Vor WM-Auslosung am Freitag

Löw im Interview: "Das wird schwer"

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Joachim Löw (l.) am Strand

Costa do Sauipe - Bundestrainer Joachim Löw spricht im Interview über die Urkraft in Brasilien, über die Auslosung der WM-Gruppen am Freitag in Costa do Sauipe, über die besonderen Umstände und die Planung für die Weltmeisterschaft.

Joachim Löw, mit welchen Gefühlen sehen Sie der Auslosung entgegen?

Joachim Löw: Die Anspannung wächst, wenn ich im Saal sitze. Ich bin auf jeden Fall mit großer Freude in Brasilien. Das ist das Fußball-Land schlechthin. Ich habe das schon im Sommer erlebt. Es war ein großes Erlebnis, zu beobachten, wie eine ganze Nation hinter einer Mannschaft steht, sich freut, mitfiebert und leidet. Diese Begeisterung, diese Intensität habe ich so noch nie erlebt. Bei der Heim-WM 2006 haben wir auch eine große Euphorie gespürt, aber Brasilien ist noch fußballverrückter. Das ist für uns nicht vorstellbar. Das wird eine sehr emotionale WM werden.

Es droht eine schwierige Gruppe. Bereitet Ihnen das Sorgen? 

Löw: Nein, schlaflose Nächte bereitet mir das nicht. Aber es kann in der Gruppe für uns natürlich ganz schwere Gegner geben.

Sie haben erzählt, dass im Trainerstab schon mögliche Konstellationen durchgesprochen wurden. Gibt es für Sie eine Wunschgruppe?

Löw: Ich denke, dass wir uns davon verabschieden müssen, dass es wie vor acht oder zwölf Jahren noch Gruppen mit zwei oder vielleicht sogar drei vermeintlich einfacheren Gegnern gibt. Angesichts der Leistungsdichte wird jede Gruppe relativ schwierig. Jede Nation muss schon in der Gruppenphase mit gewissen Hindernissen rechnen. Das Niveau ist unglaublich hoch. Wenn man die Lostöpfe drei oder vier sieht, weiß man, dass es schwer wird.

Bei der EURO 2012 haben Sie gute Erfahrungen mit einer schwierigen Gruppe gemacht. Wäre dies vielleicht sogar wünschenswert, um gleich von Beginn an auf Hochtouren zu laufen?

Löw: Man wünscht sich dies natürlich nicht unbedingt in diesem Maße. Andererseits nehmen wir die Auslosung so, wie sie kommt. Die Spieler gehen ohnehin sehr fokussiert in so ein Turnier. Sie wissen, auf was es ankommt. Sie wissen, wie wichtig es ist, mit einem Sieg in ein Turnier zu starten. Die Konzentration, die Anspannung, der Ehrgeiz sind bei einer WM nicht zu überbieten. Das spürt man.

Sie sprechen immer von den besonderen Umständen in Brasilien. Können Sie die präzisieren?

Löw: Von den Europäern ist es keiner gewohnt, in Südamerika Fußball zu spielen - in diesen Stadien, bei diesem speziellen Klima. Die Südamerikaner sind darauf eingestellt. Wir werden uns anpassen müssen, für uns ist das ein großer Unterschied, ob wir bei 15 Grad, möglicherweise aber auch bei 35 Grad spielen. Die Bedingungen können ständig wechseln, von Spielort zu Spielort, die Luftfeuchtigkeit kann extrem hoch sein. Die Reisezeiten, die Entfernungen, die Organisation sind ganz anders als in Europa.

Sprechen Sie aus Erfahrung?

Löw: Ja, wir haben dies bei unserem Besuch beim Confed Cup selbst erfahren. Aber wer beginnt, mit diesen Dingen zu hadern und zu lamentieren, der hat schon verloren, der vergeudet zu viel Energie. Wir wissen, dass es Unwägbarkeiten geben wird, aber mit diesen werden wir leben müssen, und wir werden sie annehmen.

Was unterscheidet sich noch von Europa?

Löw: Die Spielweise der Südamerikaner ist anders, auch die Stimmung in den Stadien. In diesem Land herrscht eine Urkraft, eine Energie für Fußball, die ich so noch nicht erlebt habe. Das hat mich beim Confed Cup mitgezogen.

Sind angesichts der Umstände Themen wie Logistik und Vorbereitung noch wichtiger?

Löw: Wichtig wird sein, dass wir die Spieler vor allem auf die Dinge vorbereiten, die nicht so sein werden wie bei uns. Wir müssen uns schnell den Bedingungen anpassen. Jeder muss sich auf den Fußball konzentrieren und alles andere komplett ausblenden. Die Uhren ticken dort anders. Da ist es laut, da ist es heiß. Aber wer Weltmeister werden will, muss das alles verdrängen. Ich bin mir aber sicher, dass wir das bewältigen.

Ist es richtig, dass Sie schon zwei Tage vor den Spielen von ihrem Basis-Quartier in den jeweiligen Spielort reisen wollen?

Löw: Das machen wir auch von der Auslosung abhängig. Das ist denkbar, aber darüber haben wir noch keine Entscheidung getroffen.

Die Anreise nach Südamerika wird aber definitiv früher als bei vorherigen Turnieren erfolgen?

Löw: Ich denke, dass es dabei bleiben wird, schon Anfang Juni nach Südamerika zu fliegen, um uns möglichst gut anpassen zu können.

Ist Uruguay ein mögliches Ziel in der Vorbereitungsphase?

Löw: Da haben wir verschiedene Alternativen, die Wahl hängt aber auch davon ab, wer in unserer Gruppe ist. Wir spielen mehrere Möglichkeiten durch. Vor Freitag fallen keine Entscheidungen.

Wie schnell fällt eine Entscheidung über das Basis-Quartier in Brasilien?

Löw: Wir haben bis zum 18. Dezember Zeit. Wir werden uns das noch einmal anschauen und dann in Ruhe eine Entscheidung treffen. Die hängt davon ab: Wo spielen wir, wie sind die Anstoßzeiten? Danach werden wir uns auch mit den Gegnern in der Vorbereitung und mit dem Start der Vorbereitung konkret auseinandersetzen.

Das DFB-Team geht als einer der Favoriten ins Turnier. Kann dieser Druck auch hemmen?

Löw: Die Mannschaft gehörte auch in den letzten Turnieren immer zu den Favoriten, damit können wir gut leben. Ich denke nicht, dass uns dies in irgendeiner Form beeinträchtigt oder lähmt. Realistisch gesehen ist Brasilien der Topfavorit. Sie gehen die Aufgabe mit einer ungeheuren Disziplin und Ordnung an, sie haben eine große individuelle Klasse und eine riesige Unterstützung. Sie kennen auch die Bedingungen. Argentinien und Kolumbien sind in Südamerika auch ganz hoch einzuschätzen. Und aus Europa gehören Italien, natürlich Spanien, Deutschland oder auch die Niederlande zum Favoritenkreis.

Sie haben derzeit einige Verletzte. Bereitet Ihnen das mit Blick auf die WM Sorge?

Löw: Natürlich sehe ich es mit einiger Sorge, dass Sami Khedira mit einem Kreuzbandriss länger ausfällt. Da muss man abwarten, aber ich würde ihm zutrauen, dass er es bis zur WM noch schafft, weil er sehr ehrgeizig und positiv ist. Bei Bastian Schweinsteiger oder Ilkay Gündogan denke ich, genauso wie bei Miroslav Klose und Mario Gomez, dass sie spätestens im Januar wieder in einem normalen Rhythmus sind. Als Bundestrainer fürchtet man schon eher, dass sich noch ein Spieler kurz vor dem Turnier verletzt.

Würden Sie zustimmen, dass ein Großteil des WM-Kaders bereits feststeht?

Löw: Wir haben insgesamt rund 30 Spieler. Es gibt natürlich Spieler, die stehen außer Frage, aber einige Plätze sind schon noch hart umkämpft. Wir haben bewusst Alternativen geschaffen. Aber ich hoffe natürlich inständig, dass unsere Leistungsträger nicht verletzt sind. Das ist schon eine wichtige Voraussetzung, wenn man die WM gewinnen will. Es ist das allerschwierigste überhaupt, Weltmeister zu werden. Da muss alles passen, gerade in Brasilien. Es darf keiner verletzt sein, es müssen alle in Topform sein, und man braucht das Quäntchen Glück.

Was wünschen Sie sich eigentlich für Ihr 112. Länderspiel als Bundestrainer?

Löw: Natürlich wäre es ein Traum, wenn dieses in Rio stattfinden würde. Und wenn wir dann schon im Finale stehen, dann wollen wir es natürlich auch gewinnen. Aber bis dahin ist es noch ein sehr, sehr weiter Weg.

sid

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