Kommentar zu Deutschlands Sieg gegen Portugal

Falsche Neun? Wilde 13!

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Nationalspieler Thomas Müller: Drei Tore gegen Portugal

Deutschland ist mit dem 4:0-Sieg gegen Portugal perfekt in die WM gestartet. Dabei wurde Joachim Löws Mut zum Risiko belohnt. Statt auf einen echten Mittelstürmer zu setzen, vertraute der Bundestrainer einmal mehr auf die „falsche Neun“ – eine Bezeichnung, die zumindest im deutschen Spiel überholt scheint. Ein Kommentar von Michael Baltes.

Vier etatmäßige Innenverteidiger in der Viererkette, mit Philipp Lahm den wohl weltbesten rechten Abwehrspieler im Mittelfeld und dazu keinen klassischen Mittelstürmer im Angriffszentrum. Die Taktik von Löw gegen Portugal war gewagt. Aber sie ist aufgegangen. In beeindruckender Manier hat Deutschland sein Auftaktspiel gewonnen. Dabei war die Skepsis vor der Partie groß. Die Vorbereitung lief alles andere als optimal. Durchwachsene Leistungen gegen Kamerun und Armenien, dazu das PR-Desaster von Mercedes, die Pinkel-Affäre um Kevin Großkreutz und Löws bekanntgewordene Qualitäten als Rennfahrer. Die 90 Minuten gegen Cristiano Ronaldo und Co. haben all das vorerst vergessen lassen.

Besonders von Löw dürfte enormer Druck abgefallen sein. Seine Entscheidung mit Miroslav Klose nur einen „echten“ Stürmer für die Endrunde in Brasilien zu nominieren und diesen zum Auftakt  nicht mal in der Startformation zu bringen, hatte bei vielen für Unverständnis gesorgt. Wer soll denn die Tore schießen, fragten die Pessimisten. Die "falsche Neun" wird es schon richten, entgegneten die Optimisten. Hätte die DFB-Elf gegen Portugal nicht getroffen, Löw hätte schon nach dem ersten Spiel im Kreuzfeuer der Kritik gestanden. Der Bundestrainer ist dieses Risiko bewusst eingegangen, weil in seinem Verständnis von zeitgemäßem Fußball ohnehin kein Platz für feste Positionen ist. Variabilität heißt das Zauberwort. Vor allem in der Offensive sieht das System Löw kontinuierliche Positionswechsel vor.

Mario Götze, Mesut Özil und Thomas Müller setzen diese Vorgabe gegen Portugal fast in Perfektion um und sorgten so immer wieder für Verwirrung in der Hintermannschaft des Gegners. Mit einem Mittelstürmer, der sich ausschließlich im Strafraum oder kurz davor aufhält, wäre das so nicht möglich gewesen. Und wer braucht schon einen Mittelstürmer, wenn er einen Thomas Müller im Kader hat?

„Wir wollen mal die Kirche im Dorf lassen"

Der Münchner hat seine Torjägerqualitäten schon bei der vergangenen WM in Südafrika unter Beweis gestellt, als er mit fünf Treffern Torschützenkönig wurde. Diesmal war er gleich im ersten Spiel dreimal zur Stelle. Erst erzielte er per Elfmeter die Führung, um dann auch noch in bester Gerd-Müller-Manier zum 3:0 und 4:0 abzustauben. Seine große Stärke: Er handelt meist unorthodox, simpel, ohne sich großartig Gedanken zu machen – eben wie ein echter Torjäger. Ein echter Stürmer ist Müller dennoch nicht, genau so wenig wie eine moderne „falsche Neun“. Müller ist die perfekte Mischung aus beidem und dabei so unberechenbar, wie seine eigenen Laufwege. In Anlehnung an seine Rückenummer bezeichnete ihn ARD-Experte Mehmet Scholl als „wilde 13“ – das passt, und klingt dazu noch deutlich besser als „falsche Neun“.  

Den Realitätssinn hat Müller nach seiner überragenden Leistung nicht verloren. Trotz aller Euphorie ob des deutlichen Sieges, weiß er, dass das Spiel gegen Portugal nicht überbewertet werden darf. „Wir wollen mal die Kirche im Dorf lassen, so als Übermannschaft sind wir hier auch nicht aufgetreten“, sagte der 24-Jährige. Recht hat er. In der Anfangsphase war Portugal durchaus ebenbürtig, erst nach der Roten Karte gegen Pepe war die Partie entschieden. Gegenwehr kam danach kaum noch, die zweite Halbzeit verkam mehr oder weniger zu einem lockeren Auslaufen.

Auch Löws Taktik wird sich im Laufe des Turniers noch deutlich härteren Bewährungsproben stellen müssen. Zwar wurde mit Portugal das Team um den amtierenden Weltfußballer Ronaldo geschlagen, im Kollektiv sind aber Mannschaften wie Brasilien, Holland, Italien, Argentinien oder auch Spanien deutlich höher einzuschätzen. Und wie schnell der tiefe Fall vom gefeierten Helden zum Sündenbock gehen kann, hat Löw 2012 schon einmal erlebt – beim EM-Aus gegen Italien. Das soll in Brasilien nicht wieder passieren. Es darf auch nicht wieder passieren.

Die Erwartungshaltung an die DFB-Elf ist hoch, alles andere als der Titel wird schwer als Erfolg zu verkaufen sein. Der erste Schritt Richtung Maracanã ist zumindest schon einmal getan - weitere müssen folgen.

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