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Wende im Ukraine-Krieg: Warum die Teilmobilmachung auch für Putin gefährlich wird

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Von: Felix Busjaeger

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Steht eine Wende im Ukraine-Krieg an? Wladimir Putin hat die Teilmobilmachung Russlands befohlen. Die Auswirkungen könnten gewaltig sein. Was jetzt droht.

Moskau – Russland macht mobil – zumindest teilweise: In einer Fernsehansprache hat Kremlchef Putin eine Teilmobilmachung in Russland angeordnet und läutet damit ein neues Kapitel im Ukraine-Krieg ein. Knapp sieben Monate nach Beginn der Kämpfe hatte sich das Blatt zuletzt zugunsten der Ukraine gewendet – auch Dank westlicher Waffenlieferungen. In immer mehr Regionen im Osten und Süden des Landes verzeichneten die Truppen von Präsident Wolodymyr Selenskyj Erfolge und drängten die russischen Soldaten zurück.

Die russische Teilmobilmachung soll nun wohl die Wende bringen. Knapp 300.000 Reservisten lässt Wladimir Putin jetzt zusammenziehen, die die Verluste an der Front ausgleichen sollen.

Teilmobilmachung in Russland: Wladimir Putin zieht Reservisten ein – Kritik von der Opposition

Die Stimmung in Moskau scheint angeheizt: Seit Wochen mehren sich die Gerüchte über einen möglichen Sturz Putins und die jetzige Teilmobilmachung der russischen Truppen könnte der Opposition weiteren Rückenwind geben und Proteste verursachen. „Tausende russische Männer – unsere Väter, Brüder und Ehemänner – werden in den Fleischwolf des Kriegs geworfen“, teilte die Oppositionsbewegung Wesna am Mittwoch, dem 21. September, mit und rief zum Protest auf. In einer Fernsehansprache hatte Putin zuvor erklärt, dass eine Teilmobilisierung notwendig sei, um „unsere Heimat und unsere Integrität zu schützen“. Putin verkündete neben der Teilmobilmachung zudem, die heimische Waffenproduktion verstärken zu wollen, und plant, notwendige Finanzmittel zur Verfügung zu stellen.

Der russische Präsident Wladimir Putin bei einer Rede an die Nation im Fernsehen
Russlands Präsident Wladimir Putin gibt die angeordnete Teilmobilmachung der russischen Truppen in einer Rede an die Nation im Fernsehen bekannt. © Russian Presidential Press Service/dpa

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte in seiner Rede, in der er die Teilmobilmachung verkündete, immer wieder betont, dass der Westen der Feind sei und die Russische Föderation zerstören wollen würde. Zugleich kündigte er an, die „Referenden“ in den besetzten Gebieten der Ukraine über einen Beitritt zu Russland zu unterstützen. Bereits 2014 hatte der Kreml so die Annexion der Krim vorangetrieben. Doch was bedeutet die Teilmobilmachung Russlands nun für den Verlauf des Ukraine-Kriegs? Experten schätzen die Auswirkungen gewaltig ein – auch für Putins innenpolitische Stabilität. Zudem sehen sie in der Anordnung ein Indiz über den Zustand der Truppe.

Bedeutung der Teilmobilmachung Russlands für Ukraine-Krieg: Putin könnte unter Druck geraten

Gegenüber dem Focus sagte Gerhard Mangott, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck: „Die russischen Truppen in der Ukraine sind offenbar so ausgedünnt, dass Putin nun keinen anderen Ausweg mehr sieht als die Teilmobilmachung anzuordnen, obgleich er das lange Zeit nicht wollte.“ Die Gefahr für den Kremlchef: Die oppositionellen Lager in Russland könnten die Teilmobilmachung nutzen, um Putin innenpolitisch unter Druck zu setzen. Die jetzige Verfügung betrifft nämlich gut 300.000 Reservisten und Personen, die früher dem Militär angehörten – und die jetzt auch ihren bisherigen Leben gerissen und an die Front im Ukraine-Krieg geschickt werden.

Was ist Imperialismus?

Seit einiger Zeit wird Wladimir Putin vorgeworfen, im Sonne des Imperialismus zu handeln. Doch was bedeutet das genau? Imperialismus heißt, dass ein Staat danach strebt, seine Macht über die Landesgrenze hinaus auszuweiten. Dabei gibt es unterschiedliche Möglichkeiten: Andere Länder können politisch, wirtschaftlich, kulturell abhängig gemacht werden. Ziel ist es stets, das andere Land zu unterwerfen und in den eigenen Machtbereich einzugliedern.

Zwar betonte Putin, dass die Reservisten im Rahmen der Teilmobilmachung eine erneute Einweisung in den Kriegsdienst erhalten sollen und eingesetzt werden, um „russische Gebiete zu verteidigen“, doch schlussendlich rückt der Krieg in der Ukraine damit viel stärker in das Bewusstsein der Russen. Putin gefährdet mit dem jetzigen Vorgehen seine eigene Propaganda, die ursprünglich den Krieg in der Ukraine als „Spezialoperation“ bezeichnete.

Keine Generalmobilmachung: Putin bringt Teilmobilmachung Russlands auf den Weg – Stimmung in Russlands könnte kippen

Gegenüber dem Stern berichtet ein Korrespondent, dass die Teilmobilmachung nicht unerwartet kam und nun vorrangig dazu dienen soll, Verluste an der Front auszugleichen. Dies war bisher nicht möglich gewesen: In den vergangenen Monaten hatte Putin unter anderem ersucht, Minderheiten und Straftäter zum Frontdienst zu verpflichten – mit wenig Erfolg. Bewusst sprach Putin derweil von einer Teilmobilmachung und vermied das Wort „Generalmobilmachung“. Letztes würde im Kreml einem politischen Selbstmord gleichkommen, doch auch die jetzige Situation könnte sich für den russischen Präsidenten als gefährlich erweisen.

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Der Krieg der Ukraine ist damit auch in Russland real und könnte auf lange Sicht dafür sorgen, dass das russische Volk flächendeckend gegen seine Regierung aufbegehrt – auch Widerstand gegen Putin wäre möglich. Und das hat einen Grund: Die 300.000 Reservisten, die jetzt bei der Teilmobilmachung mobilisiert werden sollen, könnten nur der Anfang sein. Insgesamt könnten bis zu 25 Millionen Russen mobilisiert werden. Nach Einschätzung russischer Journalisten würde sich allmählich Panik im Land ausbreiten. Denn in den Kriegseinsatz wollen die wenigsten.

Ukraine News: Wladimir Putin „blufft“ nicht im Ukraine-Krieg – Teilmobilmachung könnte Wende bringen

Er bluffe nicht, machte Wladimir Putin in seiner Rede am Mittwoch, 21. September 2022, deutlich. Welche Auswirkungen diese Aussage haben könnte, ist derzeit äußerst spekulativ. Allerdings deutet dies an, dass der Ukraine-Krieg jetzt vor einer Wende steht und ein Ende der Kämpfe noch lange nicht in Sicht ist. Dass Wladimir Putin vor nichts zurückschrecken wird, war schon länger bekannt, doch nun scheint auch ein taktischer Einsatz von Atomwaffen realistischer als zuvor.

Was bedeutet Teilmobilmachung?

Generalmobilmachung, Mobilmachung oder Teilmobilmachung sind militärische Fachbegriffe, die umschreiben, dass im Kriegsfall auch nicht aktive Truppenteile des Militärs zum Kriegsdienst einberufen werden. In vielen Nationen gibt es eine große Zahl an Reservisten, die einen Militärdienst abgeleistet haben und teilweise über Kampferfahrung verfügen. Eine Mobilmachung kann in der Regel offen oder verdeckt erfolgen. Bei einer sogenannten Teilmobilmachung werden nur ausgewählte Teile der Luftwaffe, der Marine und der Bodentruppen verstärkt.

Wie ernst es Putin mit der Teilmobilmachung Russland meint, zeigt sich auch an einem Beschluss des russischen Unterhauses am vergangenen Dienstag: Die Gesetze gegen das Desertieren, die Aufgabe oder Plünderung durch russische Soldaten wurden nochmals verschärft und Soldaten, die den Kampfeinsatz verweigern, könnte eine zehnjährige Haftstrafe drohen. Da im Zuge der Teilmobilmachung alle Reservisten nun wieder den Status eines aktiven Soldaten innehaben, gelten auch für sie die neuen Regelungen.

Teilmobilmachung Russlands als letzte Möglichkeit für Putin: neue Bedrohung für den Westen

Dass Wladimir Putin und das russische Verteidigungsministerium nun den Schritt der Teilmobilmachung Russlands wählten, war wohl die letzte Möglichkeit für den Kreml und könnte zeigen, wie dramatisch die Situation für Russland tatsächlich ist. Angesichts der Erfolge des ukrainischen Militärs im Ukraine-Krieg schreckte die russische Führung auch nicht davor zurück, zu betonen, dass jetzt alle Streitkräfte Russlands einsatzbereit seien – auch die Atomstreitkräfte.

Mutmaßlich wird versucht, auf die vermeintliche Bedrohung durch den Westen zu reagieren und mit dem eigenen Atomwaffenarsenal sowie der Aufstockung der Kampftruppen als Teil der psychologischen Kriegsführung ein verschärftes Bedrohungsszenario zu schaffen.

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