Das Seuchenjahr ist vergessen

Anna-Lena Freese wird Vizemeisterin über 200 Meter / „Sie ist wieder da“

Vor dem Start: 24,37 Sekunden später ist Anna-Lena Freese deutsche Vizemeisterin. ·
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Vor dem Start: 24,37 Sekunden später ist Anna-Lena Freese deutsche Vizemeisterin. ·

Halle / Saale - Von Arne Helms · Sie hatte am Mittwoch noch Fieber. Sie war angespannt. Den Vorlauf über 200 Meter lief sie mit Bauchschmerzen – gestern Nachmittag aber sprach Anna-Lena Freese von einer „großen Entspanntheit“, die ihr dieses Wochenende bei der Deutschen Hallen-Meisterschaft der Junioren in Halle an der Saale eingebracht habe.

„Weil ich jetzt weiß, was ich drauf habe“, so die 19-Jährige vom FTSV Jahn Brinkum. Weil sie nun Vizemeisterin der U 20 ist. „Weil Anna nach dem Seuchenjahr 2012 wieder da ist“, jauchzte ihr Trainer, der sich nicht einfach nur zufrieden zeigte. Björn Sterzel war – bitte mitzählen – „sehr, sehr, sehr, sehr zufrieden“.

Dass die Saisonbestleistung von 24,37 Sekunden nicht für den Titel gereicht hatte und ihr ausgerechnet die erst 16-jährige Soesterin Gina Lückenkemper (24,04) davongesprintet war, fand Freese zwar „ein bisschen blöd. Aber ich habe früher auch die Großen geärgert.“ Vor zwei Jahren war Freese unterm Dach bereits 23,96 Sekunden schnell. „Jetzt dürfen mich die Kleinen auch ruhig ärgern.“

Etwas schade: Das direkte Duell Seite an Seite mit Lückenkemper gab es nicht. Es wurden zwei gleichberechtigte Finalläufe mit jeweils vier Teilnehmerinnen gestartet. Freese hatte auf der Außenbahn 4 vorlegen müssen, weil sie nur die drittschnellste Vorlaufzeit (24,49) gelaufen war. Die drei Jahre jüngere Kontrahentin zog im zweiten Lauf nach – und vorbei. „Ist okay“, kommentierte Coach Sterzel die Rahmenbedingungen: „Auf den Bahnen 1 und 2 an der Innenseite hätte Anna quasi keine Chance gehabt. Dort ist der Kurvenradius zu eng.“

Der Hannoveraner Trainer hatte sichtlich seinen Spaß daran, über technische Feinheiten zu reden – statt wie noch vor wenigen Monaten über die Ausmaße der Knieverletzung, die seiner Athletin die vergangene Saison zerstört hatte. Alles vergessen. Wie mit Sterzel abgesprochen, hatte Freese bei ihrem Start-Ziel-Sieg im Finale einen schnellen ersten Streckenabschnitt hingelegt und die Konkurrentinnen am Ende um fast eine halbe Sekunde abgeschüttelt. „Ich fand meinen Start ganz gut. Und in der Kurve hat Björn mich noch mal angeschrien. Da geht‘s dann voran“, scherzte Freese: „Seine Stimme erkenne ich immer, auch wenn es so laut ist wie hier.“

Das dürfte hilfreich sein, wenn es für die Brinkumerin am Sonntag noch eine Stufe nach oben geht. Freese startet bei der Deutschen Meisterschaft der Frauen, in den ausverkauften Westfalenhallen Dortmunds – und sagt forsch: „Der Vorlauf sollte gut machbar sein. Ich laufe jetzt ohne Druck.“ Die 19-Jährige müsse „in diesem Jahr den Übergang ins Frauen-Lager schaffen“, so Sterzel: „Ich möchte, dass sie in Dortmund an Sicherheit gewinnt und weiß, dass sie schnell ist.“ Am Samstag darauf darf sie ins italienische Ancona reisen, um mit dem U 20-Nationalteam am Länderkampf teilzunehmen. Nach Rang zwei in Halle wurde sie dafür nominiert. Und anschließend gilt Freeses Wort: „Der Sommer kann kommen.“

Bis dahin muss sich Tim Cordes vom TSV Asendorf noch unter die Analyse-Lupe legen. Der Speerwerfer war mit großen Erwartungen nach Halle gereist; ein Podestplatz sollte es schon sein. Dann aber befiel ihn gestern bei nasskalten Bedingungen auf der Außenanlage des Stadions das „Meisterschafts-Syndrom“, wie es Trainerin Ute Schröder nannte. Die Nerven werden regelmäßig zu einem Problem für den 18-Jährigen, wenn er bei großen Meisterschaften antritt. „Bei kleinen Wettkämpfen werfe ich locker 62 Meter. Ich weiß auch nicht . . .“, runzelte er die Stirn, als die Enttäuschung über Platz fünf in der U 20 gesackt war.

Speerwerfer Cordes versagen die Nerven

Reine Kopfsache? „Bislang habe ich das immer abgestritten, aber ich glaube ja. Ich muss anfangen, mir einen Motivationscoach zu suchen.“ Nur drei von sechs Würfen hatte Cordes werten lassen, der weiteste landete bei 58,41 Metern – ein riesiger Abstand zu Sieger Julian Weber aus Mainz (72, 68 Meter) und auch zum Podestplatz (64,63) inklusive.

„Ein fünfter Platz ist ja nichts Schlimmes. Wir wissen ja, dass Tim mehr kann. Das hat der Bundestrainer auch gesagt“, meinte Schröder: „Aber wir haben natürlich einen anderen Anspruch an die Weite.“ Cordes hatte den Speer in diesem Winter ja bereits bei 62,5 Metern in den Boden gerammt; das Einwerfen sei zudem „locker und flüssig“ gewesen, berichtete seine Trainerin. Dann aber zog der Asendorfer das für ihn schlechteste Los bei der Festlegung der Wurfreihenfolge: Cordes musste als Letzter ran – und lag nach guten Würfen der Konkurrenten sogar nur auf Rang sechs, als die erste Runde beendet war. „Da hat Tim schon zu mir gesagt, dass er fest ist“, so Schröder: „Ich habe ihm jetzt ein Speerverbot für die nächsten zwei Wochen gegeben.“

Cordes geht sogar noch einen Schritt weiter. Aufhören will er nicht, nein. „Aber ich werde mich nicht mehr groß reinhängen, den Sport mehr als Hobby sehen. Ich habe im Moment echt keinen Bock.“

Von der großen Entspanntheit Anna-Lena Freeses ist Tim Cordes momentan meilenweit entfernt.

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