Analyse

Trotz Zapfenstreich: Warum die Afghanistan-Mission nicht beendet ist

Es war der größte Einsatz der Bundeswehr: die Afghanistan-Mission. Mit einem Zapfenstreich wurde nun offiziell ein Schlussstrich gezogen. Doch die Folgen bleiben.

Berlin – Sie tragen amerikanische Armee-Uniformen, fahren US-Jeeps und halten westliche Maschinengewehre im Arm: die Taliban. Nach dem überraschenden Abzug der Nato und der schnellen Machtübernahme bedient sich die radikal-islamistische Miliz aus den Hinterlassenschaften des Westens und scheint nun besser ausgestattet zu sein denn je. Es sind diese Bilder, die bei vielen Soldatinnen und Soldaten der westlichen Welt Enttäuschung auslösen. Es sei einfach frustrierend, sagte kürzlich der Niedersachse Alexandre R., der als Mitglied der Quick Reaction Force am Hindukusch kämpfte, im Interview mit kreiszeitung.de über die Lage in Afghanistan.

Land am Hindukusch:Afghanistan
Bevölkerung:38,93 Millionen (2020)
Hauptstadt:Kabul
Fläche:652.860 km²

Am Mittwoch nun wurden alle Soldatinnen und Soldaten für ihren Isaf-Einsatz geehrt. Mit einer Gedenkstunde vor dem Bendlerblock am Berliner Verteidigungsministerium und mit einem Großen Zapfenstreich vor dem Reichstagsgebäude gab es die große Würdigung. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprachen ihren Dank aus und erinnerten zugleich an die Gefallenen der Bundeswehr.

Afghanistan-Einsatz: Bundesregierung ehrt Bundeswehr mit Großen Zapfenstreich

Die Isaf-Mission war der bislang größte und gefährlichste Einsatz der deutschen Armee. 100.000 Bundeswehrangehörige leisteten in den 20 Jahren Dienst am Hindukusch, 59 von ihnen kehrten nicht mehr zurück. Der Große Zapfenstreich ist nun auch als eine Art Wiedergutmachung zu verstehen. Denn das eigentliche Ende des Einsatzes hatte in aller Stille bereits im Sommer stattgefunden. Als nach dem beschlossenen Abzug das letzte Kontingent der Bundeswehr Ende Juni auf dem Luftwaffenstützpunkt Wunstorf landete, hatte sich kein Politiker blicken lassen – was einen Sturm der Entrüstung lostrat. Deswegen nun die Würdigung.

Großer Zapfenstreich für die Afghanistan-Mission: Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) ehrt die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr.

Bis heute bleibt bei der Beendigung des 20-jährigen Einsatzes ein bitterer Beigeschmack. Wie fatal und instabil die Situation am Hindukusch ist, zeigte sich in den Tagen nach dem Abzug: Die Taliban überrannten das Land und in einer eilig zusammengeschnürten Evakuierungsmission musste die Nato die zurückgelassenen Ortskräfte aus Kabul herausfliegen. Obwohl die Bundeswehr insgesamt noch hastig 5300 Menschen nach Deutschland ausflog, von denen auch einige in Niedersachsen untergebracht sind, fürchten tausende Menschen in Afghanistan nach der Machtübernahme der radikalen Islamisten weiterhin um ihr Leben.

Vor diesem Hintergrund mischten sich am Mittwoch zahlreiche Bedenken und viel Kritik in die offiziellen Danksagungen. So bezeichnete der Vorsitzende des Bundeswehrverbands, André Wüstner, die Afghanistan-Mission als gescheitert. Aus seiner Sicht haperte es vor allem an einer konkreten Zielsetzung. Dies gelte es in Zukunft unbedingt bei Auslandseinsätzen zu ändern, forderte er. „In den letzten Jahren haben wir festgestellt, dass Politik oft eine Machbarkeitsillusion formuliert hat, und Soldatinnen und Soldaten, aber auch Entwicklungshelfer haben sich gefragt: Wie soll das hier möglich sein?“, sagte der Oberstleutnant dem TV-Sender Phoenix.

Lage in Afghanistan: Kampf gegen Taliban gescheitert – In Feierstunde am Bendlerblock mischt sich Kritik

Ähnlich äußerte sich auch die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann. „Nicht die Soldatinnen und Soldatinnen haben das Afghanistan-Engagement scheitern lassen, sondern die Bundesregierung, die nicht in der Lage und Willens war, ihre gesteckten Ziele zu evaluieren und anzupassen“, sagte die Liberale laut der Nachrichtenagentur dpa. Unterdessen versprach die Wehrbeauftragte Eva Högl (SPD) eine genaue Aufarbeitung des Einsatzes in einer Enquete-Kommission des Bundestages, um Lehren für künftige Auslandseinsätze zu ziehen. 

Was ist ein Zapfenstreich?

Der Zapfenstreich kommt aus dem militärischen Jargon. Im eigentlichen Sinn beschreibt er den Zeitpunkt, ab dem ein Soldat im Quartier bleiben muss. Jedoch hat sich daneben auch der Große Zapfenstreich im Laufe der Jahrhunderte etabliert. Dahinter steckt ein militärisches Ritual mit Blaskapelle und Fackelzügen am Abend. Insbesondere in Deutschland gilt es als das höchste Zeremoniell. Für gewöhnlich werden damit scheidende Bundeskanzler, Bundespräsidenten oder Verteidigungsminister geehrt und verabschiedet.

Insofern ist das Kapitel Afghanistan für die deutsche Politik längst noch nicht beendet. Der Große Zapfenstreich markierte zwar einen offiziellen Schlussstrich. Doch die Folgen wirken noch nach und werden die zukünftige Bundesregierung weiterhin beschäftigen. So steht die Bundeswehr weiterhin in Mali in einem großen Auslandseinsatz. Ein Nebeneinander von Verteidigungs-, Innen-, Außen- und Entwicklungsministerium, das viele Probleme am Hindukusch verursachte, erschwert auch diese Mission.

Wird die zukünftige Bundesregierung das Afghanistan-Problem lösen? Unser Newsletter informiert Sie kostenlos.

Und darüber hinaus: Das Afghanistan-Problem bleibt ungelöst. Das Land radikalisiert sich und schickt sich an, erneut Nährboden von Terroristen zu werden. Menschen fürchten um ihr Leben und werden versuchen, in Richtung Europa zu flüchten. Tausende Menschen, die noch vor den Taliban gerettet werden konnten, müssen in den Bundesländern versorgt und integriert werden. Und dann sind da auch noch die vielen Armeeangehörigen, die in ihren Einsätzen schreckliches erlebt und Traumata erlebt haben. Die Bilder im Kopf stellen sich bei einem verwundeten Veteranen nicht einfach ab, nur weil die Bundesregierung einen Großen Zapfenstreich spendiert hat. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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