Deutliche Kritik vor WM

Pelé im Interview: "Es ist eine Schande"

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VW-Markenbotschafter Pelé am Rande des Interviews.

Santos - Im Interview kritisiert Fußball-Legende Pelé die WM-Vorbereitungen, freut sich aber aufs Turnier. Ein deutscher Spieler gefällt ihm besonders.

Einige der WM-Stadien sind kurz vor dem Eröffnungsspiel immer noch nicht fertig gestellt, Gelder in Milliardenhöhe sind in dunkle Kanäle abgeflossen und im Land regt sich weiterhin großer Widerstand gegen die brasilianische Regierung und den Fußball-Weltverband Fifa. Auch Edson Arantes do Nascimento, den die Welt nur als Pelé kennt, findet klare Worte für die aktuelle Situation in seinem Heimatland.

Jens Greinke vom Westfälischen Anzeiger traf den dreifachen Weltmeister (1958, 1962 und 1970) und „Welt-Fußballer des 20. Jahrhunderts“ in der Mannschaftskabine seines Ex-Vereins FC Santos, wo der 73-Jährige über seine Erwartungen und Hoffnungen hinsichtlich der WM im eigenen Land berichtete.

Wie groß ist Ihr WM-Fieber wenige Tage vor dem Eröffnungsspiel?

Pelé: Wollen Sie wissen, wie groß es auf dem Spielfeld ist? Oder daneben?

Dann erst einmal abseits des Rasens.

Pelé: Es war zuletzt etwas frustrierend, was die Vorbereitungen anging. Aber wir haben noch ein paar Tage.

Wie würden Sie aktuell die Atmosphäre in ihrem Heimatland beschreiben?

Pelé: Die politische Situation ist schwierig. Aber unserer Nationalmannschaft hat nichts zu tun mit der Korruption, die es gibt, und die den Bau der Stadien verzögert hat. Das ist nicht das Problem der Spieler.

Wie sehr beunruhigt Sie die Situation?

Pelé: Ja, es beunruhigt mich schon. Es war genug Zeit, die Stadien fertig zu stellen. Die Situation ist so nicht akzeptabel. Es ist eine Schande.

Können Sie die Demonstrationen und Proteste nachvollziehen?

Pelé: Ja, das kann ich. Aber man muss unterscheiden. Die Proteste gegen die Korruption beim Bau der Stadien sind verständlich, Gewalt aber nicht.

Wer ist dafür verantwortlich. Die Politiker?

Pelé: Ich würde sagen, die schlechten Menschen, die das ganze Geld gestohlen haben.

Dann lassen Sie uns auf den Platz wechseln. Welches Team ist Ihr Titelfavorit?

Pelé: Ich hoffe, dass Brasilien den Worldcup holt. Die beiden besten Teams in Europa sind für mich Deutschland und Spanien. Spanien, weil es seit Jahren hervorragenden Fußball spielt. Und Deutschland, weil es sehr gut organisiert ist - und seit längerer Zeit einen sehr offensiven Stil pflegt. Sie spielen fast noch brasilianischer als wir (lacht)!

Was ist der größte Unterschied zwischen dem Fußball, den Sie damals gespielt haben, und dem heutigen?

Pelé: Eine gute Frage. Ich denke, die mediale Verwertung. Fußball ist heute überall zu sehen, er ist wichtiger als damals. Bei den Spielern gilt eigentlich die alte Regel: es gibt gute Spieler und weniger gute.

Wie sehen Sie das Leistungsgefälle bei der WM?

Pelé: Heute gibt es kaum noch eine Mannschaft bei einer WM, die leicht zu bespielen ist. Fast alle Profis sind in Europa aktiv und kennen sich teilweise gut. Auch aus dem brasilianischen Kader sind 18, 19 Spieler bei europäischen Vereinen.

Wer ist aktuell der beste Spieler in Europa?

Pelé: Oh, das ist nicht leicht zu entscheiden. Es gibt für mich zwei: Cristiano Ronaldo und Lionel Messi.

Wer ist Ihr Favorit im deutschen Team?

Pelé: Da ist dieser Junge mit der Nummer 10, wie heißt er noch?

Mesut Özil.

Pelé: Genau, Özil. Aber die große Stärke der Deutschen ist ihre mannschaftliche Geschlossenheit.

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Wir haben heute eine Favela besucht, wo die Jungen stundenlang Fußball spielen, teilweise barfuß. Ist es das Geheimnis, dass Brasilien deshalb immer wieder so viele gute Spieler hervor bringt?

Pelé (lacht): Ja, ich komme ja auch daher! Wir haben auch barfuß auf engstem Raum gespielt. Ich glaube, das ist das Geheimnis, dass Brasilien immer wieder in der Lage ist, gute Spieler hervor zu bringen.

Wie beurteilen Sie Neymar, den derzeitigen Star der Seleção?

Pelé: Leider war es etwas traurig für Brasilien, dass er nach Europa gewechselt ist. Aber der Schritt zum FC Barcelona war genau der richtige. Für ihn und für die Seleção.Er hat nun mehr Erfahrung und spielt auf einem anderen Level. Aber es ist eine erste Weltmeisterschaft. Ich glaube es ist eine zu große Last für ihn, wenn man verlangt, dass die Mannschaft zum Titel führen soll.

Was halten Sie von Dante und Luiz Gustavo, die beiden Bundesliga-Profis, die den Sprung in den brasilianischen Kader geschafft haben?

Pelé: Dante ist ein starker Spieler, der gute Spiele macht, aber dann auch wieder schlechte. Ihm fehlt noch ein wenig das nötige Selbstvertrauen. Luiz Gustavo ist anders, er ist in seiner Entwicklung schon weiter.

Welche Mannschaften werden schwer zu schlagen sein?

Pelé: Naja, Japan ist ein ernst zu nehmender Gegner, auch Uruguay und Paraguay. Und vor allem Chile. Chile hat ein sehr gutes Team.

Wie viele Spiele werden Sie sich live im Stadion anschauen?

Pelé: Ich will auf alle Fälle alle Spiele von Brasilien sehen. Der Rest wird vom Turnierverlauf abhängen.

Jens Greinke

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