"Die Schiedsrichter waren schuld"

Donezk - Der Torklau von Donezk lässt die Ukraine weinen. Der Co-Gastgeber verabschiedete sich enttäuscht, aber auch zornig von der Heim-EM. Bei den Engländern herrscht ungekannte Zuversicht.

Glückliche Engländer um Retter Wayne Rooney glauben dank eines „unbrauchbaren Offiziellen“ schon an das Ende der titellosen Leidenszeit. Für die Ukraine begann mit dem Torklau von Donezk hingegen das große Weinen. Der vermeintlich betrogene Co- Gastgeber verabschiedete sich mit dem 0:1 (0:0) gegen die „Three Lions“ als zweiter EM-Ausrichter nach Polen von der Heim-EM. „Die Schiedsrichter waren schuld, sie haben uns ein Tor gestohlen“, schimpfte Trainer Oleg Blochin am Dienstagabend im ersten Zorn.

Die kontroverseste Szene der Vorrunde erregte auch am Tag danach noch die Gemüter. „Fünf Schiedsrichter und kein Tor: Der Ukraine wird ein klarer Treffer verweigert. Wie viele Referees braucht man noch?“, fragte die Zeitung „Segodnja“ stellvertretend für ein ganzes Land. Im Ziel der Kritik: Der ungarische Torrichter Istvan Vad. Aus kürzester Entfernung hatte er dem Ausgleichstreffer von Marko Devic, dessen Versuch Englands Verteidiger John Terry in der 62. Minute eindeutig hinter der Linie erwischte, die Anerkennung verwehrt.

„Das war ein klares Tor, es hätte das Spiel verändert“, meinte Andrej Schewtschenko nach seinem traurigen Abschied von der großen Fußball-Bühne, „es war zwar kein Diebstahl, aber wir müssen über eine Torlinientechnologie sprechen.“ Für den eingewechselten 35 Jahre alten Nationalhelden endete sein letztes Turnier somit tragisch. Die Enttäuschung im gesamten Team war groß, die Spieler reisten alle noch in der Nacht nach Hause. Eine weitere Verabschiedung von den Fans wird es nicht mehr geben.

Bei den Engländern soll es nach dem Tordusel mit dem Viertelfinale gegen Italien am Sonntag in Kiew dagegen erst so richtig losgehen. Die „Three Lions“ bejubelten nach dem Treffer des Rückkehrers Rooney (48.) das so lange schmerzlich vermisste Turnierglück. „Jeder sagt, dass der Ball hinter der Linie war“, meinte Rooney, der zu Turnierbeginn rotgesperrt gefehlt hatte, „aber es war an der Zeit, dass wir auch einmal ein bisschen Glück haben.“

Nachdem Frank Lampard im WM-Achtelfinale gegen Deutschland vor zwei Jahren ein klarer Treffer versagt geblieben war, wähnt sich der Weltmeister von 1966 bei dieser EURO endlich auf der richtigen Seite des Schicksals. „Jetzt kommt Italien - dank Rooney und eines unbrauchbaren Offiziellen“, schrieb die „Daily Mail“, ein „gewisses Maß an Gerechtigkeit“ erkannte die BBC und attestierte dem Team von Trainer Roy Hodgson: „Sie können es sich erlauben, ein bisschen mehr zu träumen.“

Übermut versuchte der noch ungeschlagene Coach zwar im Keim zu ersticken, doch auch dem 64-Jährigen scheint der Gedanke an ein mögliches Halbfinale gegen Deutschland nicht mehr fremd. „Wir wollen dieses Turnier so lange wie möglich genießen und so gut wie möglich spielen - wer weiß, wie weit uns das bringen kann?“, spekulierte Hodgson.

Die müden Inselkicker wurden bei ihrer Rückkehr am frühen Mittwochmorgen nach dem Rückflug im EM-Hotel im polnischen Krakau von zahlreichen Anhängern gefeiert. Die Stimmung von Oleg Blochin war am Vorabend bei der Pressekonferenz hingegen endgültig am Tiefpunkt angelangt. Als ein Journalist dem Team mangelnde Fitness vorwarf, verlor der Trainer stinksauer die Beherrschung. „Wenn du ein Mann bist, geh mit mir und wir haben eine Unterhaltung unter Männern“, drohte Blochin mit erhobenem Zeigefinger.

Dass die „Feier ohne Gastgeber“ („Kommersant UA“) jetzt zu einer tristen Veranstaltung wird, glaubt Anatoli Timoschtschuk nicht - der Bayern-Profi selbst will nun dem Team von Bundestrainer Joachim Löw die Daumen drücken. „Jetzt bin ich Deutscher oder Franzose“, meinte der Mittelfeldorganisator, „ich habe dort viele Freunde. Deutschland hat gute Chancen, die EM zu gewinnen.“

Da auch Kroatien und Russland bereits draußen sind, werde er jetzt ebenfalls Deutschland unterstützen, kündigte Coach Blochin an. Nur Schewtschenko hatte vom Fußball erstmal genug und meinte zu seinen weiteren Plänen: „Ich möchte einfach nur nach Hause gehen, meine Kinder in den Arm nehmen und meine Frau küssen.“

dpa

Die größten Schiri-Pannen bei WM-Turnieren

Die größten Schiri-Pannen bei WM-Turnieren

1934: Beim zweiten WM-Turnier hat die Bevorzugung von Gastgeber Italien offenbar System. Im Viertelfinale gegen Spanien (1:1) wird ein reguläres Tor der Iberer von Schiedsrichter Louis Baert aus Belgien nicht anerkannt. (Foto: Guiseppe Meazza) © dpa
Die Italiener können ungestraft foulen. Im notwendigen Wiederholungsspiel sind sieben Spanier verletzt. Der Siegtreffer zum 1:0 der Italiener ist irregulär, zwei reguläre Tore der Spanier werden vom später international gesperrten Schweizer Referee Rene Mercet nicht anerkannt. (Foto: Italien-Keeper Ricardo Zamora) © dpa
1966: Das Wembley-Tor. Die Mutter aller Fehlentscheidungen. Im WM-Finale schießt Geoff Hurst den Ball an die Unterkante der Latte. Damals war nicht klar erkennbar, ob sein Schuss zum 3:2 hinter der Torlinie aufgeprallt war. © dpa
Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst gab den Treffer nach Rücksprache mit dem sowjetischen Linienrichter Tofik Bachramow dennoch. England wurde durch ein 4:2 Weltmeister. Diskutiert wird über Jahrzehnte. Erst dann lassen wissenschaftliche Analysen vermuten: Es war wohl kein Tor. © dpa
1982: Der deutsche Fußball zeigt sein hässliches Gesicht. Im WM- Halbfinale gegen Frankreich rammt Torwart Toni Schumacher den auf ihn zueilenden Patrick Battiston außerhalb des Strafraums rabiat um. Battiston erleidet Wirbelverletzungen, eine Gehirnerschütterung und verliert mehrere Zähne. © dpa
Schiedsrichter Charles Corver ahndet das rüde Foul nicht. Es gibt Tor-Abstoß für Deutschland. Schumacher zeigt sich zunächst wenig einsichtig. “Ich zahle ihm seine Jacketkronen“, merkt er unsensibel an. Später versöhnen sich die Profis - und die Zähne kommen ins Museum (Foto). © dpa
1986: Die “Hand Gottes“ greift in die Fußball-Geschichte ein. Diego Armando Maradona springt im WM-Viertelfinale höher als der englische Torwart Peter Shilton und köpft den Ball ins Tor - meint man. In der Zeitlupe wird klar, was Schiedsrichter Ali Ben-Naceur aus Tunesien nicht gesehen hat. Mit der Faust bugsierte “der Göttliche“ den Ball ins Netz. Der Tor-Betrug wirft England aus dem Turnier. © Getty
Argentinien wird später Weltmeister und Maradona nicht nur in seiner Heimat kulthaft verehrt. Dem Genie wird der Hand-Streich nachgesehen. © Getty
1990: Ein Duell voller Emotionen. Deutschland gegen die Niederlande im WM-Achtelfinale in Mailand. Einer verliert die Nerven (der Holländer Frank Rijkaard) und einer den Überblick (Schiedsrichter Juan Carlos Lousteau aus Argentinien). Nach den Spuck-Tiraden Rijkaards gegen Rudi Völler stellt er beide Spieler vom Platz. © dpa
Der unschuldige Völler kann die Ungerechtigkeit nicht fassen. Seine Teamkollegen kämpfen auch für ihn und siegen 2:1. Völler und Rijkaard versöhnen sich später und machen gemeinsam Butter-Werbung. © Getty
2006: Im WM-Finale verliert Zinedine Zidane nach einer üblen verbalen Provokation durch Marco Materazzi die Nerven. Der Kopfstoß des Franzosen bekommt Kult-Charakter. Die Rote Karte für Zidane durch Schiedsrichter Horacio Elizondo ist regelkonform. © dpa
Aber wie wurde der Referee auf die Tätlichkeit aufmerksam. Bis heute halten sich Gerüchte, dass der vierte Unparteiische nur durch Ansicht der TV- Bilder am Spielfeldrand das Vergehen sah. Dann hätte der bei der FIFA noch verpönte Video-Beweis durch die “Hintertür“ Einzug gehalten. © dpa
2010: Wiedergutmachung für Wembley! Im Achtelfinale erzielt Frank Lampard den 2:2-Ausgleich für England. © dpa
Trainer Capello jubelt schon, aber Schiedsrichter Jorge Larrionda gibt das Tor nicht, obwohl der Ball von der Unterkante der Latte deutlich hinter der deutschen Torlinie aufprallt. Auch nicht nach Wayne Rooneys Protesten (Foto) Deutschland siegt mit 4:1. Verteidiger Per Mertesacker merkt in Anspielung auf 1966 süffisant an: “Man sieht sich immer zweimal“. England leckt seine Wunden und die Schiri- Diskussion bei der WM in Südafrika entbrennt richtig. © dpa
2010: Keine fünf Stunden nach der Panne von Bloemfontein gibt es die nächste gravierende Schiedsrichter-Fehlleistung. Der bis dahin schon durch affektierte Pfeiferei aufgefallene Italiener Roberto Rosetti übersieht wie sein Linienrichter eine klare Abseitsstellung des Argentiniers Carlos Tevez vor dessen 1:0. © AP
Wütende Proteste der Mexikaner nützen nichts. Rosetti bleibt beim Fehlurteil. Argentinien gewinnt 3:1 und bucht das Viertelfinale gegen Deutschland. © dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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