Kommentar zu Brasiliens Auftaktsieg gegen Kroatien

Zum „Jogo Bonito“ gehört manchmal auch die Pike

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Brasiliens Superstar Neymar: Zwei Treffer gegen Kroatien

Endlich hat das Warten ein Ende. Die WM ist eröffnet, das Auftaktspiel zwischen Brasilien und Kroatien absolviert. Der Sieg der Gastgeber hinterlässt allerdings offene Fragen - und zumindest einen kleinen faden Beigeschmack. Ein Kommentar von Michael Baltes.

Oscars Treffer in der Nachspielzeit stand sinnbildlich für den gesamten Auftritt der brasilianischen Nationalmannschaft. Mit einem Kraftakt ließ er gleich mehrere Gegenspieler stehen und vollendete - wenig brasilianisch - mit der Pike zum 3:1-Endstand. In den 90 Minuten zuvor war von dem „Jogo Bonito“, dem schönen Fußball, den sich die Zuschauer von der Seleção erhofft hatten, nicht viel zu sehen. Aber warum? War die Leistung der Kroaten so außergewöhnlich gut, oder fehlt Brasilien vielleicht doch einfach das Potential, einen solchen Gegner mühelos an die Wand zu spielen?

Was wirklich der Fall ist, wird sich erst in den kommenden Spielen zeigen. Denn natürlich sind Eröffnungsspiele bei Weltmeisterschaften immer eine Sache für sich. Vorallem für den Gastgeber geht es in erster Linie darum, dem Druck im eigenen Land standzuhalten und im Idealfall die Partie mit einem Sieg zu beenden. Spielerische Glanzpunkte haben fast schon traditionell Seltenheitswert - selbst wenn der Gastgeber Brasilien heißt und nach eigenem Selbstverständnis Gottes Fußballplatz auf Erden ist.

Da kann die Nationalhymne noch so inbrünstig mitgesungen werden, beim Anpfiff rutscht das Herz in die Hose. Bei Brasiliens Marcelo dürfte es in der 11. Minute sogar kurzzeitig aufgehört haben zu schlagen. Sekunden zuvor hatte der Profi von Real Madrid eine flache Hereingabe von Kroatiens Ivica Olic eiskalt ins eigene Netz vollendet. Ein historischer Moment, es war das erste Eigentor der brasilianischen Nationalmannschaft bei einer WM-Endrunde überhaupt. Ob er will oder nicht, einen Eintrag in die Geschichtsbücher hat Marcelo damit sicher.

Glücklicherweise war das nicht der Anfang vom Ende der großen Fußball-Party am Zuckerhut. Noch vor der Pause erzielte Neymar den Ausgleich, um nach dem Seitenwechsel per Elfmeter auch noch für die Führung zu sorgen. Kaum auszudenken, was eine Niederlage oder selbst ein Unentschieden der Brasilianer zur Folge gehabt hätte. Die WM stößt ohnehin nicht im ganzen Land auf Gegenliebe, um es vorsichtig zu formulieren. Ein verpatzter Auftakt hätte auch bei den Befürwortern schnell die Stimmung kippen lassen können.

"Dann sind wir hier bald im Zirkus" 

Möglicherweise hat sich das auch der japanische Schiedsrichter gedacht. Anders ist seine Elfmeterentscheidung in der 70. Minute kaum zu erklären. Im Stile eines Filippo Inzaghi hatte sich Brasiliens Fred nach einer kurzen Berührung seines Gegenspielers auf den Rasen sinken lassen. Eine Schwalbe, um es auf den Punkt zu bringen. Der Unparteiische entschied fataler Weise anders. „Wenn das einer war, wird es bei dieser WM hundert Elfmeter geben, dann sind wir hier bald im Zirkus“, empörte sich Kroatiens Trainer Niko Kovac. Recht hat er.

Zumindest einige Traditionalisten wird es freuen. Obwohl bei der WM neue Errungenschaften wie die Torlinientechnik eingesetzt werden, gibt es weiterhin strittige Entscheidungen, die lang und breit am Biertisch diskutiert werden können. Für die Schiedsrichter ist es dagegen ein denkbar schlechter Auftakt. Schon nach dem ersten Spiel stehen sie wieder im Mittelpunkt der Kritik. Hätte die Fifa nicht vielleicht gut daran getan, einen Schiedsrichter aus einer der europäischen Top-Ligen für das wichtige erste Spiel zu nominieren? Seis drum. In zwei Tagen fragt niemand mehr, wie der Sieg der Brasilianer zustande gekommen ist. Am Ende zählt nur das Ergebnis.

Ebenso schnell dürfte die Eröffnungsfeier vor der Partie aus den Köpfen sein. Sie war, wie Eröffnungsfeiern nun einmal sind. Viel Tanz, viel Musik. Große Begeisterung wollte bei den Zuschauern im Stadion so recht nicht aufkommen. Auch ZDF-Kommentator Béla Réty schien nicht immer ganz auf Ballhöhe. Erst identifizierte er die brasilianische Sängerin Claudia Leitte als Jennifer Lopez, um kurz drauf einen der Höhepunkte der Show, den symbolischen WM-Anstoß eines querschnittsgelähmten Jungen anzukündigen. Blöd nur, dass dieser schon längs ausgeführt worden war. Aber genug der Schelte. Denn zumindest die Verwechslung der beiden Sängerinnen dürfte dem ein oder anderen auf der heimischen Couch ebenfalls passiert sein. Offenbar hatten beide vor ihrem Auftritt den gleichen Friseur besucht – ein klassischer Fall für die Rubrik „Bei der Geburt getrennt“.  Kurz nach dem musikalischen Höhepunkt war die Eröffnungsshow dann auch schon beendet.

Alles in allem ein schöner Auftakt, mehr aber auch nicht. Den viel gepriesenen Zauber am Zuckerhut hat es an diesem Abend weder bei der Show, noch beim Spiel gegeben. Aber das kann ja noch kommen, die WM hat ja grad erst begonnen. In diesem Sinne: „Jogo Bonito!“

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