt oft schnell nach. Für viele sind Beruf oder Freundin bald wichtiger.“

Pascal Miklis vom TuS Sulingen ist einer, der durchhält. Mit 23 Jahren gehört er zur „Problemgruppe“ der 20- bis 40-Jährigen, von denen in Deutschland und auch in Diepholz zu wenige noch aktiv sind. Der Sulinger weiß natürlich auch, warum das Gros der jugendlichen Einsteiger früh wieder aufhört: „Der Job und die Schule sind einfach wichtiger. Da steht das Pfeifen natürlich nicht im Vordergrund.“

Spätestens dann, wenn sie die Schule abgeschlossen haben und zwecks eines Studiums oder einer Ausbildung umziehen, legen viele Unparteiische die Pfeife zur Seite. Regionalliga-Schiedsrichter Jan-Eike Ehlers kennt das Problem. „Man muss in der heutigen Zeit eben immer flexibler sein“, sagt der Spitzen-Schiri vom TuS Sudweyhe.

Exakte Zahlen kann Werner Bollow zwar nicht präsentieren, seine Schätzung sieht aber so aus: In jedem Jahr melden sich etwa 50 Jugendliche zu Schiedsrichter-Kursen an. Das ist doch was, kann nun denken, wer die zweite Zahl nicht kennt. Denn von den 50 sind in fünf Jahren „vielleicht noch fünf übrig“, meint der Kreisschiedsrichter-Obmann. Der Rest hört wieder auf.

Die Vermutung liegt nahe, dass die immer neuen Schreckensmeldungen über verprügelte Schiedsrichter oder der Fall des zu Tode getretenen niederländischen Assistenten ein Hauptgrund für den Schwund aktiver Schiedsrichter ist. Doch Werner Bollow kennt allenfalls Einzelfälle, die aus purer Angst aufhören. „Wir haben Beispiele, dass junge Schiedsrichter zwar als Assistent an der Linie agieren, aber nicht pfeifen wollen, weil sie es sich nicht zutrauen oder Angst vor Beschimpfungen haben.“ Übergriffe auf Schiedsrichter sind im Kreis aber die absolute Ausnahme. Bollow: „Gott sei Dank spielt Gewalt bei uns keine große Rolle.“

Das bestätigt auch der Sportgerichts-Vorsitzende Marcel Thalmann (TSV Bramstedt). „Körperliche Attacken gegen Unparteiische sind hauptsächlich ein städtisches Problem. Leichte verbale Auseinandersetzungen gibt es zwar auch auf unseren Plätzen, allerdings kommen aktive Bedrohungen nur ungefähr einmal in fünf Jahren vor“, berichtet er. Eine abschreckende Wirkung der Prügel-Nachrichten ist aber nicht von der Hand zu weisen. „Unsere Jungs und Mädchen lesen doch auch Zeitung“, sagt Bollow.

Das weitaus schwerwiegendere Problem sind jedoch die Entfernungen im Flächenlandkreis Diepholz. Etwa ein Drittel der gemeldeten Schiedsrichter verfügt noch nicht über einen Führerschein, ist also nicht mobil. In Städten helfen Bus oder S-Bahn, auf dem Land sieht es anders aus. „Die jüngeren Leute sind häufig nicht einsetzbar, weil sie nicht von A nach B kommen“, sagt Bollow. Logische Folge: Wer nicht ran darf, verliert die Lust. Und wer die Lust verliert, lässt es irgendwann ganz sein. Ein Trick soll helfen. So dürfen die Jüngsten unter den Schiedsrichtern (ab 14 Jahre) in ihren Heimatvereinen Jugendspiele leiten. So sammeln sie Erfahrungen, bleiben vielleicht doch bei Laune, hofft Bollow.

Marcel Thalmann setzt zudem auf die Karte Persönlichkeitsbildung. „Indem man Schiedsrichter ist, stärkt man den Charakter“, sagt er. Schnell greifende Maßnahmen, wie der negative Trend bei den Schiedsrichterzahlen zu stoppen ist, sind allerdings nicht in Sicht. „Ja, wenn ich da eine Lösung wüsste…“, seufzt Bollow.

Der DFB hat sich vor Jahrzehnten eines anderen Anreizes bedient, um Nachwuchs zu ködern. Jedem Inhaber eines Schiedsrichter-Ausweises wird freier Eintritt für Spiele auf DFB-Ebene – also auch Bundesliga und Länderspiele – gewährt. Das zieht. „Für viele ist das eine Motivation, Schiedsrichter zu werden“, meint Thalmann. Für zu viele klagt jedoch Werner Bollow: „Wenn Werder ein Heimspiel hat – speziell an Sonntagen – ist das für uns ein klarer Nachteil. Dann kriegen wir unsere Spiele kaum mit Schiedsrichtern besetzt.“ Weil viele lieber Werder gucken.

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