„Stradi’s-Inn“-Wirt Jörg Stratmeyer seit 30 Jahren dabei / Umsatz bricht derzeit weg

„An Aufgabe denke ich nicht“

„Stradi“ steht Gewehr bei Fuß, aber zapfen darf er vorerst in seinem Laden nicht. Fotos: Töbelmann

Weyhe - Von Gerd Töbelmann. Wohin Jörg Stratmeyer, den alle nur „Stradi“ nennen, auch blickt: Es herrscht überall gähnende Leere. Wenn er aus seinem Lokal „Stradi’s Inn“ tritt und auf die Plätze der Weyher Zentralsportanlage (ZSA) blickt, dann sieht er dort nur pickende Tauben oder laufende Rasensprenger. Wenn er sich umdreht und in seinen Laden schaut, dann sieht das derzeit auch trostlos aus: Die Tische und Stühle stehen, um Gäste zu bewirten, aber aufgrund der Corona-Krise darf er nicht aufmachen, um zum Beispiel Feiern auszurichten. Zuschauer oder Spieler der Vereine TSV Lahausen und SC Weyhe, die auf der ZSA ihre Spiele austragen, fehlen natürlich auch.

Dabei sollte dieses Jubiläumsjahr eigentlich top werden. „Ich hatte schon sehr viele feste Reservierungen in meinem Buch. Die meisten davon muss ich nun streichen“, sagt Stratmeyer. Seit nunmehr 30 Jahren führt „Stradi“ sein Lokal, dass er am 1. Mai 1990 von der Gemeinde Weyhe gepachtet hat. Sein Vorgänger war der vor einigen Jahren verstorbene Heinz Meyer-Lankenau, ehemaliger Spieler des Handball-Oberligisten TSV Leeste. Auf seine 30 Jahre ist der Wirt auch ziemlich stolz: „Beweisen kann ich es zwar nicht, aber ich denke, dass im Umkreis von 400 Kilometern kein Vereinswirt derart lange im Amt ist wie ich.“

Dabei war „Stradis“ Berufsweg zunächst ein ganz anderer. Der in Harpstedt aufgewachsene Stratmeyer erlernte das Bäcker-Handwerk bei seinem Onkel in Wildeshausen. Nach seiner Gesellen- und Bundeswehrzeit folgte 1988 ein Abstecher auf die Nordseeinsel Norderney. Bemerkenswert dabei: Stratmeyer arbeitete dort im Laden eines gewissen Herrn Harald Saathoff. Saathoff? Ja genau: Cousin Herbert Saathoff heuerte Jahre später als Mäzen und Manager der Fußballer des SC Weyhe an und hatte damit auch Kontakt zu „Stradi“.

Norderney war zwar schön – aber nicht schön genug. Mit seiner damaligen Freundin zog Stratmeyer dann nach Weyhe und fing dort bei der Bäckerei Grimpo an, die es seit einigen Jahren nicht mehr gibt. 1990 kam dann der Kontakt zur Gemeinde zustande, die einen Pächter-Nachfolger des Lokals auf der ZSA suchte. Stratmeyer bewarb sich, bekam den Zuschlag und nannte seinen Laden „Stradi’s Inn“. „Aber ich habe nicht von jetzt auf gleich den Job gewechselt, sondern habe in den ersten fünf Jahren noch bei Grimpo weiter gearbeitet. Das war aber ganz schön stressig“, erinnert sich der Vereinswirt an die Doppelbelastung.

Doch nach und nach wurden die Umsätze auf der ZSA besser, sodass der 56-Jährige irgendwann nur noch auf die Karte Gastronomie setzte. Und da durfte er diverse (Umsatz-)Highlights miterleben. Zum Bespiel das Freundschaftsspiel des SC Weyhe gegen die Bundesliga-Profis vom SV Werder. Da waren mehr als 2 000 Besucher auf der Anlage – und Stratmeyer stellte Speisen und Getränke. Oder das alle zwei Jahre stattfindende Jugend-Pfingstturnier des TSV Lahausen. „Auch da waren die Umsätze immer sehr gut“, erinnert sich Stratmeyer, der mit Frau und Kind jetzt in Nordwohlde wohnt.

Aber die Erträge in Verbindung mit dem Fußball wurden von Jahr zu Jahr weniger. „Wenn ich allein davon leben müsste, wäre ich pleite“, sagt der gelernte Bäcker, „die Mannschaften spielen mittlerweile so tief, dass da kaum Zuschauer kommen. Und früher kamen die Jungs auch mal nach dem Training rein, um was zu trinken. Dieses Geschäft ist fast komplett weggebrochen“.

Viele Vereinswirte machen den Job nebenbei und sind nicht unbedingt auf das Geld angewiesen. Bei Stratmeyer ist das anders: Das „Stradi’s Inn“ bedeutet sein Broterwerb. Deshalb hat er sich frühzeitig ein zweites Standbein aufgebaut: Das Ausrichten von Familienfeiern wie Geburtstage, Konfirmationen, Silberhochzeiten, Kohltouren oder Spargelessen.

Und die Location mit den bis zu 90 Plätzen, der hohen Decke und dem vielen Holz kam und kommt bei der Kundschaft sehr gut an. „Ich habe Anfragen nicht nur aus Weyhe oder Stuhr, sondern auch aus Bremen“, bemerkt der Wirt.

Und dann kam Corona. Seit dem 16. März wurden alle Jahresplanungen über den Haufen geworfen. Die Fußballer kommen nicht mehr, auch alle Feiern wurden abgesagt. Stratmeyer beschreibt seinen finanziellen Shutdown so: „Bis Ende Mai hatte ich zwölf Veranstaltungen eingeplant – alle weg. Allein damit fehlen mir mehr als 30 000 Euro Umsatz – das ist ein Drittel von dem, was ich im ganzen Jahr mit Feierlichkeiten einnehme.“ Und Stratmeyer ist für die Zukunft nicht optimistisch: „Wenn es schlecht läuft, dann geht das Geschäft erst wieder im August so richtig los.“

Deshalb hat er sich nach einer Alternative umgeschaut – und hatte Erfolg: „Seit einigen Wochen bin ich in der Stadt Syke Briefzusteller bei der Deutschen Post und bin mit einem Elektro-Auto unterwegs. Das könnte ein weiteres Standbein für länger werden.“

Hat er sich in den vergangenen Wochen denn nicht auch die Frage gestellt, sein Lokal ganz abzuschließen? „Stradi“ verneint vehement: „An Aufgabe habe ich wirklich zu keiner Sekunde gedacht. Wenn es wieder erlaubt ist, werde ich öffnen und hoffen, dass die Kundschaft wieder zurückkommt.“

Das ist übrigens auch ganz im Sinne des Verfassers, denn in den vergangenen 30 Jahren habe ich unzählige Male bei „Stradi“ angerufen, um Ergebnisse zu bekommen oder aber Statements von Trainern. Dann ist er mit dem Telefon auf die Pirsch gegangen, um den Kontakt herzustellen. Allein schon aus diesem Grunde darf „Stradi“ so schnell nicht aufhören . . .

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