Entlassfeier mit kritischer Rede an die Schulabgänger oder: Wenn ein „Ausreichend“ schon zufrieden stimmt

Bleyer: „Wartet nicht auf Wunder!“

„Nun kriegen wir endlich unsere Abschlusszeugnisse“, frohlockte die R 10a.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken· Nein, das war beileibe keine Schönwetter-rede: Sehr kritische Zwischentöne schlug Rektor Wolfgang Bleyer gestern vor der Zeugnisausgabe in seiner Ansprache an die Entlassschüler an. Zwar würdigte er die fünf Abgangsklassen der Haupt- und Realschule Harpstedt als „bemerkenswerten Jahrgang“; ins Gebet nahm er aber „einige“ Schüler, die offenkundig nicht begriffen haben, dass es in einer Leistungsgesellschaft darauf ankommt, Leistung zu erbringen.

Viele seien zu schnell zufrieden, freuten sich schon über ein „Ausreichend“ und hätten keine weiteren Ansprüche, beklagte Bleyer. Gleichgültigkeit gegenüber eigenen möglichen Leistungen hänge mit einer falschen Lebenseinstellung zusammen. Der Schulleiter verhehlte nicht, dass Ereignisse im persönlichen Umfeld oder „schwierige Verhältnisse im Lebensalltag zu Hause“ mitunter einen Weg durch die Schulzeit bewirkten, der sich anders als erwartet oder gewünscht gestalte. Reaktionen darauf könnten Dominanz, Aggressivität und Regelverletzungen sein – oder aber das Fernbleiben von der Schule.

Bleyer brachte auch „eine gewisse Gruppenkontrolle“ zur Sprache, „die zu viel Ehrgeiz nicht aufkommen lasse“. Wer aus dem „Verbund der allgemeinen Antriebsarmut ausbrechen“ wolle, der werde „schnell ins Gleichmaß des Klassendurchschnitts zurückgezogen“ und erfahre, „dass es sich leichter leben lässt, wenn man sich weniger voneinander unterscheidet“. Der Schulleiter schilderte den Abgängern, wie es aussähe, wenn sich die Fußballprofis, die gerade bei der WM um den Titel kämpfen, „wie einige von Euch im Unterricht“ verhielten: „Stellt Euch vor, Ihr bekommt den Ball! Natürlich würden viele ihn sofort ins Tor befördern, wenn dies möglich ist, aber nicht alle. Einige würden erschrecken, um sich gucken und sich fragen: ,War der für mich?‘. Oder zum Mitspieler laufen und sich erkundigen: ,Wohin damit?‘. Oder den Ball unter den Arm nehmen, in die Kabine verschwinden und sich dem Team verweigern.“

Bleyer fand allerdings einen versöhnlichen Abschluss und beendete seine Rede mit guten Ratschlägen für den weiteren Lebensweg: „Wartet nicht auf Wunder! Werdet sofort aktiv! Macht den ersten Schritt! Setzt euch ein für das, was wichtig ist! Besinnt Euch auf Eure Stärken! Setzt Euch positive Ziele! Geht zielstrebig Euren Weg! Lasst niemals locker, auch wenn es Rückschläge gibt!“

49 Entlassschüler haben jetzt ihren Realschulabschluss (davon 18 sogar den erweiterten) und 31 ihren Hauptschulabschluss in der Tasche. Etwa 20 werden nach Angaben von Bleyer eine betriebliche Ausbildung beginnen; 18 wollen die H 10 durchlaufen und dort ihren Realschulabschluss machen. Der große Rest besucht weiterführende Schulen – die BBS, die Fachoberschule oder auch das allgemeinbildende Gymnasium.

Elternvertreterin Gaby Landgraf verglich den nun erreichten Lebensabschnitt mit einer Kreuzung. Sie wünschte den Abgängern, dass sie sich für den richtigen Weg entscheiden. „Sie alle haben viel geleistet, der eine mit mehr, der andere mit weniger Spaß. Aber dennoch haben Sie alle Ihr erstes großes Ziel erreicht“, sagte der Samtgemeinderatsvorsitzende Heiner Cordes. „Ziele sind leicht gesetzt, aber bis man sie erreicht, kann es ein langer und anstrengender Weg werden“, gab er den Entlassschülern mit auf den Weg. „Nehmen Sie Ihr Leben in die Hand! Das fängt schon beim Bewerbungsschreiben an.“

Die Abschlussklassen bedankten sich bei den Lehrern, die sie in den vergangenen Jahren begleitet hatten, und ließen zum Teil auch Blumen sprechen.

Mit einem besonders netten Einfall überraschte die R 10a Susanne Arnkens. Die Klassenlehrerin bekam ein Zeugnis ausgestellt – mitsamt Kopfnoten. „Ihr Arbeitsverhalten entspricht den Erwartungen“, heißt es darin. In Biologie bekam Arnkens eine Vier, im „Überziehen“ sogar eine Fünf, in „Humor“ indes eine „Eins mit Sternchen“. Mit einem eigens gedrehten Film, der den Unterrichtsalltag persiflierte, überraschte die H 10 die Eltern in den Zuschauerreihen. Einen augenzwinkernden Rückblick auf die Schulzeit fasste die R10b in Reime: „Die Lehrer haben‘s oft mit uns versucht, doch wir dachten, wir sei‘n klug genug“, hieß es in dem originellen Gedicht.

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