Brasilien enttäuscht

Kommentar: Die Telefonzelle ist geschlossen

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Kommentar von Tim Borowski

Kommentar von Tim Borowski - Ich fand das Eröffnungsspiel enttäuschend, das war kein schönes Spiel. Vielleicht ist meine Erwartungshaltung an die Brasilianer zu groß gewesen, weil ich bei denen immer an Romario, Bebeto, Rivaldo, Ronaldo oder Kaka denken muss.

Die haben ihre Gegner in der Telefonzelle ausgespielt. Und was hat Neymar gemacht? Okay, zwei Tore. Aber insgesamt hat er mich enttäuscht. Gerade ihm war die riesengroße Last auf seinen Schultern anzumerken. Der Druck in Brasilien ist brutal, teilweise sogar unmenschlich. Da zählt nichts anderes als der Titel.

Das war 2006 bei uns etwas anders. Nach der 1:4-Klatsche in der Vorbereitung gegen Italien hat doch niemand mehr etwas von uns erwartet. Dann haben wir gegen Costa Rica gut gespielt und gewonnen, danach waren die Medien und Fans wieder auf unserer Seite.

Der Auftaktsieg wird auch die Brasilianer beruhigen. Die Spieler müssen nun keine Angst mehr haben, dass vielleicht schon nach dem zweiten Spiel alles vorbei ist. Aber Brasilien hat Glück gehabt. Der Elfmeter war eine Frechheit. Ein Freund hat zu mir gesagt: Da werden die besten Spieler der Welt zusammengetrommelt, aber die Schiedsrichter kommen aus der Kreisklasse . . .

Allerdings: Dass Fred in so einer Situation auf die Idee kommt, eine Schwalbe zu machen, grenzt schon an Realitätsverlust.

Mir tun die Kroaten leid. Sie haben das klasse gemacht und hätten selbst einen Elfmeter kriegen müssen, als Alves Olic zu Fall bringt – unabsichtlich hin oder her. Für Olic und Co. wird der Druck natürlich jetzt größer.

Und die Brasilianer? Sie müssen ihre Lockerheit und Spielfreude wiederfinden. Nur dann sind sie ein Topfavorit.

Wie Deutschland. Wir haben die Qualität. Wenn die Spieler heute am Terminal stehen, um zum Spielort zu fliegen, geht das Kribbeln richtig los. Dabei wird die Freude erst einmal größer sein als der Druck. Denn Fußballer sind wie Rennpferde: Nach der ganzen Schufterei wollen sie endlich losgelassen werden. Jetzt soll die Ernte her.

Ich bin gespannt, welche Elf Joachim Löw am Montag aufbieten wird. Ich würde gerne Kroos und Khedira als Sechser sehen – und Schweinsteiger erst einmal draußen lassen. Bis er wirklich spielfit ist. Dann führt aber kein Weg an ihm vorbei. Ich weiß, Khedira ist auch noch nicht hundertprozentig spielfit, aber er ist einfach ein absoluter Leader mit einer unglaublichen Ausstrahlung. Im Sturm wünsche ich mir Miro Klose. Er ist ein überragender Turnierspieler. Ich drücke ihm ganz fest die Daumen, dass er den WM-Torrekord knackt. Keiner hat es so verdient wie er.

Aber über allem steht immer der Teamgeist. Das ist nicht nur so ein Gerede. Das hat uns immer ausgezeichnet, deswegen sind wir bei Turnieren fast immer so erfolgreich. Andere Mannschaften schaffen das eben nicht – und fahren deshalb früh nach Hause.

Tim Borowski (34) absolvierte 236 Bundesliga-Spiele (32 Tore), 210 für Werder Bremen, 26 für den FC Bayern. WM-Teilnahme 2006, EM-Teilnahme 2008, 33 Länderspiele. Karriereende 2012, danach zweijähriges Trainee-Programm bei Werder.

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