Viele Vereine haben viele Verletzte – aber warum?

„Das kann doch gar nicht sein“

Immer alles im Blick: Wenn Heiligenfeldes Spieler (hier Joshua Brandhoff) eine Behandlung brauchen, ist Physiotherapeutin Lara Drechsler umgehend zur Stelle.
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Immer alles im Blick: Wenn Heiligenfeldes Spieler (hier Joshua Brandhoff) eine Behandlung brauchen, ist Physiotherapeutin Lara Drechsler umgehend zur Stelle.

Stefan Rosenthal spricht das aus, was schon vielen Lesern aufgefallen sein dürfte. Mit Blick auf die Kurzstenos der Fußball-Bezirksliga, immer freitags als Vorschau auf die Wochenendspiele in dieser Zeitung, sagt der reaktivierte Routinier des FC Sulingen: „Die Aufzählung der Verletzten nimmt ja mehr Platz ein als der Rest.“ Stimmt nicht immer, aber oft.

Syke - Viele Mannschaften, egal in welcher Klasse, haben erhebliche Personalsorgen. Doch woran liegt das? Bei etwas genauerem Hinschauen, exemplarisch für die Bezirksliga, wird klar: Corona spielt auch im Amateurfußball mit. Am 15. Oktober fielen in den 13 Teams satte 45 Spieler aus gesundheitlichen Gründen aus. Im Herbst 2020, als das Virus schon das öffentliche Leben fest im Griff gehabt hatte, waren es 38 (siehe Grafik unten). Aber davor: Nur 16, 21 und 17 Spieler in den Jahren 2017 bis 2019.

Die Verletztenschwemme (übrigens auch in anderen Sportarten zu beobachten) nicht nur mit Pech, sondern auch mit der Pandemie in Verbindung zu bringen, drängt sich geradezu auf. Die langen Zwangspausen taten den Körpern offensichtlich nicht gut. Kein fußballspezifisches Training – da fehlen Rhythmus, Koordination, Zweikampfhärte. An all das müssen sich die Spieler, die hier und da gewiss auch zu wenige individuelle Einheiten absolvierten, um sich fitzuhalten, erst wieder gewöhnen. Und nun, da die Belastung ein normal hohes Level erreicht hat, spüren sie ihre Muskeln und Knochen umso mehr. Viele sind angeschlagen oder langzeitverletzt.

Oft wusste ich schon am Dienstag die Aufstellung fürs Spiel, jetzt weiß ich sie am Sonntag noch nicht . . .

Sascha Jäger, Trainer des FC Sulingen, über die Personalprobleme

Hart erwischt hat es seit Saisonbeginn in der Bezirksliga den TuS Lemförde und TV Stuhr, aber auch den FC Sulingen und die TSG Seckenhausen-Fahrenhorst. Die Trainer der beiden letztgenannten Mannschaften sehen bei ihrem Personalnotstand einen Corona-Bezug.

Allerdings gibt es Gegenbeispiele. Teams, die nur wenige Verletzte zu beklagen haben. Das hat Gründe – wie etwa beim SV Heiligenfelde zu sehen ist.

FC Sulingen

Trainer Sascha Jäger grübelte in letzter Zeit reichlich und gesteht: „Ich habe an mir gezweifelt und gedacht: So viel Pech kann man nicht haben. Das kann doch gar nicht sein.“ Dem FC fehlten in den vergangenen Wochen sechs, sieben Stammspieler – die meisten davon fallen sogar länger aus. Und das, ergänzt Jäger, „obwohl die Vorbereitung extra so getaktet war, dass alle fit sind“.

Im Heimspiel gegen Wagenfeld saßen mit Svend Kafemann (später eingewechselt) und Jens Grunert deshalb zwei Alt-Sulinger auf der Bank. „Svend hat mir am Spieltag mittags um ein Uhr zugesagt“, erzählt Jäger, der natürlich froh war über die Einsatzbereitschaft. Diese Geschichte zeigt aber auch, wie schwierig die Personalplanungen beim FC aktuell sind. „Im Training üben wir momentan keine direkten Zweikämpfe, weil nichts mehr passieren darf“, betont der Sulinger Coach.

In Lemförde trug sich Jäger in der darauffolgenden Partie sogar selbst in den Spielberichtsbogen ein und zog sich mit um. Er habe sicherheitshalber seinen Pass beim SV Lessen angefordert und noch rechtzeitig bekommen. Zum Comeback nach zwei Jahren Pause kam es dann jedoch nicht – zum Glück, meint Jäger: „Ich habe mich ganz bewusst dazu entschieden, nur Trainer und kein Spielertrainer zu sein. In meiner Mannschaft mitzuspielen, wäre für mich das Schlimmste, was passieren kann.“

Jäger glaubt, dass die vielen Ausfälle in den Vereinen ein stückweit mit Corona zu tun haben. Der 37-Jährige sieht aber noch eine weitere Ursache – im aktuellen Spielmodus mit zwei Quali-Staffeln zur Ermittlung der Teilnehmer an Meister- und Abstiegsrunden: „Für alle geht es schon um alles. Da wird sehr hart gespielt – für viele ist es inzwischen ungewohnt.“

Ungewohntes Bild: Kürzlich waren beim FC Sulingen Svend Kafemann (l.) und Jens Grunert (r.) auf der Bank.

TSG Seckenhausen-F.

Mit der Ligenteilung, die als Vorsichtsmaßnahme in der Corona-Pandemie zum zweiten Mal erfolgte, kann TSG-Coach Iman Bi Ria (37) wenig anfangen: „Wir spielen nur bis Mitte November und haben dann vier Monate Pause, also eine sehr lange Vorbereitung in der kalten Jahreszeit.“ Nicht gerade förderlich, um weitere Verletzungen zu vermeiden, meint Bi Ria. Er wolle sich nicht beschweren, weil solch eine Lage absehbar gewesen sei. Aber er sagt: „Immer nur elf, zwölf Leute zu haben und rumtelefonieren zu müssen, macht wenig Spaß. Wir erleben gerade eine Durchlaufsaison – in der nächsten greifen wir wieder voll an.“

Jeder Schlag gegen das Knie oder das Sprunggelenk haut momentan noch mehr rein.

Iman Bi Ria, Trainer der TSG Seckenhausen-Fahrenhorst, über die vielen Ausfälle

Die aktuell ziemlich knifflige Personallage, die den Coach letztlich zum Comeback in der „Ersten“ bewogen hat, führt er vor allem auf Corona zurück: „Etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen. Die Körper haben lange nicht fußballerisch gearbeitet, sind an die Belastung nicht mehr gewöhnt.“ Daher rühren seiner Meinung nach viele Beschwerden – zum Beispiel an den Adduktoren.

Geradezu begeistert ist Bi Ria vom Engagement seines Rumpfteams: „Die Stimmung ist super. Und was die Jungs in dieser schwierigen Phase leisten, ist absolut geil.“

Kein Freund der Ligenteilung: Seckenhausens Trainer Iman Bi Ria, der zuletzt wieder selbst mitspielte.

SV Heiligenfelde

„Vielleicht haben wir einen Tick mehr Glück als andere“, sagt Torben Budelmann und klopft „dreimal auf Holz“. Der SVH-Coach kann momentan fast aus dem Vollen schöpfen, musste vor dem Heimspiel gegen Twistringen (1:0) am Dienstag sogar „vier Spielern sagen, dass sie leider nicht im 18er Kader sind“.

Bei den Heiligenfeldern fällt auf, dass sie viel tun, um für die nötige Fitness und auch Regeneration zu sorgen. Es gibt mehrere Athletikcoaches und Polizisten im Kader, die schon von Berufswegen fit sein müssen – und das sind sie. Andere wie Malte Garlich oder Roman Obst gehen zusätzlich zum Fußball häufig ins Fitnessstudio. Joshua Brandhoff und Mirko Labbus haben laut Budelmann in der Corona-Zeit sogar einen Personal-Trainer engagiert, mit dem sie noch immer zusammenarbeiten. Leistungsträger wie Brandhoff oder Kapitän Tobias Dickmann seien auch in dieser Hinsicht Vorbilder. Budelmann: „Sie sind immer fit und reißen andere mit.“

Vielleicht fehlt manchmal in den Zweikämpfen der letzte Zacken Spannung.

Torben Budelmann, Coach des SV Heiligenfelde, über die erhöhte Verletzungsanfälligkeit 

Und dann ist da noch Physiotherapeutin Lara Drechsler. „Wenn sie nicht gerade im Urlaub weilt, ist sie immer da“, lobt Budelmann. Viele andere Vereine haben auch Betrieb auf der Massagebank, „aber vielleicht nicht so oft“, meint Budelmann. Neben Drechsler kommt aktuell einmal pro Woche Hannes Frerichs vorbei, bis vor kurzem noch Keeper des FC Oberneuland. „Zwei Physios“, sagt Budelmann, „brauchst du auch. Und Hannes ist eine Super-Ergänzung.“

Um muskuläre Probleme möglichst zu vermeiden, habe der 36-Jährige die Belastung nicht bewusst heruntergeschraubt – im Gegenteil. Budelmann reagierte auf Hinweise aus der Mannschaft, die das Training mitunter als „zu lasch“ empfand: „Deshalb haben wir wieder ein bisschen angezogen.“ Mit Erfolg: Heiligenfelde ist nach mäßigem Start aktuell Erster – und Budelmann schwärmt: „Hier ist etwas zusammengewachsen, das ist toll anzusehen. Die Mannschaft hat erkannt, wie gut sie ist.“

Viele Verletzte in der Fußball-Bezirksliga. Das gab es vor ein paar Jahren noch nicht. Die Grafik zeigt einen klaren Trend.

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