Startnummer 21

Anna-Lena Freese: Die Frau der Extreme

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Startnummer 21: Anna-Lena Freese

Brinkum - Dramen pflastern ihren Weg. Den sportlichen. Hier ist sie die Frau der Extreme: Fabelzeiten und Verletzungen, Jubelrausch und Frust. Abseits der Tartanbahn sieht ihr Weg anders aus. Anna-Lena Freese als Drama-Queen? Mitnichten.

Die 21-Jährige schenkt jedem ein freundliches Lächeln, hat immer ein offenes Ohr – manchmal kommt das Gefühl auf, dass die Sprinterin vom FTSV Jahn Brinkum schwerlich Nein sagen kann. Umso mehr lässt dieser schroffe Satz aus ihrem Munde aufhorchen: „Müssen muss ich gar nichts.“

Sie meint eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio. „Dass alle schon ständig darüber reden, nervt ehrlich gesagt.“ Es sei zwar gelogen, „wenn ich sagen würde, dass das überhaupt nicht im Fokus wäre“. Aber Freese lässt sich nicht drängen. Sie hat leidvoll erfahren, was die Leichathletik-Welt für Wellenbewegungen mit sich bringt. Welch‘ Höhen, welch‘ Tiefen, welch‘ irre Wendungen. Eben der perfekte Stoff für ein Drama. Freeses Sportjahr 2015 bewies das par excellence.

Anfang der Saison passt nichts zusammen. „Anna lief ihren Ansprüchen hinterher. Nach dem Jahr 2014 mit den vielen Verletzungen hatte sie wohl Angst, ob ihr Körper nun hält“, erinnert sich Freeses Stützpunkttrainer Björn Sterzel. Sie verpasst die 200-Meter-Norm (23,55 Sekunden) für die U23-EM im estnischen Tallinn. Bundestrainer Roland Stein schenkt ihr trotzdem das Vertrauen, nominiert sie. Und Freese bedankt sich auf ihre Weise, holt Staffel-Gold (4x100 Meter) und mit neuer persönlicher Bestzeit Silber (23,26/200 Meter).

„Tallinn war mein Highlight“, sagt Freese: „Nach dem nicht optimalen Saisonstart konnte niemand ahnen, dass ich Silber und Gold abräume.“ Für Sterzel ist es der „Knackpunkt. Die Leistung war herausragend. Sie schwamm danach auf einer Erfolgswelle. Und das Herausragendste: Sie hat es nochmal getoppt.“ Normalerweise falle man danach in ein Loch, erklärt Sterzel. Schließlich sei die Saisonplanung auf Tallinn ausgelegt gewesen: „Dass sie noch eine Leistungsexplosion hinlegt – da ist man als Trainer einfach stolz.“

Er meint Nürnberg. Zwei Wochen nach Tallinn steht Freese wieder zwei Mal auf dem Treppchen. Als die Freudentränen getrocknet sind, strahlen ihre bernsteinfarbenen Augen ins Smartphone der Siegerin Rebekka Haase – ein Selfie für die Ewigkeit. Über 200 Meter (Silber/23,08) und 100 Meter (Bronze/11,30) schraubt die 21-Jährige ihre Bestzeiten herunter. „Hätte mir jemand zu Jahresbeginn gesagt, dass ich bei der Deutschen Meisterschaft der Erwachsenen zwei Medaillen hole, hätte ich das niemals geglaubt.“

Folgerichtig flattert die Einladung zur WM in Peking (China) in ihren Briefkasten. Über ein Trainingslager im südkoreanischen Jeju geht es in die Weltmetropole. Glitzer. Gigantismus. Vogelnest-Stadion. Untergebracht im internationalen Athleten-Hotel, Essen neben Weltstars. Öffentlich macht Bundestrainer Stein ein Geheimnis um die 4x100-Meter-Staffelbesetzung, Freese weiß jedoch bereits, dass sie zu den vier Auserwählten gehört. Letztes Training. Routine. Dann das: Die Kniekehle schmerzt. Flüssigkeit hat sich angesammelt. WM-Aus.

„Klar, das i-Tüpfelchen hat vielleicht gefehlt, aber im Nachhinein bin ich gar nicht so traurig“, sagt Freese mit vier Monaten Abstand. Sterzel: „Natürlich bleibt oft der letzte Eindruck einer Saison hängen. Das wäre Peking. Aber das ist abgehakt. Es überwiegen die Erinnerungen an die Wochen zuvor, an die Zeiten, die sie da hingelegt hat. Anna ist in neue Dimensionen vorgedrungen.“

Freese greift nicht so hoch ins Regal, sie ist von Haus aus bescheiden, wirkt stets zurückhaltend. Auf allen Ebenen. Während viele ihrer Sprinter-Kolleginnen das soziale Foto-Netzwerk Instagram benutzen, um ihr Leben zu illustrieren, sucht man die 21-Jährige dort vergebens. „Ich habe einfach nicht das Gefühl, dass ich etwas erreicht hätte, was rechtfertigen würde, dass ich sowas haben müsste.“ Überhaupt mag sie es beschaulich. Seit August wohnt sie allein. Nach fünf Jahren im Hannoveraner Sportinternat. „Sehr entspannt“ sei es, sagt sie, „man kann besser abschalten. Ich kann die Ruhepausen noch besser nutzen.“

Auch der Schritt, als 16-Jährige in die Landeshauptstadt zu ziehen, sei richtig gewesen: „Ich habe es nie bereut. Daher war es gut, dass Björn damals seine ganze Überredungskunst ausgespielt hat“, sagt Freese und lacht. Eben keine Drama-Queen.

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