Franz Gerber spricht über seine Rolle in Rehden, die Beziehung zu BSV-Boss Schilling, seine Karriere und ein besonderes Engagement in Madagaskar

Top-Stürmer, Entdecker, Förderer und Freund

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Rehdens Interimscoach Franz Gerber hat eine bewegte Karriere als Profifußballer, Trainer und Manager hinter sich.

Rehden - Von Arne Flügge. Seit zwei Wochen ist Franz Gerber im Amt. Der Ex-Profi und -Klassestürmer sowie ehemalige Bundesliga-Trainer und -Manager soll als Interimscoach den Fußball-Regionalligisten BSV Rehden zurück in die Spur bringen. Wieder einmal. Vor zehn Monaten war Gerber bereits dort in beratender Tätigkeit aktiv.

Es ist auch jetzt nur ein Engagement auf Zeit und „ein Freundschaftsdienst“, wie er sagt. Im Interview spricht der 61-Jährige über seine Rolle in Rehden, seine Karriere, ein ganz besonderes Engagement in Madagaskar und bezieht klar Stellung zur momentanen Schlammschlacht um das „Sommermärchen“.

Herr Gerber, Sie leben in der Nähe von Regensburg, gut 600 Kilometer von Rehden entfernt. Wie bewältigen Sie diesen enormen Aufwand?

Franz Gerber: Es ist ja nur für eine gewisse Zeit, bis ein guter und geeigneter Trainer gefunden ist. Wir haben uns verständigt, dass ich zehn Tage in Rehden bin, dann zwei, drei Tage nach Süddeutschland fahre, um dann wieder zurückzukehren.

Leiden Ihre anderen Projekte und beruflichen Verpflichtungen nicht darunter?

Gerber: Das ist die Problematik. Die anderen Dinge leiden darunter, klar. Und mit zunehmender Dauer verschärft sich das natürlich.

Warum dann trotzdem die Zusage?

Gerber: Ich habe viele Anrufe bekommen, warum ich das mache. Und unter anderen Umständen wäre ich auch heute nicht in Rehden, normalerweise hätte ich es nicht gemacht. Doch ich habe es dem Präsidenten Friedrich Schilling zuliebe getan. Es ist ein Freundschaftsdienst. Hier kam der Hilferuf, und ich habe gesagt: Ich helfe. Und es ist unter den vielen Umständen eine sehr, sehr schwere Aufgabe.

An welchen Stellschrauben müssen Sie besonders drehen?

Gerber: Sportlich war die Mannschaft in den letzten Wochen nicht so erfolgreich. Der Kader war zu Saisonbeginn sehr dünn, es gab viele Verletzte. Dann ist der Trainer über Nacht gegangen. Das alles hat Spuren hinterlassen. Und plötzlich steckst du dann in einem Negativlauf. Wir dürfen dabei auch nicht vergessen, dass der BSV Rehden kein Proficlub ist. Die Jungs gehen acht Stunden arbeiten und müssen dann noch Hochleistungssport abliefern. Das ist eine ganz andere Belastung für Körper und Psyche. Ich muss versuchen, die richtige Balance zwischen Training, Regeneration und Berufsbelastung zu finden.

Könnten Sie sich vorstellen, länger Trainer in Rehden zu bleiben, um Ihren eingeschlagenen Weg dauerhaft fortzuführen?

Gerber: Nein, das geht leider nicht. Sicherlich ist es eine spannende und reizvolle Aufgabe, wenn man eine Regionalligamannschaft mitgestalten kann. Aber das ist für mich absolut nicht machbar. Es ist mit meinen anderen Tätigkeiten nicht vereinbar und auch nicht vertretbar. So etwas war auch nie angedacht.

Unterstützen Sie Friedrich Schilling bei der Trainersuche?

Gerber: Ich sage Friedrich meine Meinung, und er arbeitet mit Hochdruck an der Trainersuche, damit ich mich wieder meinen eigentlichen Aufgaben zuwenden kann. Doch entscheiden muss er. Und das ist nicht leicht. Viele wollen Profibedingungen, und es ist in der Liga bekannt, dass du in Rehden nicht reich werden kannst. Außerdem muss ein Trainer die Vereinsphilosophie voll mittragen.

Schon etwas ungewöhnlich, dass ein Trainer seinen Vereinschef darin unterstützt, möglichst schnell einen Nachfolger für sich zu finden…

Gerber (lacht): In der Tat, und das in der Vierten Liga, einer Leistungsliga.

Womit würden Sie einen geeigneten Kandidaten locken?

Gerber: Rehden ist ein liebenswerter Verein, der in Deutschland viele Sympathien gewonnen hat. Es ist eine großartige Leistung, wenn ein Dorf im Konzert der großen Vereine mitspielt und auch besteht. Für die deutsche Fußball-Landschaft ist es wichtig, dass so etwas erhalten bleibt.

Wie lange kennen Sie Schilling schon?

Gerber: Wir haben uns vor einiger Zeit kennengelernt. Die gegenseitigen Sympathien waren sofort da. Zudem haben wir noch ein gemeinsames Geschäftsprojekt in Österreich. Eigentlich haben wir uns aber über den Fußball kennengelernt.

Sie betreiben, wie Sie sagen, ein gemeinsames geschäftliches Projekt. Was machen Sie noch, wenn Sie nicht gerade Feuerwehrmann in Rehden sind?

Gerber: Ich bin mit einigen Clubs im bezahlten Fußball verbunden, betreibe mit meinem Bruder Josef eine Spedition. Zudem bin ich mit einer Versicherung in geschäftlichem Kontakt und habe das Immobiliengeschäft in Österreich.

Es heißt, Sie hätten auch eine Spieleragentur.

Gerber: Die habe ich nicht und hatte sie auch nie. Das Gerücht ist vielleicht entstanden, weil ich Sebastian Kehl mal beraten habe. Er ist ein Freund meines Sohnes, und als ich Sebastian damals in Hannover entdeckt habe, wurde ich gefragt, ob ich nicht helfen würde, die Weichen für seine Karriere zu stellen. Das habe ich getan.

Während Ihrer Zeit bei Hannover 96 zwischen 1996 und 2001 haben Sie viele Talente entdeckt.

Gerber: Das ist richtig. In meiner Funktion als Trainer und Manager in Hannover habe ich einige Spieler herausgebracht und entwickelt, die vorher keiner so richtig auf dem Zettel hatte.

Und das waren?

Gerber: Neben Kehl beispielsweise Otto Addo, Steven Cherundolo, Gerald Asamoah, Fabian Ernst, Altin Lala, Bastian Reinhardt, meinen Sohn Fabian und auch Stefan Blank.

Viele wurden später Nationalspieler. Haben Sie noch Kontakt?

Gerber: Zu einigen Spielern ja.

Sie selbst haben Ihre Karriere 1964 bei Bayern München begonnen.

Gerber: Ja, ich habe dort das Fußballspielen gelernt. Und noch als Jungendspieler habe ich 1971 einen Dreieinhalbjahresvertrag beim FC Bayern erhalten.

Sie waren aber nur ein Jahr dort.

Gerber: Es war die Zeit von Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Uli Hoeneß, Paul Breitner und natürlich Gerd Müller. Als junger Bursche wollte ich spielen. Doch die Konkurrenz war übermächtig. Da wurde ich mit 18 Jahren an den FC St. Pauli ausgeliehen.

Gerd Müller, das wurde jetzt bekannt, leidet an Alzheimer. Wie haben Sie es aufgenommen?

Gerber: Ich hatte davon schon vorher gehört, und es hat mich sehr betroffen gemacht. Es ist sehr, sehr schade. Das zeigt, dass Krankheiten vor keinem Halt machen. Nicht einmal vor dem einst besten Torjäger der Welt. In den USA haben wir damals noch mal gegeneinander gespielt.

Sie sind 1981 als 28-Jähriger zu den Calgary Boomers nach Kanada gegangen, haben danach bei Tulsa Roughnecks und Tampa Bay Rowdies in den USA gespielt. Was war der Anreiz?

Gerber: Die nordamerikanische Soccer League boomte damals. Pele, Franz Beckenbauer, Johan Cruyff, George Best – sie alle spielten drüben. Ich war damals bei Ingolstadt und habe dann ein sehr verlockendes Angebot bekommen. Da habe ich mir gesagt: ,Geh‘ rüber’. Es sind dann drei sehr schöne Jahre geworden.

Beim FC St. Pauli hatten Sie drei Engagements und haben in 159 Spielen 108 Tore für den Verein geschossen. Eine Traumquote.

Gerber: Tatsächlich so viele? Da kann man nichts gegen sagen…

Trauen Sie dem FC St. Pauli in diesem Jahr den Bundesliga-Aufstieg zu?

Gerber: Die Mannschaft spielt eine tolle Rolle in der Zweiten Liga. Gerade jetzt nach dem Sieg gegen Freiburg. Es ist alles möglich, und ich würde mich freuen. In der Zweiten Liga kann viel passieren, das haben Darmstadt und Ingolstadt gezeigt. Aber es ist noch zu früh, zu spekulieren. Die Saison ist noch lang.

War der Kiez-Club Ihre schönste und erfolgreichste Station?

Gerber: Das möchte ich nicht behaupten. Ich hatte viele schöne Momente in vielen tollen Clubs, Aufstiege, Erfolge. Da ist natürlich Hannover 96 zu nennen oder auch 1860 München. Das ist alles hängengeblieben. Ich leide und freue mich heute noch mit meinen Ex-Clubs. Das Geschehen dort verfolgt man natürlich ganz anders als bei anderen Vereinen. Ich hatte eine schöne und erfolgreiche Karriere. Als Spieler, Trainer und als Manager.

Mit einem besonderen Ausflug 2007 nach Madagaskar. Dort waren Sie Nationaltrainer.

Gerber: Eigentlich mehr Teamchef und Nationaltrainer. Der Staatspräsident war damals auf Staatsbesuch in München. Er hatte von meiner Arbeit und den Erfolgen mit jungen Spielern gehört. Er wollte mich kennenlernen, und ich wurde zur Audienz gebeten. Ich war etwas verwundert, bin aber hingegangen. Ich wurde dann nach Madagaskar eingeladen. Und ich hab´ mir gesagt: ,Franz, flieg’ doch mal hin‘. Ich habe dort dann auch erfolgreich gearbeitet. Wir waren kurz davor, uns das erste Mal für den Afrika-Cup zu qualifizieren.

Und was passierte dann?

Gerber: Dann gab es plötzlich politische Unruhen, der Staatspräsident wurde gestürzt, und mein Engagement als Nationaltrainer fand nach elf Monaten ein jähes Ende.

Sie haben noch enge Beziehungen zu Leuten aus dem Profifußball – auch in den höheren Etagen. Wie beurteilen Sie die derzeit heftigen Auseinandersetzungen um das angeblich gekaufte „Sommermärchen“ 2006?

Gerber: Ich finde es unheimlich schade, dass so eine super Weltmeisterschaft beschädigt wird. Unterm Strich wird immer der Eindruck einer sportlich grandiosen WM bleiben. Ich verstehe nicht, warum eine solche Schlammschlacht veranstaltet werden muss. Das schadet dem deutschen Fußball. Wenn Dinge plötzlich hochkommen, muss man sich stellen und die Sache aufklären und sich nicht gegenseitig beschmutzen und beschädigen. Aber da sieht man mal, dass es auch ganz oben im Sport wie in der Politik zugehen kann.

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