Boßeln sieht einfach aus, ist es aber nicht – ein Test von Philip Kaluza

„Wer hat dir denn gezeigt, dass man in der Mitte wirft?“

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Auf die richtige Technik kommt es an – und auf gute Nerven, denn Mitspieler wie Gegner schauen genau hin, wenn die Boßel auf die Reise geschickt wird.

Barenburg - Von Philip Kaluza. „Warscho“, ertönt es laut über den Renzeler Weg in Barenburg – und ich mache einen eleganten Satz an den Straßenrand, um dem roten Gummigeschoss, das hinter meinem Rücken auf mich zurast, auszuweichen.

Als Reporter bin ich an diesem Tag mittendrin im Geschehen: Wie jedes Jahr im Oktober gehen die Fachverbandsmeisterschaften im Boßeln über die Bühne. Ausrichter ist diesmal der Barenburger Boßelverein „Bliev drup“, was im Hochdeutschen soviel bedeutet wie „Bleib drauf“. Draufbleiben soll die Gummiboßel vorzugsweise auf der Straße, um möglichst viele Meter zu machen. Steht dabei jemand im Weg, wird er mit einem kräftigen „Warscho“ vor dem herannahenden Spielgerät gewarnt.

Karl-Heinz Sandmann präsentiert den Boßelfänger, der zum Einsammeln des Spielgeräts nicht fehlen darf.

Karl-Heinz Sandmann, der Fachverbandsvorsitzende des Kreises Diepholz im Boßeln, versorgt mich bereits vor dem Startschuss der Meisterschaft mit allen wichtigen Informationen rund ums Boßeln und den Wettbewerb. Neben der Boßelsparte des TuS Kirchdorf und den ausrichtenden Barenburgern, die als haushoher Favorit sowohl bei den Herren als auch den Frauen gelten, treten der Boßelverein Warscho Wehrbleck sowie die Boßelsparten des SV Scharringhausen und des TSV Holzhausen-Bahrenborstel an. Insgesamt gehen zehn Herren- und fünf Frauenteams an der Strecke am Renzeler Weg an den Start. Alle eint das gleiche Ziel: Sie wollen die etwa sechs Kilometer lange Strecke in Teams von vier bis fünf Boßelern mit möglichst wenig Würfen bewältigen. Innerhalb einer Mannschaft wird abwechselnd geworfen und jeder Wurf mitgezählt. Damit es keine Schummeleien gibt, starten immer zwei Teams gleichzeitig, die sich im Laufe des Wettkampfs gegenseitig überprüfen.

Als ich die Regeln gerade verinnerlicht habe und danach frage, worauf ein Spieler beim Boßeln achten müsse, macht Sandmann

Naturtalent? Und schon liegt die Boßel im Gras

mir einen Vorschlag, den ich nicht ausschlagen kann: Er will mit mir und einem weiteren Mitstreiter ein Team stellen, das außer Konkurrenz bei dieser Meisterschaft an den Start geht. Mein Ehrgeiz ist geweckt, schließlich schätze ich als aktiver Fußballer die sportliche Herausforderung. Außerdem: Wer hat schon die Möglichkeit, in einer für ihn neuen Sportart direkt an der Meisterschaft teilzunehmen? Vielleicht schlummert in mir ja ein Naturtalent und ich kann die Leute hier überraschen, überlege ich voller Euphorie. Also nichts wie rauf auf die Strecke und ran an die Kugel.

„Gestatten, Philip Kaluza: Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben geboßelt.“

„Es ist keine Kugel. Es heißt Boßel. Die Boßel“, belehrt mich Sandmann und holt mich zurück in die Wirklichkeit. Ich bin ein blutiger Anfänger und sollte vielleicht erst einmal schauen, wie die lokalen Boßelgrößen mit dem Spielgerät umgehen. Ich beobachte den Start der zweiten Scharringhäuser Herrenriege. Direkt am Ausgangspunkt macht die Strecke eine leichte Linkskurve. Nicht schlecht, wie die Spieler der Boßel den richtigen Schnitt geben, staune ich. Als ich das erste Mal an der Reihe bin, werden meine Hände feucht. Augen zu und durch, denke ich, laufe an, ziele, werfe und sehe, wie meine Kugel nach einigen Metern rechts neben der Strecke im Gras liegenbleibt.

Von meinen Mitspielern kommen tröstende Worte. Das passiere ihnen auch oft genug, und es wäre ja ein Wunder, wenn beim ersten Mal direkt alles wie gewünscht klappen würde. Ein wenig enttäuscht bin ich dennoch über den verpatzten Auftakt, aber entmutigen lasse ich mich nicht. Der zweite Versuch auf gerader Strecke gelingt mir bereits besser, aber in der Folge leiste ich mir für meinen Geschmack viel zu viele Würfe, die im Graben, in Pfützen, auf dem Acker oder an Bäumen und Sträuchern landen.

Achtung! Zum Boßeln werden die Straßen nicht extra gesperrt, aber die Verkehrsteilnehmer mit Schildern gewarnt.

Nach etwa der Hälfte der Strecke bin ich bereits etwas abgekämpft. Das Tempo ist zügig, die Fehlversuche nehmen zu. Ich beginne zu fluchen. Die Barenburger Mannschaft, die später den zweiten Platz belegen sollte, kommt mir entgegen und beäugt mich. Denen zeig' ich jetzt nochmal, was ich kann, überlege ich und konzentriere mich bei diesem Wurf besonders. Die Boßel läuft für meinen Geschmack gar nicht so schlecht, bevor sie relativ abrupt rechts von der Strecke abkommt. „Wer hat dir denn gezeigt, dass man in der Mitte der Straße abwirft?“, fragen mich die Barenburger mit einem Augenzwinkern. Hm, stimmt wohl, an den Seiten ist die Straße weniger abschüssig und ich ändere ob dieser (späten) Erkenntnis meine Taktik. „Du wirst immer besser“, lobt mich Sandmann kurz darauf, als es mir dreimal in Folge gelungen ist, die Boßel ziemlich weit zu werfen.

Meine Laune bessert sich wieder. Leider befinden wir uns bereits kurz vor dem Ziel – und meine Mannschaft erreicht es schließlich nach genau hundert Würfen. Exakt 30 hinter dem späteren Sieger. Ein Naturtalent bin ich wahrlich nicht, aber das muss man auch gar nicht sein. Denn wer kontaktfreudig ist, sportlichen Ehrgeiz besitzt, sich gerne an der frischen Luft bewegt oder ganz einfach nach einer Sportart mit hohem Unterhaltungsfaktor sucht, für den ist Boßeln genau das Richtige.

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