Rehdens Daniel Gunkel spricht über seinen Kampf gegen Rassismus, seine Karriere und Jürgen Klopp

„Ich wurde mit Steinen beworfen“

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Rehdens Mittelfeldspieler Daniel Gunkel hat in seiner Karriere so einiges erlebt und miterlebt. ·

Rehden - Von Arne Flügge. Ex-Profi Daniel Gunkel ist beim Fußball-Regionalligisten BSV Rehden angekommen. Im Interview spricht der 33-jährige defensive Mittelfeldspieler über seinen Wechsel, seine Profikarriere, seinen Kampf gegen Rassismus und Ex-Trainer Jürgen Klopp.

Herr Gunkel, wie kommt ein Fußballer, der unter anderem bei Eintracht Frankfurt, Energie Cottbus, Mainz 05 und zuletzt Kickers Offenbach gespielt hat, ins kleine und beschauliche Rehden?

Daniel Gunkel:Ich war in den vergangenen zwei, drei Jahren viel verletzt und habe den Anschluss nicht mehr geschafft. Der Kontakt kam über Markus Kompp (Rehdens Teammanager/d.Red.) zustande. Er hat im Winter meinen Berater angerufen. Wir mussten damals leider absagen, weil ich nach meinem Kreuzbandriss noch in der Reha war. Wir sind aber in Kontakt geblieben, und so hat es dann geklappt.

Gab es keine anderen Angebote?

Gunkel:Doch, ich hatte zwei, drei gute Sachen in der Dritten Liga. Aber da ging es nur um Jahresverträge. Ich bin in meiner Karriere viel umgezogen, viel gereist. Ich habe jetzt Frau und Kind. Und da habe ich etwas gesucht, wo ich länger bleiben kann. Schließlich muss ich mich auch auf anderen Gebieten weiterentwickeln. Ich möchte noch zwei, drei Jahre Fußball spielen. Aber was ist dann? Hier habe ich die Möglichkeit, demnächst eine Ausbildung zu beginnen.

Wie haben Sie sich in Rehden eingelebt?

Gunkel:Klar, das war schon etwas Neues für mich und meine Familie. Bevor ich zugesagt habe, bin ich ein paar Mal hergekommen, habe mir alles angeschaut. Und ich habe den Charme, den Rehden versprüht, sofort gespürt. Ich habe nach Rücksprache mit meiner Frau dann zugesagt, und obwohl ich erklärt habe, dass ich noch Zeit brauche, nach meinem Kreuzbandriss noch in der Reha bin, wollte Rehden mich holen. Und da habe ich sofort auch das Vertrauen des Clubs gespürt.

Wie sind Sie vom Team aufgenommen worden?

Gunkel:Im Fußball ist das relativ einfach, wenn du dich ordentlich verhältst, den Jungs gegenüber vernünftig auftrittst. Ich schaue auf niemanden herab, nur weil ich mal Profi war. So war schon immer mein Denken und Handeln.

Wie würden Sie den Fußballer Daniel Gunkel beschreiben?

Gunkel:Fokussiert auf den Beruf – definitiv. In Teilen meiner Karriere bin ich zu ungeduldig gewesen. Ich habe immer versucht, ein Leadertyp zu sein, positiv auf die Mannschaft einzuwirken. Ich war nie ein Querulant.

Was heißt zu ungeduldig?

Gunkel:Ich bin mit Spielern wie Jones, Streit oder Preuß bei Eintracht Frankfurt aus der A-Jugend gekommen. Ich musste aber den Weg über die Amateure gehen, weil ich bei der Eintracht keine Chance bekommen habe. Dadurch bin ich viel gewechselt, erst mit 24 Jahren bei Energie Cottbus zum Profi geworden. Ich habe mich nach Verletzungen zu sehr unter Druck gesetzt, war zu ungeduldig – und habe damit nur mir selbst geschadet. Mein größter Fehler war, dass ich später Mainz 05 verlassen habe. Ich hätte dort bleiben, mich durchbeißen und mehr für meine Chance tun müssen, anstatt die Flucht zu ergreifen.

Ihr Trainer in Mainz hieß Jürgen Klopp. Ist er wirklich so brillant, wie viele sagen?

Gunkel:Ja, definitiv. Ein toller Trainer und Mensch. Wie er trainiert, wie er mit den Menschen umgeht, das zeichnet ihn besonders aus. Er ist ein unglaublicher Motivator. Wenn du für ihn spielst, vertraust du ihm zu 100 Prozent.

Haben Sie noch Kontakt zu Klopp?

Gunkel:Ja, wir telefonieren ab und zu miteinander. Als er gehört hat, dass ich in Rehden unterschrieben habe, hat er mich sofort angerufen und sich unglaublich für mich gefreut. Er hat mir gesagt, dass es für ihn die Nachricht des Tages gewesen sei. Dass er glücklich ist, dass ich nach meiner schweren Verletzung wieder einen Verein gefunden habe. Und ich soll die Zeit in Rehden genießen.

Den Spaß am Fußball hatten Sie durch den Kreuzbandriss verloren?

Gunkel:Ja, absolut. Ich hatte mich komplett vom Fußball verabschiedet, habe monatelang nicht einmal ein Spiel im Fernsehen geschaut. Mein Vertrag in Offenbach war ausgelaufen. Ich war also ohne Verein, ohne professionelle Reha. Die Zeit war brutal. Meine Frau Carla hat mich total unterstützt. Sie war mein Fels in der Brandung. Und eines Tages habe ich dann die Lust und Liebe zum Fußball wiederentdeckt, Gas gegeben. Ich wollte wieder spielen. Und wenn du dann auch einen Verein wie den BSV Rehden findest, der dich in so einer Phase unterstützt, dann fällt es dir leicht, auch für den Club zu spielen.

Wir haben jetzt einiges über den Fußballer Daniel Gunkel erfahren. Wie würden Sie den Menschen Daniel Gunkel beschreiben?

Gunkel:Ich denke, ich bin ein sehr großer Gerechtigkeitsfanatiker. Deswegen bin ich in meinem Leben wohl auch so ungeduldig gewesen, weil ich mich öfter ungerecht behandelt gefühlt habe. Ich habe unheimlich viel erlebt, viele Menschen und Orte kennengelernt. Ich bin dadurch gereift. In erster Linie aber bin ich ein absoluter Familienmensch. Sie steht bei mir über allem.

Und sie setzen sich sehr für den Kampf gegen Rassismus ein. Ist das für Sie eine Herzensangelegenheit?

Gunkel:Ja, definitiv. Schon in Frankfurt habe ich damals unter anderem mit Jermaine Jones die Initiative „Kein Platz für Rassismus in Frankfurt“ gegründet. Man muss diesen Kampf gegen Rassismus unterstützen, wo man nur kann. Und das Thema ist ja immer aktuell. Ich habe das damals im Osten bei Auswärtsspielen leider erfahren müssen. Mit Affenlauten wurde ich beschimpft, auf der Straße angepöbelt.

Inwiefern?

Gunkel:Ich hab’ mal mit meiner kleinen Schwester, sie war damals zwölf, in Cottbus in der Passage gesessen und etwas gegessen. Da kam ein Typ vorbei, so um die 50 Jahre, und hat gesagt: „Nicht das essen, Bananen müsst ihr fressen.“

Wie haben Sie reagiert?

Gunkel:Ich hatte zuerst eine unheimliche Wut im Bauch. Dann fühlst du eine völlige Ohnmacht. Du denkst, was sind das bloß für Menschen? Am liebsten würdest du aufstehen und reagieren – aber das bringt doch nichts. Obwohl der Typ es sicherlich verdient gehabt hätte. Am Ende tun mir solche Menschen nur leid. Glücklich können die doch nicht sein. Aber das war schon ein brutales Ding.

Wurde Ihnen auch schon einmal Gewalt angedroht?

Gunkel:Ja, es war auch in Cottbus. Mein Mitspieler Ogambare Ade, dessen Bruder und ich waren in der Stadt. Wir hatten gewonnen und wollten ein bisschen feiern. Plötzlich tauchten Rechtsradikale auf und haben uns mit Steinen und Flaschen beschmissen. Das war von der körperlichen Bedrohung her bisher der härteste Fall. Ich habe gedacht: Jetzt wird’s gefährlich. Und wieder warst du in dem Konflikt: Hebst du den Stein auf und wirfst ihn zurück – oder gehst du einfach weiter? Gott sei Dank sind wir weitergegangen.

Sie sind in Frankfurt geboren und aufgewachsen. Ihr Vater ist Ivorer, Ihre Mutter Deutsche. Fühlen Sie sich angesichts solcher Vorkommnisse überhaupt als Deutscher?

Gunkel:Ich fühle mich zu 100 Prozent deutsch. Ich bin hier geboren, aufgewachsen, spreche den hessischen Dialekt. Meine Mutter hat deutsche Schlager aufgelegt, ich bin mit Tatort und Lindenstraße groß geworden.

Aber?

Gunkel:Ich bin ein Farbiger, und ich bin nicht davon überzeugt, ob Farbige überhaupt jemals als Deutsche akzeptiert werden. Im Fußball wurde ein Riesenschritt getan für die Sache: Özil, Boateng, Gündogan – alles deutsche Nationalspieler. Und dafür müssen wir die Leute immer wieder sensibilisieren. Und wenn ich die Projekte unterstütze, kann ich mich auch ein Stück selbst befreien und Dinge verarbeiten.

Was wünschen Sie sich in diesem Zusammenhang?

Gunkel:Ich wünsche mir, dass der Rassismus komplett verschwindet. Die Leute kommen ja nicht als schlechte Menschen oder Rassisten auf die Welt. Das Denkverhalten wird aber weitergegeben. Und so lange das so ist, wird es immer Rassismus geben. Vielleicht wird der irgendwann aussterben. So lange ich lebe, ist das aber vermutlich nicht der Fall.

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