Erstes WM-Spiel der Deutschen

Portugal-Poker: Löw muss Stars wehtun

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Joachim Löw (2.v.l.) dürfte das Gerüst seiner Startelf bereits im Kopf haben.

Santo André - Die Zeit der „harten Entscheidungen“ rückt näher. Noch deckt Löw seine Portugal-Karten nicht auf. Am Ende dürfte der Bundestrainer wieder mal für eine Überraschung gut sein.

Noch kann Joachim Löw pokern und tüfteln, aber zum WM-Start wird er einigen seiner Stars richtig wehtun müssen. In der Startelf für das Schlüsselspiel gegen Portugal und Cristiano Ronaldo wird der Bundestrainer weder an prominenten Härtefällen noch an einigen wegweisenden taktischen Entscheidungen vorbeikommen, auch wenn er sie in Brasilien auf der Zielgeraden bis zum ersten Gruppenspiel am Montag in Salvador weiter vor sich herschiebt. „Es legt sowieso keiner die Karten auf den Tisch, bevor es losgeht“, erklärte Torwarttrainer Andreas Köpke zum obligatorischen Versteckspiel, das jeder bis zuletzt ausreizt.

„Jetzt schon über die endgültige Aufstellung zu reden, ist völlig verfrüht“, sagte Löw, der verschiedene Varianten und Formationen testet, die den Konkurrenzkampf hochhalten. Spätestens am Montag (18.00 Uhr/ARD) aber wird Löw Entscheidungsfreude beweisen müssen, eine Tugend, die den 54-Jährigen nicht auszeichnet.

Köpke: "Topstars müssen ihr Ego zurückstellen"

Auch in der Mannschaft steigt die Spannung, wen es am Ende trifft. Schweinsteiger? Götze? Hummels? Klose? Podolski? Schürrle? Oder sogar Mesut Özil? „Am Anfang wird es schwere Entscheidungen geben“, sagte Löws Assistent Köpke voraus. Der ehemalige Nationaltorhüter musste die schmerzliche Erfahrung selbst bei drei Turnieren machen, ehe er 1996 in England als Nummer 1 Europameister wurde. „Wir haben lauter Topstars, die ihr Ego zurückstellen müssen“, ermahnte Köpke seine Nachfolger.

Beim ersten Probelauf des ungewohnten 13.00-Uhr-Spieltages ließ Löw eine weitere Portugal-Variante aufblitzen. Zwei Gruppen hatte Löw zusammengestellt, davon ein A-Team mit zehn echten Startelfkandidaten. Die Formation vor Manuel Neuer, der nach seiner ausgestandenen Schulterverletzung im Tor gesetzt ist, würde im gewohnten 4-2-3-1-System mit Kapitän Philipp Lahm als rechtem Verteidiger so aussehen: Lahm, Mertesacker, Boateng, Höwedes - Khedira, Kroos - Müller, Özil, Podolski - Klose.

In der anderen Zehner-Gruppe mit allen sicheren Reservisten fanden sich Vize-Kapitän Bastian Schweinsteiger, Mats Hummels sowie die Offensivkräfte Mario Götze und André Schürrle wieder, die beide für ihre Joker-Qualitäten bekannt sind. „Es werden viele auf der Bank sitzen, die das nicht gewohnt sind“, sagte Lahm voraus. Der Kapitän ist eine der Fixgrößen im Team. Die bisherigen Vorzeichen sprachen jedoch für die Versetzung des 30-Jährigen ins Mittelfeld, wohin es Lahm auch selbst drängt.

Schweinsteiger als Wackelkandidat

„Wir haben einen breiten, qualitativ hochwertigen Kader“, betonte Lahm. Löw hält die Spannung bewusst hoch, um im Training alle Prozente herauszukitzeln, aber wohl auch, weil er nach wie vor bei einigen Akteuren wie Mittelfeld-Leader Sami Khedira oder Torjäger Miroslav Klose über Fitness und Form grübelt.

„Wie immer entscheidet der Trainer“, bemerkte Wackelkandidat Schweinsteiger, der unter Löw sowohl bei der WM 2010 als auch bei der EM 2012 noch der Chef im deutschen Mittelfeld war. Nach seinen Patellasehnen-Problemen könnte es nun wie bei EM 2008 kommen, als Schweinsteiger beim 2:0-Auftaktsieg gegen Polen ebenfalls nur Reservist war.

Lukas Podolski schoss damals in Klagenfurt übrigens beide Tore. Und der 29-Jährige könnte nach dem bitteren WM-Aus von Marco Reus zum größten Gewinner der Vorbereitung aufsteigen. „Ich bin heiß, ich will ein gutes Turnier spielen mit den Jungs zusammen“, sagte der 114-malige Nationalspieler, der seit zehn Jahren mit Löw zusammenarbeitet. „Der Bundestrainer stellt die Mannschaft auf. Er ist der Chef. Auch wenn ich von der Bank komme, ist das für mich kein Problem“, sagte der ausgewiesene Teamspieler Podolski, der explosiv wirkt wie zu seinen besten Zeiten und in den Test-Länderspielen von den Fans wie früher gefeiert wurde.

"Gutes Gefühl, gegen Portugal zu spielen"

Der Druck von der Bank sei „natürlich ein Vorteil“, betonte WM-Veteran Klose. „Wir haben so viele gute Spieler, die alle spielen wollen. Und wir haben viele Systeme, die wir spielen können. Wir sind nicht so berechenbar für die Gegner“, sagte der 36-Jährige. Der erste Kontrahent in Brasilien weckt besonders gute Erinnerungen, wie Teampsychologe Hans-Dieter Hermann in Santo André hervorhob. „Für uns ist es immer ein gutes Gefühl, gegen Portugal zu spielen.“

Die letzten drei Duelle bei der WM 2006 (3:1), der EM 2008 (3:2) und der EM 2012 (1:0) endeten mit Siegen und jeweils mit Frust bei Weltfußballer Cristiano Ronaldo. „Er will jetzt gegen uns auch mal gewinnen“, stichelte sein möglicher Gegenspieler Lahm. Löw hielt sich bislang auch zur Rolle seines Kapitäns öffentlich bedeckt. „Für mich sind auch die letzten Trainingseindrücke wichtig. Dann reift die Entscheidung“, sagte er.

Die Scouting-Abteilung versorgt ihn tagtäglich nicht nur mit den neuesten Trainingsdaten aller 23 deutschen WM-Akteure. Sie hat ihm auch nach monatelanger Gegnerbeobachtung einen Matchplan für den WM-Auftakt vorgelegt. „Wir geben Vorschläge und Anregungen, wie man Portugal schlagen kann“, bestätigte Christopher Clemens, der Leiter der Scoutingabteilung, fügte aber hinzu: „Die letzte Entscheidung trifft der Bundestrainer.“ Und Jochim Löw ist dafür bekannt, dass er diese gerne lange aufschiebt und dann am Ende alle überrascht.

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dpa

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