Zu wenige Stellen für zu viele Freiwillige

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35 000 Bufdis gibt es deutschlandweit.

Berlin - Bufdi klingt komisch. FSJler noch schlimmer. Irgendwie knautschig hören sich die Namen der deutschen Freiwilligendienste an. Im neunten Monat ist das neue System jetzt - Zeit für eine Bilanz.

Jung, männlich, engagiert, mit den Gedanken vielleicht manchmal woanders: der typische Zivi. Seit acht Monaten gibt es keine neuen Zivis mehr. Nachfolger des Zivildienstes ist der Bundesfreiwilligendienst (BFD), Nachfolger der Zivis sind kurz die Bufdis. Und die können auch schon mal so aussehen wie Bernd Scheftelowitz: kurzrasiertes graues Haar, Falten im Gesicht, eine Stimme wie ein Kanzler. Scheftelowitz ist 58 Jahre alt und betreut als Bufdi in Berlin geistig behinderte Menschen.

Im Gegensatz zum ehemaligen Zivildienst und zu den beiden aktuellen Jugendfreiwilligendiensten FSJ und FÖJ richtet sich der BFD ausdrücklich an Menschen jedes Alters. Die sogenannten FSJ-ler machen ein Freiwilliges Soziales Jahr, die FÖJ-ler ein Freiwilliges Ökologisches Jahr. Wie ist es seit dem Ende des Zivildienstes um das neu geordnete System der Freiwilligendienste in Deutschland bestellt? Um das zu klären, hatte der Unterausschuss Bürgerschaftliches Engagement des Bundestages am Mittwoch in Berlin zu einem öffentlichen Expertengespräch geladen.

Wehrpflicht und Zivildienst

Wehrpflicht und Zivildienst: Wir zeigen, welche Dienstzeiten für junge Männer der Gesetzgeber vorsieht. © dpa
WEHRDIENST: Dazu sind in Deutschland im Prinzip alle Männer im Alter von 18 bis 45 Jahren verpflichtet. © dpa
Im Westen rückten 1957 die ersten Wehrpflichtigen in die Kasernen ein (Foto). Bislang waren es insgesamt mehr als acht Millionen. 1962 führte auch die damalige DDR die Wehrpflicht ein. © dpa
2009 wurden 68 300 junge Männer einberufen, ihren Grundwehrdienst oder einen freiwillig verlängerten Dienst abzuleisten. © dpa
Die Dauer des Dienstes wurde immer wieder geändert. Anfangs waren es 12 Monate, in den 1960er Jahren 18 Monate, seit 2002 waren es 9 Monate. Künftig sollen es nur noch sechs sein. © dpa
Von den insgesamt knapp 254 000 Bundeswehrsoldaten haben sich 20 000 freiwillig zu einem längeren Dienst verpflichtet. © dpa
Seit 2001 dürfen auch Frauen Dienst an der Waffe tun. Die Wehrpflicht gilt jedoch weiterhin nur für Männer. © dpa
ZIVILDIENST: Er ist eng mit dem Wehrdienst verknüpft. © dpa
Er wurde 1961 für Wehrpflichtige eingeführt, die den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen verweigern. © dpa
Anfangs dauerte er 15 Monate, Ende der 80er Jahre sogar 20. Damals legte ein Gesetz fest, dass der Zivildienst ein Drittel länger sein musste als der Wehrdienst. © dpa
Auch der Zivildienst soll von neun auf sechs Monate verkürzt werden. Freiwillig können ihn die “Zivis“ um drei bis sechs Monate verlängern. © dpa
2009 wurden 90 555 Kriegsdienstverweigerer zum Zivildienst einberufen. Die meisten von ihnen arbeiten im sozialen Bereich. © dpa

Neben dem Experten Scheftelowitz sitzt der Experte Torge Riebesell, gegelte Haare, gerötete Wangen, ein bisschen nervös. Er ist 20 Jahre alt und erzählt den Politikern und Sachverständigen von seinem FSJ: „Das FSJ an sich ist 'ne ganz tolle Sache, weil es für so viele verschiedene Menschen eine Möglichkeit des sozialen Engagements bietet.“ Warum „an sich“? Riebesell erzählt von „merkbaren Unterschieden“ zwischen FSJ-lern und Bufdis, die gemeinsam in derselben Einrichtung arbeiten. Sie machten zwar die gleiche Arbeit, würden aber unterschiedlich betreut und müssten auch verschiedene Seminare besuchen. „Nicht nachvollziehbar“ sei das für viele. Auch sei das FSJ in Deutschland weniger anerkannt als früher der Zivildienst, etwa wenn es um Vergünstigungen geht.

Ein „an sich“ gibt es auch bei den Bufdis. Besonders in einem Punkt sind sich die Experten einig: Es gibt zu wenige Stellen für zu viele Freiwillige. In der Einrichtung, in der Scheftelowitz heute Bufdi ist, gab es früher 15 Zivis. Heute gibt es neben ihm noch drei weitere Bufdis. „Das heißt, es fehlen elf Leute, die händeringend gebraucht werden“, sagt er mit seiner Kanzlerstimme. Bewerber gebe es genug, Geld offenbar nicht. Man solle mal darüber nachdenken, ob die bestehenden 35 000 Stellen reichen, findet Scheftelowitz, „ob seitens der Politik vielleicht noch Geld irgendwo gefunden wird“. Das Plenum lacht. Scheftelowitz nicht.

Die vorgesehenen Plätze sind längst besetzt

Aber das Problem ist allen mehr als bekannt: Behörden und Träger warben um Bewerber, und die Freiwilligen bissen an. In Massen. Mit dem großen Ansturm hatte niemand gerechnet, sagt Martin Schulze vom Bundesarbeitskreis Freiwilliges Soziales Jahr. Er nennt es ein Luxusproblem. „Ich glaube, wir können uns das gesellschaftlich nicht leisten, dass wir Engagement, was da ist, nicht abrufen.“ Die vom Staat vorgesehenen 35 000 Bufdi-Plätze sind längst besetzt. Eine genaue Zahl, wie viele darüber hinaus abgelehnt werden mussten, gibt es nicht. Für Sabine Ulonska vom Malteser Hilfsdienst steht fest: „Nichts frustriert mehr, als nicht gebraucht zu werden.“

Mit einer Formulierung trifft Scheftelowitz den Kern eines weiteren Problems: „Der Bundesfreiwilligendienst - ich sag es mal in Anführungsstrichen - war für mich eine sehr gute Chance, noch mal 'beruflich' tätig zu werden und mich einzubringen.“ Da helfen auch die Anführungsstriche nicht. Wer den BFD mit einem Beruf vergleicht, legt sich mit der Linkspartei an. Es bestehe die Gefahr, dass der BFD reguläre Arbeitsplätze gefährde, sagen die Linken-Abgeordneten Heidrun Dittrich und Harald Koch. „Wenn wir hier auch nur im Ansatz Verstöße zulassen, lösen wir eine Lawine aus, die nicht aufzuhalten ist. Da sehe ich eine sehr große Gefahr“, sagt Koch.

Würdige Nachfolger der Zivis

Im neunten Monat des BFD schon von einer Erfolgsgeschichte zu sprechen, wäre zu früh. Würdige Nachfolger der Zivis sind die Bufdis aber schon jetzt. Mehr soll der BFD schließlich gar nicht sein. Allein die Tatsache, dass 45 Prozent der Bufdis Frauen sind, habe gezeigt, „dass der Bundesfreiwilligendienst nicht eins zu eins den Zivildienst fortsetzt“.

Scheftelowitz ist mit seinem neuen Freiwilligen-Job zufrieden. Seine Hilfe kommt an. Die Mitarbeiter und die betreuten Menschen seien sehr dankbar. „Es ist einfach toll, mit geistig Behinderten zu arbeiten. Die haben nicht solche Berührungsängste, die haben riesengroße Herzen“, sagt er. „Ich habe die Entscheidung nicht bereut.“ Die Statistik bestätigt das: Die Abbrecherquote bei den Bufdis ist laut Markus Grübel, dem Vorsitzenden des Ausschusses, mit 10 Prozent niedrig. Zum Vergleich: Beim freiwilligen Wehrdienst betrage sie 27 Prozent.

dpa

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