Afghanistan

Vorrang für Töchter: Flucht vor Taliban zerreißt die Familien

Töchter ja, Söhne nein: Bei der Rettung der Ortskräfte aus Afghanistan gelten Vorschriften. Denn nicht immer kann die ganze Familie mit. Die Kritik daran wird lauter.

Kabul/Hannover – Für viele Afghaninnen und Afghanen geht es ums Überleben: Nach der Machtübernahme der Taliban läuft die Evakuierungsmission für die deutschen Ortskräfte auf Hochtouren. Doch die Angst, dass am Ende nicht alle Menschen gerettet werden können, ist groß. So warf die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl der Bundesregierung ein Totalversagen vor. Die Koalition habe seit Ende April viele Lösungsvorschläge ignoriert, deshalb säßen „die Schutzbedürftigen in der Falle“, wetterte Geschäftsführer Günter Burkhardt.

Land am Hindukusch:Afghanistan
Fläche:652.864 km²
Lage:Asien
Bevölkerung:38,04 Millionen (2019)

Trotz der dramatischen Lage in Afghanistan brachte die Bundeswehr nach Angaben des Verteidigungsministeriums bis Freitagnachmittag insgesamt 1700 Menschen von Kabul aus in Sicherheit. Erstmals brachte sie dabei auch Menschen direkt nach Deutschland zurück. Am Freitagmittag landete in Hannover ein aus der usbekischen Hauptstadt Taschkent kommender Airbus A310-MRTT.

Lage in Afghanistan: Bundeswehr bringt erste Ortskräfte nach Niedersachsen

An Bord waren laut niedersächsischem Innenministerium 158 afghanische Ortskräfte und Familienangehörige, darunter 30 bis 40 Kinder, die teilweise ohne Begleitung von Erwachsenen waren. Am Abend wurde ein weiteres Flugzeug mit 250 Menschen in der niedersächsischen Landeshauptstadt erwartet. Insgesamt plant Niedersachsen die Aufnahme von 400 Flüchtlingen.

Rettung vor den Taliban: Eine Mutter mit zwei Kindern hat es zum Flughafen in Kabul geschafft.

Wer es nach welcher Logik in die Flugzeuge schafft, ist längst nicht klar. Offiziell hat die Bundesregierung allen Ortskräften, die die deutsche Afghanistan-Mission in den vergangenen 20 Jahren unterstützt haben, die Ausreise nach Deutschland zugesichert. Sie sollen dabei auch ihre Familien mitnehmen dürfen. Doch wer gehört überhaupt dazu?

Ein Schreiben der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) an ihre eigenen Ortskräfte sorgt jetzt für Furore. Denn laut dem Papier, über das der Spiegel berichtet hat, gehört zu der „Kernfamilie“: ein Partner (Ehemann/Ehefrau) und Kinder unter 18 Jahren. Und weiter: „Zusätzlich werden unverheiratete Töchter über 18 Jahren ebenfalls zur Kernfamilie gezählt.“ Sonst keiner, sprich: der 19-jährige Sohn muss in Afghanistan bleiben.

Flucht vor Taliban: Babys und Kinder unter 18 Jahren dürfen die Ortskräfte mitnehmen

Töchter ja, Söhne nein? Für die erwachsenen Männer ist das ein sicheres Todesurteil. Das sei der „absolute Wahnsinn“, beschwerte sich eine betroffene Ortskraft in dem Nachrichtenmagazin. Zwar versprechen die neuen Taliban-Machthaber in offiziellen Stellungnahmen den früheren Mitarbeitern westlicher Organisationen eine Amnestie. Doch das dürfte nur vorgeschoben sein. Berichte, wonach die Milizen bereits mit Todeslisten gezielte Jagd auf die Ortskräfte machen und deren Häuser durchkämmen, mehren sich von Tag zu Tag.

Menschenrechtsorganisationen, Soldatenverbände und linke Parteien hatten seit Monaten vor den Gefahren gewarnt und mit dem Abzug der westlichen Nato-Truppen auf ein geordnetes Asylverfahren gedrängt – jedoch vergeblich, weshalb besonders Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) in der Kritik steht. Denn jetzt ist das Chaos perfekt.

Chaos am Flughafen: Bundeswehr entsendet KSK mit Hubschrauber für Spezialmissionen

Von Stunde zu Stunde wird es schwerer, die Ortskräfte aus dem Bürgerkriegsland herauszuholen. Bundeswehroffiziere haben bereits gewarnt, dass sich am Flughafen Kabul das Zeitfenster für die Evakuierungsmission auch schnell wieder schließen könnte. So kommen immer weniger Menschen überhaupt zu dem Airport durch, weil die Taliban überall im Land Straßensperren und Kontrollpunkte eingerichtet haben. Einige Nato-Staaten wie Frankreich operieren bereits mit Spezialeinheiten. Auch die Bundeswehr hat offenbar das Kommando Spezialkräfte (KSK) inklusive Hubschrauber für gezielte Befreiungsaktionen nach Kabul verlegt.

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Dennoch wird die Bundesregierung nicht müde zu betonen: Wir holen alle raus. Den Angaben zufolge hat man bis zu 3000 Ortskräfte identifiziert, plus ihre Familienangehörigen. Man rechne insgesamt mit bis zu 10.000 Personen, teilte das Bundesinnenministerium mit. Man stehe in der „Pflicht“, diesen Menschen die Ausreise zu ermöglichen, mahnte CDU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus am Freitag noch. „Bei der Rettung von Menschenleben dürfen wir nicht dogmatisch sein“, fügte er noch hinzu.

Doch genau das bezweifeln mittlerweile viele Beobachter. So kritisierte Grünen-Politiker Cem Özdemir das Verhalten der Bundesregierung. So würden weiterhin Hürden aufgebaut, sagte er dem Spiegel mit Blick auf das GIZ-Schreiben. Familien gehörten zusammen, besonders in Zeiten der Not. „Wer Familien trennt, handelt in so einer Situation unmenschlich.“ * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/U.S. Marine Corps/AP/Cpl. Davis Harris

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