Andreas Tschongarow geht mit den „Friends Falcons“ in die dritte Saison / Studium „läuft super“

„Ich bin weltoffener geworden“

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Wenn Andreas Tschongarow in den Semesterferien mal wieder in Sulingen ist, kocht Oma Frieda immer etwas ganz Besonderes für ihren Enkel. Am liebsten russische Delikatessen.

Sulingen - Von Arne Flügge. Als Andreas Tschongarow im Januar 2013 an der Friends University in der 380000-Einwohner-Stadt Wichita in Kansas, mitten in den USA, ein Fußball-Stipendium annahm, trat ein damals 22-jähriger, schüchterner, sogar etwas ängstlicher und introvertierter Bursche die Reise über den großen Teich an. Heute, fast zweieinhalb Jahre später, sitze ich einem ganz anderen Menschen gegenüber. Der Sulinger, mittlerweile 24 Jahre, tritt unheimlich selbstbewusst und sicher auf. Seine Schüchternheit hat er längst über Bord geworfen. Dabei ist er bodenständig und aufrecht geblieben.

„Ich hatte damals richtig Bammel und Hemmungen“, erinnert sich der Sulinger, der momentan seine Semesterferien bei der Familie verbringt: „Vor allem hatte ich Angst, Fehler zu machen, gerade, was die Sprache betrifft.“ Freilich: Sein Englisch war damals gut, aber war es auch gut genug? Mittlerweile spricht er die Sprache seines Gastgeberlandes perfekt. In sein Deutsch hat sich sogar hier und da der amerikanische Slang eingeschlichen.

„Ich habe gelernt, nicht zu akzeptieren, dass etwas vielleicht zu schwierig oder nicht machbar ist. Du musst es selbst probieren, die Sache angehen. Dann kannst du es auch schaffen“, sagt Tschongarow, der vor seinem Engagement in den USA für den SC Weyhe, den Brinkumer SV und den FC Sulingen gespielt hat.

Der Wille, sich in Amerika durchzubeißen, hat dem Fußballer nicht nur bei den „Falcons“, seinem Team, den Falken, geholfen. Auch bei seinem Studium. „Es läuft super“, sagt Tschongarow, der internationale Betriebswirtschaftslehre studiert. Vier Jahre dauert es bis zum Abschluss, „aber ich habe das Studium durch Sommerkurse auf dreieinhalb Jahre verkürzen können. Ich denke, ich bin dann im Mai fertig und mache meinen Bachelor.“ Seinen Master kann er in Wichita nicht machen, weil das Stipendium dafür nicht vorgesehen ist. „Und Masterstudenten dürfen dann auch nicht mehr am Universitätssport teilnehmen“, klärt er auf.

Und auf Fußball will Andreas Tschongarow natürlich nicht verzichten. Mit den „Friends Falcons“ geht er jetzt in die dritte Saison der University Challenge. Und Tschongarow ist Stammspieler im Sturmzentrum oder auf der Außenbahn. „Das hängt nicht nur von der Leistung, sondern auch von den Noten im Studium ab“, berichtet der Sulinger: „Du musst immer einen bestimmten Durchschnitt haben. Gelingt das nicht, wirst du vom Trainingsprogramm oder gar vom Spielbetrieb ausgeschlossen.“

Alle zwei Monate überprüft Headcoach Nathan Wilkey die Noten. Und dann heißt es: Daumen rauf oder runter. „Bei mir ist das nie ein Thema gewesen“, beteuert Tschongarow, „denn ich komme im Studium sehr gut mit.“

15 bis 16 Mannschaften nehmen an der Conference, wie die Liga heißt, teil. 23 davon gibt es in den USA. Die besten sechs Teams einer Conference spielen nach Abschluss der Saison ein ligainternes Turnier aus. Nur der Sieger qualifiziert sich für die prestigeträchtige, landesweite Nationalmeisterschaft. „Leider haben wir uns dafür noch nicht qualifiziert. In diesem Jahr sind wir beim Turnier im Halbfinale gescheitert“, seufzt Tschongarow, „aber vielleicht schaffen wir es ja in der neuen Saison.“

Der Aufwand dafür ist groß. Drei bis vier Kurse hat der Student pro Tag, Abends dann drei Stunden Training: Erst 60 Minuten Kraftraum – dann raus auf den Platz. „Und das ganze sechs Mal die Woche. Nur sonntags ist frei“, berichtet der 24-Jährige. Und da die eigentliche Liga nur drei Monate dauert, ehe die Playoffs beginnen, „haben wir manchmal zwei Spiele die Woche, plus Training. Das ist schon anstrengend“, räumt Tschongarow ein. Und: Es wird nach einer College-Regel gespielt: Ein Unentschieden nach 90 Minuten gibt es nicht. Dann wird immer auf 120 Minuten verlängert. Tschongarow: „Und das hab’ mal zwei Mal in der Woche...“

Klar, dass bei so einem Pensum unheimlich viel Wert auf die Physis gelegt wird. „Das ist im Fußball in den USA generell so“, berichtet der Sulinger. So geht’s in der Vorbereitung ins Höhentrainingslager nach Colorado. Fünf Trainer inklusive Headcoach sorgen dafür, dass die Spieler richtig gescheucht werden.

Und was ist mit dem Gerücht, dass die Amerikaner eigentlich gar nicht richtig Fußball spielen können? „Nun ja...“, grinst Tschongarow, „aber wir sind ein durcheinandergewürfelter Haufen, haben 12, 13 Brasilianer im Team, Engländer, Iren, Schotten und Australier. Das ist richtig gute Qualität.“ Torhüter Mauricio Vargas beispielsweise. Der hat bereits mit Costa Rica an der U17-WM teilgenommen und unter anderem dort gegen Isco gespielt, der jetzt bei Real Madrid unter Vertrag steht. Insgesamt vergleicht Tschongarow das Niveau in der Conference mit dem der Oberliga Niedersachsen.

Und da es in der Mannschaft viele Andis gibt, „nennen sie mich German Andi, kurz Gandi. Manche sagen auch Ghandi“, schmunzelt Tschongarow, der sich in den USA so richtig wohlfühlt. „Ich bin toll aufgenommen worden.“ Zusammen mit zwei Deutschen und einem Dänen bewohnt er ein Haus, das Coach Wilkey gehört. „200 Dollar Miete ist günstiger als auf dem Campus“, berichtet Tschongarow. Zwar werden die Studiengebühren zu 75 Prozent vom Stipendium getragen, den Rest aber muss Tschongarow selbst aufbringen. Und dafür geht er nebenbei noch arbeiten. Einen Job hat er in der Personal- und Eventorganisation auf dem Campus, den zweiten in der Stadt: beim Modegeschäft Abercrombie & Fitch. „Ich habe ja bei Ranck in Sulingen gelernt. Da passt das ganz gut“, sagt Tschongarow. Und wie ist das so mit den Mädels? Bleibt überhaupt noch Zeit fürs Privatleben? „Kaum“, sagt Tschongarow, und außerdem seien die Mädchen im Mittleren Westen ziemlich konservativ. „Die wollen früh heiraten...“

Zwei Ziele hat Andreas Tschongarow in den zweieinhalb Jahren bereits erreicht: „Ich spreche fließend Englisch und werde meinen Abschluss machen.“ Der ganz große Traum vom Sprung in die Major League Soccer wird ihm aber wohl verwehrt bleiben. „Da muss ich realistisch bleiben“, sagt er, „der individuelle Erfolg hängt auch immer vom Erfolg der Mannschaft ab. Und nur bei der Nationalmeisterschaft sind die Trainer der ganz großen Clubs anwesend. Bis dahin haben wir es ja bisher nicht geschafft.“

Doch das, so Tschongarow, sei mit Sicherheit zu verschmerzen. Nach dem Studium wird er vermutlich erstmal nach Deutschland zurückkehren. „Diese Erfahrungen, die ich gemacht habe und noch immer mache, kann mir keiner mehr nehmen. Ich habe mich als Person entwickelt, bin nicht mehr so ängstlich. Ich bin selbstbewusster und weltoffener geworden.“ Und: Die Verbindung zu seiner Familie hat sich noch einmal verstärkt. Wenn er nach Sulingen kommt, besucht er fast täglich seinen Vater, die Mutter ist happy, die Schwester glücklich (Andreas hilft ja gerne bei den Matheaufgaben) und die Oma kocht nach Herzenslust für den Enkel.

Derzeit absolviert Andreas Tschongarow ein fürs Studium vorgeschriebenes sechswöchiges, betriebswirtschaftliches Auslandspraktikum – in Sulingen, bei Lloyd-Shoes. Wie praktisch. „Da hab’ ich sozusagen ein Heimspiel“, schmunzelt der 24-Jährige. Und am 21. Juli geht’s dann zurück in die USA. Die Familie kommt mit. Eine Rundreise ist geplant. Von New York bis Miami. Endstation: Wichita, Kansas. Die „Falcons“ warten.

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