Kommentar

Wahl 2021: Baerbocks Grüne auf Normalmaß gestutzt?

Annalena Baerbock wollte Kanzlerin werden. Doch sie ist bei der Wahl gescheitert. An sich selbst. Aber nicht nur. Die Deutschen sind nicht so weit. Ein Kommentar.

Berlin – Die Vorzeichen standen fantastisch. Doch manch einen beschlichen ernste Zweifel. „Gegenwärtig kommen Sie mir mit Ihren Umfragen wie ein wunderbar anzuschauendes Soufflé im Ofen vor“, sagte der Außenminister kurz vor der Bundestagswahl. Doch man werde schon noch sehen, was da von der Größe am Ende übrig bleibe, wenn die Wählerinnen und Wähler am Wahltag hineinpieksen würden. “Da bin ich sehr gespannt”, fügte er hinzu. Sollte heißen: Nichts als heiße Luft.

Deutsche Politikerin:Annalena Baerbock (Grüne)
Alter:40 Jahre
Privat:verheiratet, zwei Kinder
Aktuelles Amt:Parteivorsitzende

Wer das gesagt hat: Joschka Fischer (Grüne). Und zwar im Sommer 2005. Über wen? Eine gewisse Dr. Angela Merkel – eben jene Frau, die nur drei Wochen später doch noch knapp Bundeskanzlerin wurde. So kann man sich irren. 

Bundestagswahl 2021: Annalena Baerbock (Grüne) bleiben drittstärkste Kraft

Für die Grünen begann eine lange Durststrecke. 16 Jahre durften die Grünen Merkel von der Oppositionsbank zuschauen. Annalena Baerbock wollte das jetzt ändern. Und zwar radikal. Sie trat an, um Merkel als Kanzlerin direkt zu beerben. Doch das Ergebnis ist bekannt: Die Grünen kamen am Sonntag nicht über den Status der drittstärksten Kraft heraus. 

Wollte Bundeskanzlerin bei der Bundestagswahl werden: Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Grüne).

Mission also krachend gescheitert? Ja und nein. Tatsächlich haben die Grünen eine historische Chance auf einen enormen Machtzuwachs verspielt. Dem kurzen Höhenflug, der die Grünen mit der Nominierung Baerbocks* kurzzeitig begleitete und sie alle von einem grünen Kanzleramt träumen ließ, wohnte allerdings schon immer ein gewisser Argwohn inne. 

Ob mit Renate Künast in Berlin oder Katharina Fegebank in Hamburg – stets war der Traum vom höchsten Regierungsamt größer als die reale Wähler-Unterstützung. Doch tatsächlich standen dieses Mal die Vorzeichen für einen grünen Erfolg besser denn je. Es gab mit Merkels Rückzug keinen Amtsbonus, den ein Herausforderer ausspielen konnte. Und es gab nur ein wirkliches Thema, das neben dem Personen- und Koalitionsstreit den Wahlkampf wirklich dominierte: die drohende Klima-Katastrophe

Wahl 2021: Bündnis90/Die Grünen haben zu wenig aus dem Klimaschutz-Thema gemacht

Von dem Ur-Thema der Grünen leitet sich in den kommenden Jahren die gesamte Politik ab: Umweltschutz, aber auch wirtschaftlicher Umbau, soziale Folgen, einfach alles. Doch die Grünen haben daraus zu wenig gemacht. Selbst als die Flut-Katastrophe über das Land hereinbrach, vermochten es Baerbock, ihr Co-Chef Robert Habeck, der lange um sein Direktmandat bangen musste, und alle anderen nicht, daraus so wirklich Kapital zu schlagen. 

Klar, dass die Spitzenkandidatin mit einem geschönten Lebenslauf und einem abgeschriebenen Buch von sich reden machte und die Debatte darüber mit immer neuen Entschuldigungen selber ungeschickt am Kochen hielt, war wenig hilfreich. Da hätte sich Baerbock was von Scholz abschauen können. Teflon-Olaf, ebenfalls reich an Skandalen wie Wirecard, Warburg-Bank oder FIU-Razzia, machte einfach nur eines: schweigen. Und es funktionierte.

Grüne: Aufstellung einer Kanzlerkandidatin war richtig und mutig

Doch es liegt nicht nur an Baerbocks Patzern. Zur Wahrheit gehört auch, dass die Deutschen vielleicht noch nicht bereit sind für eine grüne Kanzlerin. Klimaschutz ist ihnen wichtig, aber nicht um jeden (Benzin-)Preis. Die Katastrophe hatten sie einmal kurz vor Augen, aber es reichte nicht, um den ehrgeizigen Plänen der Grünen Vertrauen zu schenken. 

Dennoch war es richtig und mutig, dass die Grünen eine eigene Kandidatin aufgestellt haben. Denn angesichts der drohenden Klimakrise müssen die Grünen einen Machtanspruch stellen. Und ganz unbedeutend sind sie ja nicht.

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Gemessen an ihren Zielen, mag man einerseits den Wahlausgang als Scheitern begreifen. Doch andererseits sieht man auch, dass sich die Grünen in Deutschland als stärker werdende Kraft etablieren. Dafür muss man nur einen Blick zurückwerfen. Immerhin haben sie ihren Stimmenanteil mittlerweile verdoppelt. Seit wann? Seit 2005. Nicht jedes Soufflé fällt automatisch in sich zusammen. Manchmal hilft Ruhe und Gelassenheit.

Wahl 2021: Alle News und Reaktionen zur Bundestagswahl und zur Kommunalwahl in Niedersachsen

Am Sonntag, 26. September 2021 berichtet kreiszeitung.de mit einem Live-Ticker laufend aktuell von allen Ergebnissen der Bundestagswahl 2021, außerdem gibt es detaillierte Ergebnisse und gewählte Direktkandidaten aus Niedersachsen, Bremen und Hamburg. Spannend wird es auch bei der Stichwahl zur Kommunalwahl in Niedersachsen. Und hautnah bei der Wahl 2021 ist man beim etwas anderen Live-Ticker zur Bundestagswahl 2021 dabei, der die besten Reaktionen von Twitter einfängt. * kreiszeitung.de und 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Jan Woitas/dpa

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