Gastbeitrag von Eliran Kendi

Ich liebe Fußball, aber ich boykottiere die WM 2018 - nicht nur wegen Putin!

+
Public Viewing im Alten Eisstadion in Mannheim. Eliran Kendi wird kein einziges Spiel der WM 2018 in Russland sehen. Er hat gute Gründe für seinen Boykott.

Eigentlich liebt der Mannheimer Eliran Kendi Fußball. Sehr sogar. Aber die Fußball-WM 2018 in Russland wird er boykottieren. Es geht nicht anders, sagt er. Und das liegt nicht nur am Gastgeberland. Lesen Sie seinen Gastbeitrag. 

Mannheim - Schon seitdem Elirans Eltern mit zwei kleinen Kindern, ihm und seinem älteren Bruder, in den 80ern nach Deutschland einwanderten, ist der mittlerweile 37-Jährige ein großer Fußball-Fan. Egal ob sein Mannheimer Verein, der SV Waldhof, wieder einmal die Relegation vermasselt, oder Borussia Dortmund den Anschluss an die Bayern verpasst – er hält ihnen die Treue. Bei Champions-League-Spielen und in der Bundesliga glänzt er mit seinem Fußball-Wissen: jeden Transfer und Trainerwechsel verfolgt er mit Argusaugen. Die WM 2018 hätte er sich gerne angeschaut, vielleicht nicht beim Public Viewing („Da hält sich ja plötzlich jeder für einen Fußball-Experten!“), aber im kleinen Kreis, während er seine Freunde mit Fußball-Anekdoten und Fun-Facts unterhält. Doch er hat sich entschlossen, die WM 2018 in Russland (hier gelangen Sie zum WM-Spielplan) zu boykottieren. In seinem Gastbeitrag erklärt er warum:

Boykott der WM - wegen der Affäre um Özil, Gündogan und Erdogan

„Die Fußball-WM ist für jeden Fußballbegeisterten eigentlich ein Grund zur Freude. Eigentlich, denn dieses Mal ist alles anders. Die Tatsache, dass der brasilianische Fußballverband vergangene Woche eine regelrechte Reisewarnung für homosexuelle Fußballfans ausgesprochen hat, lässt einen fassungslos zurück.

An dieser Stelle ist es angebracht, darüber zu diskutieren, ob sportliche Großereignisse in Zukunft von autoritär regierten Ländern ausgetragen werden dürfen. Wäre da nicht die Erdogan-Affäre um die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungs-Unternehmens Civey geht hervor, dass mehr als 80 Prozent der Deutschen eine Suspendierung der beiden bejaht hätten. Die weithin vernehmbaren Pfiffe gegen Gündogan beim Testspiel in Leverkusen mögen den Schluss zulassen, dass sich unter den Pfeifenden mit Sicherheit auch Leute befunden haben, deren Reaktion unsäglich rassistisch motiviert ist. An der Rechtmäßigkeit der Mehrheitsmeinung, beide aus der Nationalmannschaft auszuschließen, ändert das jedoch nichts.

Mit wem haben sich Özil und Gündogan gönnerhaft ablichten lassen? Mit einem Mann, für den Pressefreiheit ein Fremdwort ist, der Umzüge für gleichgeschlechtliche Liebe in der Türkei verbietet, der einen Angriffskrieg gegen die kurdische Minderheit in Syrien führt, der den Völkermord an den Juden relativiert, bei gleichzeitiger Leugnung des Genozids an den Armeniern, und der zuletzt in krankhaften Verschwörungstheorien „die Zinslobby“ – gemeint ist die „jüdische Weltverschwörung“ – für den Wertverfall der türkischen Währung verantwortlich macht.

Regelmäßig wird in regierungsnahen türkischen Zeitungen über „Strippenzieher“ schwadroniert. Zuletzt zeigten Karikaturen der Tageszeitung Yeni Akit den vermeintlichen Putschisten Gülen mit einer Kippa samt Davidstern auf dem Kopf. Mit Özil und Gündogan erweisen zwei deutsche Idole einem offenkundig antisemitischen und homophoben Mann ihre Ehrerbietung. Gleichzeitig zeigt man sich in Deutschland entsetzt über den wachsenden Antisemitismus und die latente Homophobie unter muslimischen Schülern. Konsequenzen für die Fußballprofis seitens des Deutschen Fußballbundes? Fehlanzeige! Eine Stellungnahme von Özil? Fehlanzeige! 

Einzig Gündogan scheint aufrichtig geknickt zu sein, und will die Dinge richtig stellen, indem er sich beim Medientag im DFB-Quartier in Österreich an die Öffentlichkeit wendet. Man stehe zu den deutschen Werten und sei zu hundert Prozent integriert. Eine Distanzierung von Erdogan und seiner Politik? Fehlanzeige! Stattdessen wird abgewiegelt und darauf verwiesen, dass es keine politischen Hintergedanken bezüglich des Treffens gäbe. Der Höhepunkt der Absurdität: Gündogan hebt besonders das „Privileg der Meinungsfreiheit“ hervor. Was seine Meinung zu Erdogan im Speziellen ist, lässt er offen. Man stelle sich vor, ein deutscher Nationalspieler posiert vor der Kamera mit Frank Franz, dem Parteivorsitzeden der NPD, behauptet anschließend, das Treffen wäre nicht politisch gewesen, und verweist auf die Meinungsfreiheit. Es sind schon Nationalspieler wegen geringerer Vergehen aus der Mannschaft geflogen. Wir erinnern uns unter anderem an die „Stinkefinger-Affäre“ um Stefan Effenberg von 1994 bei der WM in den USA

Das Verhalten der türkischstämmigen Nationalspieler ist für die Populisten vom rechten Rand ein gefundenes Fressen, um ihre gezielte gesellschaftliche Spaltung weiter voranzutreiben, während sich die Integrationsverweigerer und Erdorganbewunderer innerhalb der türkisch- und arabischstämmigen Gemeinschaft in der Folgenlosigkeit ihres Verhaltens bestätigt sehen.

Im Stich gelassen werden all jene Deutsche mit Migrationshintergrund, die stolz auf die Errungenschaften der freiheitlich-demokratischen Grundordnung sind und aktiv dafür einstehen. Nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt. Aus dieser Ohnmacht heraus scheint die einzig mögliche Form des Protests, die kommenden Spiele um den Weltmeisterpokal zu boykottieren. Eine konsequente und ehrliche Aufarbeitung der „Erdogan-Affäre“ ist seitens des Teammanagers Oliver Bierhoff mit einer unrühmlichen Medienschelte und Basta-Rhetorik schroff unterbunden worden. Eines scheint gewiss: Mit dieser Haltung sind die Verantwortlichen der Nationalmannschaft in Putins Russland bestens aufgehoben.“

Diesen Gastbeitrag schrieb Eliran Kendi (Leser von Mannheim24.de*) für das deutschlandweite Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk.

Weitere Gastbeiträge, die Sie interessieren könnten:

Das könnte Sie auch interessieren

Kunsthandwerkermarkt im Kreismuseum Syke

Kunsthandwerkermarkt im Kreismuseum Syke

Bio-BBQ in Weyhe

Bio-BBQ in Weyhe

Wie werde ich Bibliothekar/in?

Wie werde ich Bibliothekar/in?

Neue Opulenz und die gewohnte Schlichtheit im Trend

Neue Opulenz und die gewohnte Schlichtheit im Trend

Meistgelesene Artikel

WM-Ticker: Ballack mit Frontal-Angriff auf Löw - auch Lahm meldet sich zu Wort

WM-Ticker: Ballack mit Frontal-Angriff auf Löw - auch Lahm meldet sich zu Wort

Das schrie Hummels zu Kroos vor dem erlösenden Freistoß

Das schrie Hummels zu Kroos vor dem erlösenden Freistoß

So reagierten Sané, Schweini, Podolski und Co. auf Deutschlands Last-Minute-Sieg 

So reagierten Sané, Schweini, Podolski und Co. auf Deutschlands Last-Minute-Sieg 

Matthäus mit Spitze gegen Löw? Dieser Spieler hat dem DFB-Team gefehlt

Matthäus mit Spitze gegen Löw? Dieser Spieler hat dem DFB-Team gefehlt

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.