Neue Serie: LOST PLACES

Sykes legendäre „Kuhle“ - Tennis mitten im Wald

Der Syker Ur-Platz, die „Kuhle“ mitten im Wald.
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Der Syker Ur-Platz, die „Kuhle“: 1905 gebaut und allen unvergesslich, die jemals dort gespielt haben. Das Foto entstand um 1950.

Hier fieberte oft das halbe Dorf mit, hier wurden hitzige Derbys entschieden, hier schrieben heimische „Lokalhelden“ Geschichte. In dieser neuen Serie begeben wir uns auf Spurensuche zu den „verlorenen Plätzen“ („Lost Places“) des Lokalsports. Den Anfang macht heute die legendäre Syker „Kuhle“. Kennen Sie noch weitere Orte dieser Art, an denen schon lange kein Ball mehr rollt oder anderer Sport nicht mehr getrieben wird? Wir sind für jeden Tipp dankbar – per E-Mail an sport@kreiszeitung.de. Vielen Dank!

  • Ein traumhaft schöner Tennisplatz: Ein Hauch von Magie in der Syker „Kuhle“.
  • Die gegnerischen Mannschaften mussten viel Zeit mitbringen.
  • Heute wuchert dort der Wald.

Syke – Dies ist eine Liebeserklärung. An einen märchenhaften Tennisplatz mitten im Wald.

Kaum jemand, der heute auf der Schnepker Straße das Syker Ortsschild passiert, ahnt etwas von seiner Existenz. Davon, dass keine 200 Meter vom Vorwerk entfernt einer der faszinierendsten Plätze Deutschlands lag.

Hätte Harry Potter nicht Quidditch gespielt, wäre er Tennisspieler geworden, dies wäre sein Ort gewesen. Versteckt, tief, sehr tief in den Waldboden eingelassen, umstanden von mächtigen Bäumen. Magisches Flair.

Man musste umgezogen kommen und ist ungeduscht wieder weggefahren. Aber das war eben so.

Hermann Uhlenwinkel, langjähriger Vorsitzender des TV Syke. 

Die „Kuhle“ hat niemanden kalt gelassen, der das Vergnügen hatte, in ihr zu spielen. Hermann Uhlenwinkel (78), fast drei Jahrzehnte Vorsitzender des TV Syke von 1905, ist stolz auf die moderne Anlage am Lindhof. Und trotzdem sagt er: „Die Kuhle, das war der schönste Platz, den es gab! Von der Atmo-sphäre her einfach super.“ Auch dem Syker Anwalt Andreas Salfer (66), in jungen Jahren begeisterter Tennisspieler, wird warm ums Herz, wenn er an die „Kuhle“ denkt: „Ich habe nur schöne Erinnerungen. Wir hatten so viel Spaß, es war komplett stressfrei dort, wir konnten uns völlig ungestört austoben. Heute würde man sagen: Das war richtig geil da!“

Den ältesten Platz im heutigen Kreis Diepholz umgab ein Zauber: Oft glaubte man, hier besonders gut zu spielen. Vielleicht lag es an diesem einzigartigen Kontrast: Die Ruhe im Wald und der satte Klang, ein Knallen fast, wenn der Ball sauber getroffen wurde.

Der Wind, natürlicher Feind aller Tennisspieler, blieb in der Senke ausgesperrt. Oben, in den Kronen der alten Buchen, erinnert sich Uhlenwinkel, „hast du meist so ein leichtes Rauschen gehört, unten war nie Wind.“

Andreas Salfer schwärmt: „Wir fanden es toll da“

Das wussten sie schon in der Gründerzeit zu schätzen. Gern traf sich Sykes tennisspielende Upper Class, der Herr Oberregierungsrat, der Herr Amtsgerichtsrat und die Frau Apothekerin am Sonntag in der „Kuhle“ bei Kaffee und Kuchen.

Freilich: Der Natur-pur-Centercourt – kein Clubhaus, nicht mal eine Umkleide – hatte auch seine Tücken. Bei Starkregen (Salfer: „Da plätscherte es schön die Hänge runter“) wurde die Senke zum Auffangbecken: An Tennis war danach länger nicht zu denken. Wenn es eine Weile nicht geregnet hatte, drohte das gegenteilige Übel: Trockenheit, Mull. Und im Herbst begruben Laub und Bucheckern den Platz unter sich. Aber all das nahm man seinerzeit unaufgeregt hin. „Wir sind mit unseren Bordmitteln zurechtgekommen“, sagt Salfer, „und haben ja auch immer gern mitgeholfen, den Platz in Ordnung zu halten. Einfach, weil wir es toll fanden da.“

Gruppenbild mit Herr: Vor etwa 100 Jahren stellte sich dieses Syker Quartett im Dresscode seiner Zeit zum Foto auf.

Von langen Röcken und Platznot: Ein Streifzug durch die Geschichte

Es waren seltsame Gepflogenheiten: Die 28 Gründungsmitglieder, die 1905 den Tennisverein Syke ins Leben gerufen hatten, spielten fortan in mehrköpfigen „Parteien“. Jeder „Partei“ wurde ein Wochentag zugewiesen, nur am Sonntag durften alle auf den Platz. Den hatten sie in eine stillgelegte Sandkuhle des Friedeholzes in unmittelbarer Nähe zum Forstamt (dem heutigen Vorwerk) gebaut. Tennis – das war vor über 100 Jahren eine aufwändige Sache. Die Statuten verlangten: Das Netz ist jeden Tag auf- und abzubauen, bei schlechtem Wetter ist ein altes zu benutzen. Die Linien wurden mit einem Kreidewagen gezogen (dabei blieb es bis in die 70er- Jahre hinein). Und dann die „Sportbekleidung“: Die Damen spielten in knöchellangen Röcken, die Herren in langen Hosen und, bitteschön, mit Krawatte. Anfang der 30er-Jahre gab es Streit. Einige Mitglieder fanden, ihnen stünde nicht genug Spielzeit zur Verfügung. Sie gründeten den TC Blau-Weiß Syke und schufen den Platz am „Gasthaus zur deutschen Eiche“. Ein Kuriosum: Syke besaß etwas mehr als ein Jahrzehnt zwei Tennisvereine mit jeweils einem Platz. Zwei Jahre nach dem 2. Weltkrieg vereinigten sich die Clubs als „Tennisverein von 1905 Syke“. 1948 war die „Kuhle“ wieder bespielbar, an der „Eiche“ ging es erst 1951 weiter. 20 Jahre später reichten die beiden Plätze hinten und vorne nicht mehr. Der Verein musste und wollte sich dringend vergrößern. Die Stadt stellte aber kein geeignetes Gelände zur Verfügung. Daraufhin gründeten einige Mitglieder 1972 den Barrier Tennis-Club. 1974 gab es die Idee einer Fusion. Die Barrier stimmten dafür, die Syker lehnten ab.

Ein „Abtrünniger“ schlägt 1942 an der „Deutschen Eiche“ auf. Den TC Blau-Weiß Syke gab es aber nur wenige Jahre.

Salfer hat „in der Kuhle lieber gespielt, als auf dem anderen Platz“. Der „andere Platz“, das war der am „Gasthaus zur deutschen Eiche“. Die Tatsache, dass es nur zwei Courts gab, die auch noch ungefähr 400 Meter auseinander lagen, machte Punktspiele zu einer kniffligen Angelegenheit. „Es war schwierig“, erzählt Salfer, „wir haben ja häufig gegen Clubs gespielt, die mehr Plätze hatten. Wenn die anderen Mannschaften zu uns kamen, musste man denen erst mal begreiflich machen, dass es sich wohl ziemlich lang hinziehen würde an diesem Tag. Aber letztlich hat das dann keinen groß gestört.“

Als die Punktspiele liefen, flitzte meist einer zwischen den Plätzen hin und her. Schließlich wollten sie in der „Kuhle“ wissen, wie es an der „Eiche“ steht. Und umgekehrt.

Gut besucht war oft auch die kleine Tribüne an der „Kuhle“.

Das Ende dieser wild-romantischen Tennis-Ära wurde eingeläutet, als 1976 das neue Vereinsgelände am Lindhof aus der Taufe gehoben wurde. Ein richtiger Schritt – der TV Syke wäre sonst nicht zu dem großen Club mit heute rund 400 Mitgliedern geworden. Gleichwohl brachte der Fortschritt den beiden alten Plätzen den schleichenden Tod. Mitte der 80er-Jahre gab der Verein die „Kuhle“ auf, zur Jahrtausendwende dann die „Eiche“.

„Ich fand es damals schade, dass wir umgezogen sind“, erinnert sich Andreas Salfer: „Ich habe später noch oft in der Kuhle vorbeigeschaut, um zu sehen, ob alles okay ist – und musste feststellen, dass es zunehmend nicht mehr okay war.“

Heute, 116 Jahre nach der Entstehung, ist da nur noch: junger, wilder Wald. Nichts erinnert mehr an den legendären Tennisplatz aus einer längst vergangenen Zeit. „Die Natur“, sinniert Hermann Uhlenwinkel“, „hat sich alles zurückgeholt.“

Wie die „Waldwichtel“ den Durst der „Kuhle“ löschten

Irgendwann konnte es Frank Rendigs nicht mehr mitansehen. Der Platz in der „Kuhle“, seiner Herzensangelegenheit: staubtrocken. Kein Regen in Sicht, und die alte Schwengelpumpe am Rand wohl seit Jahrzehnten nicht mehr zu gebrauchen. Aber kompetenter Handwerker, der er ist, löste der Barrier das Problem. Wenn auch auf unkonventionelle Art: „Ich habe einen 1 000-Liter-Tank auf den Lieferwagen gestellt und ihn volllaufen lassen. Dann bin ich dahin gefahren, habe Pumpe und Schlauch angeschlossen und den Platz gesprengt.“Es war das Frühjahr 1991, als eine Gruppe von 15 Hobbyspielern das historische Areal (von dem sie nicht wussten, dass es historisch ist) aus seinem Dornröschenschlaf riss. Initiator war der Süstedter Holger Leue. Er hatte den Platz bei einem Waldspaziergang entdeckt und war ihm sofort verfallen. Die 50 Mark Pacht an das Forstamt – läppisch. Die Arbeit, die auf den selbsternannten „TC Waldwichtel“ wartete – gewaltig. Sechs Jahre lang hatte niemand mehr einen Handschlag getan, der Platz war in einem miserablen Zustand. In der Rückschau nennt Rendigs (59) die Reanimation der „Kuhle“ eine „Kinderei“. Damals aber steckte er voller Enthusiasmus: „Ich habe richtig viel Zeit investiert.“ Die neuen Nutzer klotzten ran. Eine der ersten Maßnahmen: Sie rammten Pfosten in den hinteren, zehn Meter aufragenden Hang. Dort rutschte immer wieder Boden ab. Und die „Wichtel“ entwickelten Improvisationstalent. Neues Ziegelmehl? Zu teuer! Also nahmen sie das, was der Barrier TC bei seiner Frühjahrsinstandsetzung von den Plätzen gekratzt hatte. „Ab und zu“, erinnert sich Rendigs, „hat uns Paul Lübbe (damals Technischer Wart, d. Red.) auch ein paar frische Haufen zukommen lassen, wenn was übrig war.“ Fünf Jahre hauchten die „Waldwichtel“ der „Kuhle“ neues Leben ein, und sie waren stolz auf ihr Werk. Rendigs: „Wir sind immer wieder auf große Begeisterung gestoßen, wenn wir Leuten den Platz gezeigt haben.“ Aber dann war es vorbei. Rendigs beschreibt das Ende des Abenteuers: „Das größte Problem war, dass auch andere Leute den Platz nutzten und nicht so verließen, wie sie ihn vorgefunden hatten. Das Interesse in unserer Gruppe wurde weniger, die Qualität des Platzes wurde auch weniger – und dann haben wir den Pachtvertrag aufgelöst.“

Sie hatten sogar eine Visitenkarte: Die „Waldwichtel“.

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