Umfrage zum deutschen EM-Start

„Unser Mittelfeld ist das Herz der Mannschaft“

Walter Brinkmann während Fahrradtour
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Auf großer Tour: Walter Brinkmann ist seit einigen Tagen mit dem Fahrrad in Hessen unterwegs. Mit dabei ist Hundedame Holly. Für unsere Zeiten nahm sich der langjährige Erfolgstrainer Brinkmann Zeit, um das deutsche Team vor dem EM-Start zu checken. Foto: Brinkmann

Wie gut ist das deutsche Team? Vor dem EM-Start haben wir uns bei Fußballexperten im Landkreis umgehört. Walter Brinkmann (langjähriger Erfolgstrainer u.a. beim TuS Sulingen) und Stefan Czyborra (Jugendcoach beim JFV Rehden) sehen andere Top-Favoriten, trauen dem DFB-Team aber einiges zu. Luisa Homfeld (Spielleiterin beim NFV-Kreis Nienburg und selbst aktiv bei der SG Hoyerhagen) ist noch mutiger: „Wir brauchen uns vor keiner Mannschaft zu verstecken. Bei einem Turnier spielt niemand gern gegen Deutschland.“

Das DFB-Image ist ziemlich angekratzt, der Profi-Fußball insgesamt gab in der Corona-Pandemie kein sonderlich gutes Bild ab. Ist deshalb bei Ihnen die Vorfreude auf das Turnier etwas gedämpft? Oder ist die Lust genauso groß wie bei den vergangenen Großveranstaltungen?

Stefan Cyborra: Ich als Sportsbar-Besitzer freue mich natürlich, dass die Europameisterschaft jetzt stattfindet, die Spiele im Fernsehen übertragen werden. Jeder Fußball-Fan sollte die DFB-Elf unterstützen, so gut es eben geht. Ich werde auf jeden Fall mitfiebern. Die Spieler auf dem Platz können ja nichts für die Querelen, die in den Hinterstuben des DFB stattgefunden haben. Die Spieler wollen den EM-Titel gewinnen. Und dabei haben sie meine volle Unterstützung.

Luisa Homfeld: Die Vorfreude ist groß. Ich habe mir extra ein längeres TV-Kabel besorgt, um die Spiele auch auf der Terrasse sehen zu können. Natürlich ist es schade, dass das klassische Public Viewing diesmal nicht möglich ist.

Walter Brinkmann: Ich verspüre bei einer EM und einer WM immer Vorfreude. Ich bin ein absoluter Turnier-Befürworter, weil es immer direkt zur Sache geht in diesem Format. Aber klar: Die DFB-Zentrale in Frankfurt/Main gibt kein gutes Bild ab. Es bedarf ein komplettes Umdenken und auch neues Personal an der Spitze, damit sich Profis und Amateure hoffentlich auch mal wieder etwas annähern.

Freut sich auf EM-Abende auf der Terrasse: Luisa Homfeld.

Jogis letzter Akt: Bundestrainer Löw hat klargestellt, dass für ihn nach der Europameisterschaft Schluss ist. Ein kluger Schachzug? Oder wird er dadurch zur sogenannten „lame duck“?

Cyborra: Das glaube ich nicht. Löw wird jetzt erst einmal versuchen, die EM ordentlich zu Ende zu bringen, will seine Kritiker Lügen strafen. Dafür muss er meiner Meinung nach aber mindestens ins Halbfinale kommen. Sollte er mit Deutschland früher aus dem Turnier ausscheiden, werden sicherlich wieder Diskussionen aufkommen. Die Frage nach der EM ist eher, ob Löw bereit für eine Vereinsmannschaft ist, bei der er wieder täglich auf dem Platz steht. Aber ich traue ihm das durchaus zu. Aber auch bei einer anderen Nationalmannschaft kann ich ihn mir gut vorstellen. Mal sehen, wohin sein Weg ihn nach der Europameisterschaft führt. Ich bin jedenfalls gespannt.

Homfeld: Ich glaube, dass es von Jogi Löw ein kluger Schachzug war. Vielleicht ist der ganz große Druck für ihn weg. Hätte man aber vielleicht früher gewusst, dass ein Hansi Flick verfügbar ist, hätte man auch schon mit ihm das Turnier angehen können.

Brinkmann: Dass Jogi Löw den Schritt so früh angekündigt hat, beeinflusst das Team nicht negativ. 2018 hat natürlich gar nichts funktioniert, da war alles schlecht. Aber er wurde 2014 Weltmeister, und damit hat man Respekt verdient und auch einen Bonus. Nach dem Turnier ist es aber auch gut, dass ein neues Gesicht kommt.

Wo sehen Sie die Schwächen des deutschen Teams – und wo die Stärken?

Cyborra: Für mich ist es ganz klar die Abwehr. Besonders die Innenverteidigung. Dass Löw Hummels als erfahrenen Innenverteidiger zurückgeholt hat, ist meiner Meinung nach die richtige Entscheidung. Fakt ist aber auch, dass wir jetzt nicht die schnellsten Innenverteidiger haben. Gegen Mannschaften mit schnellem Umschaltspiel, wie zum Beispiel Frankreich, könnte es zu einem großen Problem werden. Dafür sehe ich unsere Stärken im zentralen Mittelfeld. Ilkay Gündogan ist aktuell super drauf, hat eine klasse Saison in England bei Manchester City gespielt. Dazu kommen noch Joshua Kimmich oder Leon Goretzka, die ebenfalls überzeugten. Unser Mittelfeld ist das Herz der Mannschaft.

Homfeld: Die Außenverteidiger-Positionen sind nicht optimal besetzt. Klar haben wir dort auch gute Leute, aber andere Teams sehe ich hier stärker. Im Mittelfeld und Sturm sehe ich uns sehr gut, da wird es uns auch helfen, dass die Münchner um Kimmich, Goretzka, Gnabry, Sane und Müller eingespielt sind.

Brinkmann: Eine Schwäche sehe ich darin, dass wir nur zwei Spieler haben, die zur absoluten Weltklasse gehören. Manuel Neuer und Joshua Kimmich. Die Breite ist aber sehr gut. Wir benötigen die richtige Mentalität, da war doch zuletzt die U 21 das beste Beispiel. Und wir brauchen eine Stabilität in der Defensive. Spiele gewinnt man vorne, Turniere hinten. An dem Spruch ist viel Wahres dran.

Das deutsche Mittelfeld ist für Stefan Czyborra, A-Jugendtrainer beim JFV Rehden, das absolute Prunkstück.

Wer könnte der deutsche EM-Star werden? Und wieso gerade er?

Cyborra: Die deutsche Elf ist ja eine Turniermannschaft, die im Kollektiv überzeugt. Wir haben keinen Einzelkönner wie zum Beispiel Messi, Cristiano Ronaldo oder Kylian Mbappe. Dennoch kann ich mir gut vorstellen, dass ein Kai Havertz, Gündogan oder auch der zurückgeholte Thomas Müller zum Star des Turniers werden könnte.

Homfeld: Da sehe ich auf Anhieb niemanden. Unsere Stärke war es immer, als Mannschaft zu funktionieren. Auf diesen Teamgeist müssen wir wieder zurückgreifen.

Brinkmann: Kimmich wird erneut zeigen, dass er zur absoluten Weltspitze gehört. Neben Frankreichs N’Golo Kante ist er der beste Sechser der Welt. Kimmich strahlt einfach Sicherheit aus; im Spiel nach vorne und nach hinten.

Wer wird der beste deutsche Torschütze sein?

Stefan Cyborra: Ich tippe auf Serge Gnabry oder Havertz. Gnabry ist eiskalt, hat einen tollen Distanzschuss und er weiß immer, wo das Tor steht. Aber auch Havertz ist top drauf. Das hat er zuletzt beim Triumph im Champions-League-Finale mit seinem FC Chelsea gegen Manchester City unter Beweis gestellt. Ich traue es beiden zu.

Homfeld: Mein Bauchgefühl sagt mir Leroy Sane.

Brinkmann: Ich gehe davon aus, dass Thomas Müller viel Spielzeit bekommen wird. Er wird sich absolut zerreißen, und da er ein absolutes Schlitzohr ist, werden dabei auch Tore herausspringen.

Wie weit kommt die deutsche Mannschaft? Und welches Team ist für Sie Turnierfavorit?

Cyborra: Ich hoffe, dass die deutsche Nationalmannschaft mindestens ins Halbfinale kommt. Das Finale wäre natürlich das i-Tüpfelchen. Die Gruppenphase, da bin ich mir sicher, werden wir überstehen. Favorit auf den Titel ist für mich aber Frankreich. Aber auch die Engländer sollten nicht außer Acht gelassen werden.

Homfeld: Ich glaube fest ans Finale. Die Stärke unserer Vorrundengruppe wird mir auch etwas zu sehr aufgebauscht. Frankreich als Weltmeister und Portugal als Europameister verspüren auch den Druck der Titelträger. Wie das ausgehen kann, haben wir ja 2018 erlebt . . .

Brinkmann: Frankreich ist bei dem Turnier am besten besetzt. Aber auch England und Italien sollte man auf dem Zettel haben. Wenn wir unsere Gruppe überstehen, glaube ich, dass wir bis ins Finale kommen werden.

Wie würde Ihre deutsche Traum-Startelf aussehen?

Cyborra: Ich würde mit einem 4-3-3 spielen. Im Tor Manuel Neuer, in der Innenverteidigung Hummels und Antonio Rüdiger, auf den Außenpositionen Robin Gosens und Matthias Ginter. Im Mittelfeld würde ich Kimmich als Sechser zusammen mit Goretzka und Gündogan aufbieten. Toni Kroos ist dagegen nicht in meiner Startelf vertreten. Vorne würde ich statt Timo Werner Havertz aufstellen. Auf den Außen zudem noch Gnabry und Müller.

Homfeld: Vor Neuer würden bei mir Hummels und Rüdiger innen spielen, Ginter rechts und Gosens links. Davor setze ich auf ein Dreier-Mittelfeld mit Kimmich, Goretzka und Kroos, ganz vorn Gnabry, Sane und Müller.

Brinkmann: Gerade gegen Frankreich muss das Zentrum dicht sein. In der Dreierkette sehe ich Hummels, Ginter und Rüdiger, übringens ein absoluter Mentalitätsspieler beim FC Chelsea. Links Gosens, rechts Kimmich. Vor der Kette Kroos und Gündogan. Und für die offensiven Positionen dann Havertz, Gnabry und Müller.

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