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Ukraine-Krieg: Volle Offensive – der „Eiserne General“ lässt Putins Armee verzweifeln

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Von: Jens Kiffmeier

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Cherson, Charkow, Lyman: Aktuell drängt die ukrainische Armee die russische Offensive weit zurück. Als Kopf des Erfolges gilt General Walerij Saluschnyj. Wer ist er?

Kiew – Ein Dorf nach dem anderen fällt im Ukraine-Krieg zurück an die Besitzer: Mit gewaltigen Fortschritten jagt die ukrainische Armee aktuell in weiten Teilen des Donbass die russischen Invasoren davon. Nach Erfolgen in den Regionen um Cherson und Charkow ist am Mittwoch die Gegenoffensive auch rund um Lyman weiter vorangekommen. Als militärischer Kopf der Operationen gilt dabei vor allem einer: Walerij Saluschnyj. Der Oberbefehlshaber der Ukraine hat in seinem Land bereits jetzt einen Heldenstatus erreicht. Doch wer ist er, den alle nur den „Eisernen General“ nennen? Und wie funktioniert seine Strategie an der Front gegen einen vermeintlich übermächtigen Gegner?

Ukraine-Krieg: Offensive von Russland gerät aktuell ins Stocken – auch wegen General Walerij Saluschnyj

Walerij Saluschnyj dient seit 24 Jahren in der ukrainischen Armee. Aber erst seit Juli 2021, also wenige Monate vor Beginn des Ukraine-Krieges, trägt der 49-Jährige das Oberkommando – und das offenbar mit Erfolg. Denn bereits mehrfach zwang der „Eiserne General“ den russischen Präsidenten Wladimir Putin dazu, seine Kriegsziele zu ändern. Nach dem missglückten Sturm auf Kiew konzentrierten sich Russlands Truppen auf die Eroberung und Annexion der Ostukraine. Aber nach schnellen Geländegewinnen startete die Ukraine ihre Gegenoffensive und holt sich nun breite Landstriche zurück, während Putins Truppen gegen das Ende kämpfen.

Cherson, Charkow, Lyman oder Swatowe: Karte zeigt den Vormarsch der Ukraine im Krieg gegen Russland

Nach der Rückeroberung von den Regionen rund um Cherson und Charkow dringen die ukrainischen Truppen aktuell weit bei Lyman vor. Allein in der Nacht auf Mittwoch, dem 5. Oktober, sollen mehr als 20 Dörfer befreit worden seien. Nach Erkenntnissen des britischen Geheimdienstes sollen auch Einheiten in der nordöstlichen Region Charkiw bis zu 20 Kilometer weit hinter den Fluss Oskil vorgedrungen seien – und damit weit hinter die russischen Verteidigungslinien. Damit nähert sich die ukrainische Armee der Stadt Swatowe, die ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für Russland ist.

Ukraine-Krieg: Neben deutschen Raketenwerfern und Panzern verhilft die Taktik von Saluschnyj in der Offensive

Bis vor wenigen Monaten haben nur wenige Militärbeobachter diesen Vormarsch für möglich gehalten. Doch die Lieferung westlicher Präzisionswaffensysteme haben die Ukraine in eine neue Lage versetzt. Insbesondere deutsche Raketenwerfer und der Gepard-Panzer gelten als Gamechanger. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn hinzu kommt auch viel taktisches Geschick und vorausschauende Planung von Saluschnyj.

Der ukrainische General Walerij Saluschnyj hält eine Ansprache
Ukraine-Krieg: General Walerij Saluschnyj und die ukrainische Armee drängen die russische Offensive weit zurück. © Yuliia Ovsiannikova/imago

Bereits kurz nach seinem Amtsantritt als neuer Oberbefehlshaber hatte Saluschnyj im Sommer 2021 vor der Möglichkeit eines russischen Angriffes gewarnt – weit vor vielen anderen. Zugleich verordnete er seiner Armee ein neues Denken: Man müsse die Dinge wie die Nato angehen, soll der General laut dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) in seiner Antrittsrede gesagt haben.

Im Ukraine-Krieg agiert der „Eiserne General“ mit kleinen Einheiten auf die Offensive von Russland

Den Worten ließ er dabei offenbar Taten folgen: Im Gegensatz zu Russland und ihrer sowjetischen Tradition operiert die Ukraine mit kleinen, beweglichen Einheiten, die im Feld eine hohe eigene Entscheidungsbefugnis haben. So stellte Saluschnyj sicher, dass die Kommandeure an der Front selber entscheiden, wann sie angreifen und wann der Rückzug geboten ist. Während Putin das Aufgeben von Stellungen unter Strafe gestellt hat, gilt bei der Ukraine das Gegenteil. Die Sicherheit der Soldatinnen und Soldaten hat die höhere Priorität.

Die kleineren Einheiten sind höchst effektiv. „Wie Tentakeln schlängeln sich die ukrainischen Soldaten an unseren Verteidigungslinien vorbei und erwürgen uns anschließend von allen Seiten“, beschwert sich ein russische Militärblogger laut der Bild beim Nachrichtendienst „Telegram“. Wie das Blatt berichtet, überqueren die Spezialtrupps spielerisch unwegsames Gelände und schlagen dort zu, wo sie nicht erwartet werden. Mit den entsprechenden Informationen werden sie von westlichen Geheimdiensten versorgt. Wie die Süddeutsche Zeitung kürzlich berichtete, steht Saluschnyj im täglichen Austausch mit dem US-Generalstab.

Walerij Saluschnyj: Generalstabschef der Ukraine betreibt seit Jahren die Anbindung an die Nato

Die Westbindung des ukrainischen Militärs betreibt der „Eiserne General“ nicht erst seit wenigen Monaten. Bereits als Leiter der Gefechtsausbildung sorgte er seit 2015 vehement dafür, dass tausende ukrainische Soldaten in Nato-Trainingscamps geschult wurden. So soll Saluschnyj, der selber fließend Englisch spricht, das Training an westlichen Waffen und die Taktikschulung durch gemeinsame Übungen mit britischen und US-Einheiten seit Jahren vorangetrieben haben.

Ausbildung und Privates – wer ist Walerij Saluschnyj?

Walerij Saluschnyj stammt aus einer Militärfamilie. Schon sein Vater war Soldat. Dementsprechend war sein Weg vorgezeichnet: Saluschnyj machte seine Ausbildung in Odessa und studierte dort an der Militärakademie. Seit 24 Jahren dient er nun in der Armee. Seit 2014 kommandiert er an der Front im Ukraine-Krieg, seit Juli 2021 als Oberbefehlshaber. Privat ist wenig bekannt, nur, dass er verheiratet ist und zwei Töchter hat. Die Ältere ist auch in der Armee. Die Jüngere studiert Medizin.

Lange werkelte Saluschnyj dabei im Verborgenen. Doch seit Ausbruch des Krieges und spätestens mit Beginn der Gegenoffensive ist der 49-Jährige in seinem Land ein Volksheld. Das hat sich bis nach Washington herumgesprochen. Saluschnyj sei „der militärische Kopf, den sein Land brauchte“, sagte Mark Milley, Vorsitzender des Generalstabs der US-Streitkräfte, kürzlich laut dem RND. Dessen Taten „werden in die Geschichte eingehen“.

Wann ist der Ukraine-Krieg vorbei? Saluschnyj rechnet nicht mit einem Ende vor dem Jahr 2023

Doch Saluschnyj lässt sich von den Jubelchören nicht anstecken. Er ist Realist. Während Fachleute ein baldiges Kriegsende durchaus für möglich halten und bescheinigen, dass es für die Russen derzeit übel aussieht, mahnt der General zu Vorsicht. Dass der Krieg noch nicht vorbei ist und im Jahr 2023 weitergeht, gilt für ihn als sicher. In der Auseinandersetzung mit Russland, so beschrieb es die SZ kürzlich in einem Porträt, rechne er vielmehr mit einem jahrelangen Kampf.

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