„Jogi bonito“ allein reicht nicht mehr: Der Bundestrainer braucht einen Titel

Jetzt muss Löw liefern

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Joachim Löw

Santo Andre - Von Günter Klein. Seit der WM 2010 in Südafrika sind vier Jahre ins Land gezogen. Vier Jahre mit Joachim Löw. Das war damals nicht unbedingt zu erwarten gewesen.

Die Verhandlungen des DFB über eine langfristige Zusammenarbeit mit Löw, Manager Oliver Bierhoff und den Trainerassistenten Hansi Flick und Andy Köpke waren ein halbes Jahr vor dem Turnier geplatzt, Löw und sein Team standen als gierig da. Man dachte: Nach der WM beendet man die Sache. Es kam anders: Löw blieb.

In die WM 2014, die heute in Salvador (18 Uhr) für die deutsche Mannschaft mit dem Spiel gegen Portugal beginnt, geht Löw mit einem Anschlussvertrag. Laufzeit: bis 30. Juni 2016, also zur nächsten EM (in Frankreich). Alles klar. Oder doch alles offen? Der Meinungstrend ist ähnlich dem von 2010: Löw wird aufhören. Denn entweder gibt es ein Ergebnis, das man als unbefriedigend empfinden wird, wozu nach deutschem Fußballverständnis bereits das Nicht-Erreichen des Finales zählt, dann wird man diese Bundestrainer-Figur, die einfach keinen Titel gewinnt (und sogar Berti Vogts hat einen geholt), nicht mehr ertragen können. Oder Löw wird Weltmeister, hat seine Mission vollendet, weiß, dass er das nicht mehr überbieten kann, zieht sich zurück und ist für alle Zeiten Super-Jogi.

2014 gilt wie schon 2010: Löw beschäftigt sich mit der Zukunftsfrage nicht. Zumindest nicht während des Turniers. „Auch kein Spieler denkt nach: Was passiert mit dem Trainer nach diesem Turnier?“, sagt Löw. Er glaubt aber, dass manches sich von selbst regeln könnte. „Wenn wir in der Vorrunde ausscheiden, wäre es naheliegend, dass der Verband einen anderen Weg geht.“ Und wenn Deutschland Weltmeister wird, ist er es dann, der den Kurs wechselt? Er lässt es offen, er sagt: „Es wäre doch interessant, als Weltmeister-Trainer in die EM-Qualifikation zu gehen.“ Das kann ein Spaß sein oder sein voller Ernst. Löw zwinkert, er ist schwer zu deuten.

Spürbar wird, dass die Stimmung im Volk kippt. Als Joachim Löw nach der WM 2006 von Jürgen Klinsmanns Assistenten zum Bundestrainer aufstieg, feierte man ihn nachträglich als den klugen Kopf hinter den Erfolgen. Die Deutschen fanden Löw lässig, er stand für modernen Führungsstil, für Erneuerung. Die Spieler, die hochkamen, wurden immer besser, das Spiel schöner. Mit der WM 2010 stand die junge DFB-Elf für das bis dato den Brasilianern vorbehaltene feingeistige Spiel, das „Jogo bonito“. Es war „Jogi bonito“.

Doch Löw verlor das Halbfinale bei der WM 2010 (gegen Spanien) und bei der EM 2012 (gegen Italien), es waren keine Spieler-, sondern Trainerniederlagen, und seine Entscheidungen im Vorfeld der WM 2014 sind schwer zu verstehen. Sie erscheinen nicht konsequent und daher anfechtbar: Warum gewährte er dem hin und wieder angeschlagenen Mario Gomez nicht die Chance, im Trainingslager fit zu werden, wohl aber Sami Khedira, der die weitaus schwerere Verletzung hatte? Warum wird Max Kruse, der nach einem Länderspiel in England Damenbesuch auf dem Zimmer hatte, aus der Nationalmannschaft verbannt, derweil dem Dortmunder Kevin Großkreutz ein Eklat nach dem Pokalfinale (Urinieren in einer Hotellobby) nachgesehen wird?

Löw liebt es, rätselhaft zu wirken. Das führt dazu, dass die Medien ihn interpretieren und dabei überhöhen. Sie hören Botschaften zwischen den Zeilen, die er gar nicht angedeutet haben will – oder doch? Seine Bestandsaufnahme vor dem ersten Länderspiel des Jahres gegen Chile („Realität schlägt Papierform“) wurde so ausgelegt, dass er einigen Spielern eine letzte Warnbotschaft übermitteln und zugleich die öffentlichen WM-Erwartungen absenken wolle. Nun sagt er dazu: „So etwas ist nie meine Absicht. Das sind alles ganz ehrliche Meinungsäußerungen von mir.“

Im August 2012 hat Joachim Löw die einzige richtige Wutrede seiner Amtszeit gehalten. Es war ein über zwanzigminütiger Monolog, eine Abrechnung mit den Medien und ihren Themen im Folge des EM-Scheiterns (einige Spieler singen Hymne nicht mit, genießen in DFB-Kreisen übertriebenen Luxus). Der Abschied vom Bild des netten Herrn Löw.

Doch der ist zurückgekehrt. Er lässt sich nicht nerven von den Vertragsfragen, er hat Anspielungen auf seinen Führerscheinverlust erduldet, er erklärt in höflicher Unbeirrbarkeit, warum er nur einen Stürmer mitgenommen hat nach Brasilien. Und die neueste Ausprägung Löwscher Körpersprache ist, dass er einem Fragesteller noch mehr zugewandt zu sein scheint als früher. So, als wolle er sicherstellen, dass er mit den Leuten noch einige Jahre auskommen kann. Vielleicht macht er einfach weiter, ob als Weltmeister oder nicht.

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