Rehden-Coach Andreas Petersen will keine Medaille für gutes Benehmen

„Wir haben Prüfungsangst“

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Die Aufgabe in Rehden entwickelt sich für Andreas Petersen nicht wie gedacht. Aber der Trainer zieht durch: „Wer A sagt, muss auch B sagen. Ich stelle mich der Aufgabe.“

Rehden - Von Carsten Sander. Andreas Petersen kann Abstiegskampf. Behauptet er jedenfalls. Vor acht Jahren habe er mal Germania Halberstadt übernommen. Anfang April war das, der Club war Letzter in der Oberliga. „Aber wir haben es am letzten Spieltag geschafft, die Klasse zu halten“, erzählt der Trainer des BSV Rehden. „Geiler als eine Meisterschaft“ könne so ein erfolgreich bestrittener Abstiegskampf sein, meint der 54-Jährige. Was aber nicht heißt, dass Petersen Abstiegskampf anstrebt. Mit Rehden steht er gleichwohl seit dem vergangenen Spieltag als Vorletzter auf einem Abstiegsplatz. Und am Sonntag (14.00 Uhr) steht das Kellerduell beim Goslarer SC an.

Der Tabellen-17. tritt am 14. Spieltag beim nur einen Punkt besseren 15. an – ist das schon Abstiegskampf pur, Herr Petersen?

Andreas Petersen: In der jetzigen Situation ja. Wir sind Vorletzter und können nicht sagen, dass wir da nicht hingehören. Die Tabelle lügt nicht. Wir haben zwar keine schlechten Spiele gemacht, meistens waren es Duelle auf Augenhöhe. Aber wir haben einfach sechs, sieben Punkte liegen gelassen. Damit bist du dann im Abstiegskampf.

Wie begegnet die Mannschaft dieser neuen Situation, dem Sturz auf einen Abstiegsplatz?

Petersen: Zuerst war da am Wochenende schon eine kleine Schockstarre bei dem einen oder anderen zu erkennen. Aber die Jungs arbeiten im Training sehr zielstrebig, wollen diesen Abstiegsplatz so schnell wie möglich wieder verlassen. Da kann ich ihnen nur ein Kompliment machen. Dass es nicht einfach wird, da unten wieder rauszukommen, wissen wir. Aber es ist möglich.

Die Erwartungen an den BSV waren bei Ihrem Amtsantritt im Sommer ganz andere. Wieso steht das Team jetzt unten drin?

Petersen: Im Fußballdeutsch spricht man gerne von einer Ergebniskrise – die haben wir. Und wir haben zu viele Spieler mit Prüfungsangst.

Wie meinen Sie das?

Petersen: Wenn Sie unsere Leute sehen, wie sie im Training in die Zweikämpfe gehen, dann denken Sie: ,Mein lieber Herr Gesangsverein, da geht es aber zur Sache.‘ Doch am Wochenende sind wir wieder die Lieben, die Braven, dann wollen wir sympathisch sein. Ich glaube, jeder, gegen den wir schon gespielt haben, wird sagen: ,Rehden ist echt eine nette Truppe. Die spielen recht gut, tun uns aber nicht weh.‘ Wenn wir weiter so auftreten, bekommen wir vielleicht eine Medaille für gutes Benehmen, aber keine Punkte.

Müssen Sie Ihre Spieler zu mehr Härte erziehen?

Petersen: Wir müssen uns auf dem Platz anders wehren. Es geht nicht darum, Karten zu sammeln, das mag ich nicht. Fair soll es schon bleiben. Aber es war in engen Spielen zuletzt oft so, dass sich die Waage Richtung Gegner geneigt hat, weil die ein paar schmutzige, abgezockte Spieler in ihren Reihen hatten. Uns fehlen diese Akteure. Zumal aktuell und teils schon länger Kevin Artmann, Stefan Heyken und Danny Arend ausfallen. Für uns sind das drei existenzielle Spieler.

Müssen Sie für mehr Konsequenz auf dem Platz selbst einen anderen Ton anschlagen. Sprich: Haben Sie bislang zu sehr mit Zuckerbrot und zu wenig mit der Peitsche gearbeitet?

Petersen: Vielleicht. Weil ich ja auch Respekt habe vor dieser Geschichte hier in Rehden. Es ist für mich Neuland, diesen – und das ist jetzt nicht negativ gemeint – Volkssport zu betreiben. Ich bin es gewohnt, den ganzen Tag mit den Spielern arbeiten zu können. Training, Auswertung, Analyse, Gruppengespräche, Einzelgespräche – alles, was dazu gehört. Aber hier kommen die Spieler nach der Arbeit um 18.00 Uhr zum Training, müssen danach teilweise zurück nach Bremen und sind vor 22.00 Uhr nicht zu Hause. Und das tagtäglich. Was willst du alles in die wenige Zeit, die bleibt, reinpacken? Das ist schwierig. Es sind ungewohnte Bedingungen für mich.

Also ist das beim BSV praktizierte Modell „Arbeit und Fußball“ doch ein Wettbewerbsnachteil?

Petersen: Ich will nicht nach Ausreden suchen. Der BSV Rehden ist konkurrenz- und wettbewerbsfähig, wenn die Jungs an ihr Limit gehen. Das haben die vergangenen Spiele auch gezeigt. Aber wie gesagt: Wir lassen die Punkte liegen.

Haben Sie unterschätzt, welche Verhältnisse Sie in Rehden erwarten?

Petersen: Ja, vielleicht. Aber wer A sagt, muss auch B sagen. Dazu stehe ich.

Vereinschef Friedrich Schilling hat Ihnen zuletzt den Rücken gestärkt und betont, dass er sich auf der Trainerposition Konstanz wünscht – mit Ihnen. Ist das auch ihr Wunsch?

Petersen: Es passt schon zwischen mir und dem Club. Ich stelle mich dieser Aufgabe. Für Rehden ist die aktuelle Situation ja auch kein Weltuntergang. Man kann bei diesen Rahmenbedingungen nicht davon ausgehen, unter den ersten Sechs zu landen. Aktuell sieht man ja, dass die U23-Teams der Bundesliga-Clubs oben stehen. Das kommt nicht von ungefähr.

Rehden wurde aber definitiv mehr zugetraut als Abstiegskampf.

Petersen: Nach dem Gewinn des NFV-Pokals und dem starken Auftritt im DFB-Pokal (Rehden scheiterte gegen Zweitligist LR Ahlen erst im Elfmeterschießen, d. Red.) war die Erwartungshaltung groß. Aber ich habe immer den Finger gehoben und gesagt, dasses auch in die andere Richtung gehen kann. Jetzt ist das der Fall.

Haben Sie Angst abzusteigen?

Petersen: Dafür ist es noch viel zu früh. Außerdem ist Angst immer ein schlechter Berater. Aber man muss sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, sonst ist man ein Träumer. Ich habe jeden Tag das Gefühl, dass meine Mannschaft mehr will und mehr kann. Ich spüre, dass hier alle zusammenhalten und gemeinsam da unten raus wollen. Und ich bin sehr optimistisch, dass das auch klappt.

Mit einem Sieg in Goslar am Sonntag?

Petersen: Das wäre ein erster Schritt.

Und die Prüfungsangst?

Petersen: Vielleicht sollten wir mal so tun, als ob das Spiel nur Training wäre…

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