Frankreich: Laurent Blanc schwingt die Peitsche

Laurent Blanc will Frankreich nach dem WM-Desaster aufmöbeln
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Laurent Blanc will Frankreich nach dem WM-Desaster aufmöbeln

Paris - Alles neu macht Laurent Blanc: Nach den Chaos-Tagen in Südafrika will und muss der neue Hoffnungsträger der Grande Nation jetzt das Ausmisten fortsetzen. Und Blanc hat schon einen Plan.

Der erhoffte “Retter“ des französischen Fußballs schwingt die Peitsche. Nach der WM-Blamage will der neue Nationaltrainer Laurent Blanc die “Bleus“ mit “Disziplin und Strenge“ auf den Erfolgspfad zurückführen. “Aber auch Vergnügen gehört dazu“, sagte Blanc bei seiner Präsentation am Dienstag in Paris. Der 44 Jahre alte frühere Erfolgstrainer von Girondins Bordeaux kündigte zudem Konsequenzen nach den sportlich wie disziplinarisch desaströsen WM-Auftritten des Teams um FC-Bayern-Star Franck Ribéry an: “Ich werde all diese Vorfälle bei meinen Entscheidungen berücksichtigen“. Man könne nicht so tun, “als ob nichts passiert wäre“. “Das würde mir niemand verzeihen“, erklärte Blanc.

Die größten WM-Sensationen seit 1990

Die größten WM-Sensationen seit 1990

WM 2010: Frankreich sorgte für die erste große Blamage des Turniers: Nach nur einem Punkt aus den ersten beiden Spielen gegen Uruguay und Mexiko benötigte die Equipe Tricolore in der abschließenden Partie gegen Gastgeber Südafrika unbedingt einen Sieg, um die Chancen aufs Weiterkommen zu wahren. Doch Ribéry & Co. unterlagen sang- und klanglos 1:2. Aus in der Vorrunde! © AP
WM 2010: Neuseeland trotzte dem Titelverteidiger Italien in der Vorrunde ein 1:1 ab. © AP
Und es kam sogar noch schlimmer für Italien: Das Aus für den Titelverteidiger in der Vorrunde! Und das als Tabellenletzter hinter Paraguay, der Slowakei und Neuseeland! Eine der größten Sensationen bei WM-Turnieren. © AP
WM 2010: Die Schweiz besiegte völlig überraschend im ersten Gruppenspiel Europameister Spanien mit 1:0. In den vorangegangenen 54 Spielen hatten die Iberer nur einmal verloren. © AP
WM 2006: Die Party-Boys von Trinidad & Tobago feierten ihr WM-Debüt mit einem sensationellen Unentschieden gegen Schweden. Nach dem 0:0 zum Auftakt gab es dann aber gegen England und Paraguay (jeweils 0:2) nicht viel zu holen. © Getty
WM 2002: Der Senegal war eine der großen Überraschungen bei der WM in Japan und Südkorea. Erst besiegten die Afrikaner im Auftaktspiel den Titelverteidiger Frankreich mit 1:0 ... © Getty
... später gab es im Achtelfinale einen 2:1-Sieg n.V. gegen die favorisierten Schweden. Im Viertelfinale kam das Aus gegen die Türkei (0:1 n.V.). © Getty
Auch Co-Gastgeber Südkorea war eine der Überraschungen bei der WM 2002. Das Weiterkommen im Achtelfinale gegen Italien (2:1 n.V.) kam einer Sensation gleich, wenngleich die Asiaten das eine oder andere Mal krass vom Schiedsrichter bevorzugt wurden. © Getty
Auch gegen Spanien im Viertelfinale gab es so manch zweifelhafte Schiedsrichter-Entscheidung. Südkorea kam ins Elfmeterschießen und gewann dort nach torlosen 120 Minuten mit 5:3. Der Halbfinaleinzug der Südkoreaner - sicher eine der bisher größten Sensationen bei Weltmeisterschaften. © Getty
WM 1998: Schon wieder eine Sensation, bei der die Spanier beteiligt waren: Nigeria besiegte die haushoch favorisierten Iberer im ersten Gruppenspiel mit 3:2 - auch der damalige Kölner Sunday Oliseh (l.) gehörte zu den Torschützen. Nigeria kam später ins Achtelfinale, Spanien schied aus. © Getty
WM 1994: Die WM in den USA hatte gleich in den ersten Tagen ihre ganz große Sensation, als Italien den tapferen Iren mit 0:1 unterlag (Tor: Ray Houghton). Irland scheiterte später im Achtelfinale an Holland, Italien verlor das Fionale gegen Brasilien im Elfmeterschießen. © Getty
Saudi-Arabien sorgte nicht nur für eine der größten Sensationen des Turniers 1994, sondern auch für das schönste Tor: Ali Owairan erzielte im Vorrundenspiel gegen Belgien einen Traum-Treffer nach einem Alleingang über gefühlte 100 Meter. Die Saudis zogen ins Achtelfinale ein (Aus gegen Schweden), genau dort war auch für Belgien Schluss (2:3 gegen Deutschland). © Getty
Ein Jahrhundert-Spiel mit sensationellem Ausgang war das Achtelfinale zwischen Argentinien und Rumänien. Die Osteuropäer zauberten gegen Batistuta & Co. und gewannen 3:2. Ilie Dumitrescu (Bild) erzielte zwei Tore. Rumänien schied dann im Viertelfinale gegen Schweden nach Elfmeterschießen aus. © Getty
Eine Sensation, auf die wir gerne verzichtet hätten: Bulgarien warf die deutsche Nationalmannschaft im Viertelfinale 1994 mit 2:1 aus dem Turnier. Bundesliga-Legionär Yordan Letchkov (Hamburger SV) köpfte die Stars um Stoichkov, Balakov und Kostadinov ins Halbfinale, wo aber gegen Italien Endstation war (1:2). © Getty
WM 1990: Paukenschlag zum Auftakt der WM 1990 in Italien! Kamerun besiegte Weltmeister Argentinien durch einen Kopfballtreffer von Francois Omam-Niyik mit 1:0. Argentiniens Keeper Nery Pumpido durfte nach seinem kapitalen Patzer im Turnier nicht mehr ran. Argentinien kam ins Endspiel - scheiterte dort aber an Deutschland (0:1). © Getty
Kamerun sorgte für weitere Sensationen und zog als erste afrikanische Mannschaft überhaupt ins Viertelfinale einer WM ein. Roger Millas zwei Treffer gegen Kolumbien (2:1 n.V.) ebneten den Weg dazu. Im Viertelfinale schieden die "Unzähmbaren Löwen" dann unglücklich gegen England aus (2:3 n.V.) © Getty

“Was mich am meisten geschockt hat war der Trainingsboykott zwei Tage vor dem letzten Vorrundenspiel (..) das hat mich empört“, sagte der Weltmeister von 1998 über das Chaos im WM-Quartier in Knysna. Er wolle das Arbeitsklima in der Nationalelf verändern und offener gegenüber den Medien sein. “Man muss sich nun an die Arbeit machen. Ich habe große sportliche Ambitionen für dieses Frankreich-Team. Wir haben eine schöne Herausforderung vor uns, aber auch eine sehr, sehr schwere“, fügte Blanc freundlich wie immer, aber sichtlich nervös an.

Bei seiner Arbeit will sich Blanc auf “vier, fünf oder sechs Spieler stützen“, die auch von Benehmen her beispielhaft seien. Neben Disziplin und Strenge - “Leitworte“ auf die er immer wieder hinwies - setzt Blanc auch auf “Bescheidenheit“. Man werde nicht mehr unter den ersten zehn der FIFA-Rangliste und im “Wiederaufbau“ sein, spielte er die Erwartungen von Fans und Medien herunter.

Namen von Spielern wollte der neue Coach nicht nennen. Auf die Frage eines Journalisten, ob er den umstrittenen WM-Kapitän Patrice Evra oder den von Medien als “Bandenführer“ angeprangerten und des Mobbings bezichtigten Ribéry nominieren wolle, sagte Blanc: “Wenn ich denke sollte, dass sie die besten auf ihren jeweiligen Posten sind, werden sie dabei sein“. Aber: “Ich kann keine disziplinarischen Strafen beschließen, es wird aber bei meiner Auswahl sportliche Sanktionen geben“.

Der frühere Weltklasse-Libero bestritt zwar Medienberichte, dass die WM-Vorfälle ihn fast zu einem Rücktritt vor Jobbeginn bewegt hätten. Er räumte aber auch ein, dass ihm die vergangenen Tage wie einen “Gang zur Guillotine“ vorgekommen seien. “So viele haben mir so viel Glück gewünscht“. Er habe andere sehr gute Angebote gehabt (laut Medien unter anderem Champions-League-Sieger Inter Mailand), die “Führung der französischen Nationalmannschaft sei aber etwas ganz Besonderes, auf das ich sehr stolz bin“.

Blanc war seit seiner Ernennung zum “Sélectionneur“ kurz vor WM- Start untergetaucht. Nun muss er Farbe bekennen. Die Öffentlichkeit erwartet von dem Mann, der wegen seiner Autoritätsstärke “Le Président“ genannt wird, das “große Ausmisten“. “Willkommen Monsieur Blanc!“, titelte das Fachmagazin “France Football“ hoffnungsfroh. Blanc werde “wie ein Messias“ erwartet, schrieb die Zeitung “Les Echos“. Ex-Nationalspieler Eric Di Meco kritisierte im Interview mit dem Radiosender “RMC“ indirekt den ausgeschiedenen Nationaltrainer Raymond Domenech: “Blanc ist einer, der endlich wieder über Fußball sprechen wird. Nicht einer, der uns für dumm verkaufen will“.

Erste Herausforderung wird für Blanc die Qualifikation zur Europameisterschaft 2012 sein. Am 3. September steht das erste Qualifikationsspiel gegen Weißrussland an. Sein Debüt auf der Bank gibt Blanc aber bereits am 11. August im Länderspiel gegen Norwegen.

Die “Équipe Tricolore“ war in Südafrika nach der WM-Vorrunde als Gruppenletzter ausgeschieden. Doch vor allem die vielen Skandale abseits des Platzes mit der Beschimpfung von Domenech durch Stürmer Nicolas Anelka, dem Ausschluss von Anelka, einer Cliquenbildung und dem Trainingsstreik sorgten für Empörung. Der Präsident des Verbandes FFF, Jean-Pierre Escalettes nahm seinen Hut. Die WM-Blamage wurde zur Staatsaffäre. Staatspräsident Nicolas Sarkozy und viele Minister kritisierten die “Bleus“. Escalettes und Domenech mussten zum Rapport ins Parlament. Mit Blanc soll alles besser werden.

dpa

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