Kurz vor Olympia

Homosexuelle: So ist die Lage in Sotschi

Sotschi - Die russische Stadt Sotschi rückt kurz vor Olympia immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Sportler sollen es dort so gut wie möglich haben - Homosexuelle nicht.

An der russischen Riviera am Schwarzen Meer, dem Küstenstreifen mit der Stadt Sotschi, läuft der Countdown für den Start der Olympischen Winterspiele am Freitag kommender Woche. Die Winter sind in diesen Breiten mild, das Thermometer verharrt gewöhnlich über dem Gefrierpunkt. Deutlich unter Null sinkt die gefühlte Temperatur, wenn sich russische Offizielle zum Thema Homosexualität äußern. Denn trotz internationaler Kritik kämpft die russische Obrigkeit weiter gegen Schwule und Lesben. Gleichzeitig war das Thema bei Olympia wohl nie so präsent.

Anderthalb Wochen vor dem Sportfest schwang sich Sotschis Bürgermeister Anatoli Pachomow am Montag im BBC-Fernsehen zu einer kühnen Festlegung auf: In seiner Stadt gebe es keine Schwulen, sagte der Politiker. Dann räumte er schmallippig ein: "Ich bin mir nicht sicher, aber ich kenne sie verdammt nochmal nicht."

So wie Pachomow dürfte es vielen homophoben russischen Politikern mit der Zielgruppe ihrer Vorurteile gehen. Schwulsein gilt in Russland, dessen Präsident Wladimir Putin sich in Urlaubsvideos gerne mal mit nacktem Oberkörper zu Pferde zeigt oder im Ranger-Outfit die Tundra durchstreift, mindestens als Schwäche - oder noch schlimmer: Ein vom Putin im Juni vergangenen Jahres gebilligtes Gesetz zum Verbot von "Homosexuellen-Propaganda" setzt Homosexualität mit Pädophilie gleich.

Kaum zwei Wochen ist es her, da forderte der Kreml-Herrscher homosexuelle Gäste der Olympischen Spiele auf: "Bitte lassen Sie Kinder in Ruhe." Wenige Sätze zuvor hatte er sich um Entspannung bemüht: Nichts werde verboten und niemand werde verhaftet. "Sie können sich ruhig und entspannt fühlen", sagte Putin. Ähnlich äußerte sich nun auch Pachomow im BBC-Magazin "Panorama". Homosexuelle seien herzlich willkommen in Sotschi - wenn sie die Gesetze achteten.

Schwulen-Aktivisten kritisieren, das "Propaganda"-Gesetz sei so schwammig formuliert, dass es sich gegen jede Homosexuellen-Veranstaltung anwenden lasse. Außerdem öffnete das Gesetz gewalttätiger Homophobie in Russland, wo Homosexualität noch bis 1993 unter Strafe stand und bis 1999 als Geisteskrankheit galt, Tür und Tor. Berichte über Misshandlungen häuften sich, grausame Internetvideos tauchten auf, die oft von Rechtsextremen ins Netz gestellt wurden.

Allen russischen Einschüchterungsversuchen zum Trotz: Das Thema beherrscht die Debatte vor den Olympischen Winterspielen, selten bekannten sich so viele Sportler im Vorfeld offen zu ihrer Homosexualität. Aus Protest gegen Diskriminierung und die Beschneidung der Meinungsfreiheit in Russland riefen einzelne Sportler, Künstler und Politiker zum Boykott der Spiele auf.

Zuletzt prangerten Mitte des Monats 27 Nobelpreisträger in einem Brief an Putin die Diskriminierung von Homosexuellen an. Der Protest gegen die neuen Gesetze möge zu einer Besinnung Russlands auf die "humanitären, politischen und alles umfassenden demokratischen Prinzipien des 21. Jahrhunderts" führen, äußerten die Unterzeichner in der britischen Zeitung "Independent" ihre Hoffnung - unter ihnen auch die rumäniendeutsche Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller.

Bereits im vergangenen Jahr hatten 15 Topathleten aus den USA und Europa das Internationale Olympische Komitee (IOC) und seinen neuen Präsidenten Thomas Bach ebenfalls in einem offenen Brief aufgefordert, Farbe zu bekennen. Die russischen Homosexuellen-Gesetze "verletzen die Olympische Charta".

Das IOC warnte Athleten bei Androhung von Disqualifikation vor offenen politischen Äußerungen während der Spiele. US-Präsident Barack Obama schickt dagegen demonstrativ eine Delegation mit der offen lesbischen Tennis-Ikone Billie Jean King nach Sotschi.

Und die BBC traf bei ihrem Besuch in Sotschi nicht nur Bürgermeister Pachomow, sondern auch Gäste in einer Schwulenbar. In einer stillen Nebenstraße - ohne Klingelschild.

AFP

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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