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Russen werden zu „Orks“: Wie der Ukraine-Krieg die Sprache verändert

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Von: Felix Busjaeger

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Russische Soldaten auf einem Panzer an der Grenze zwischen Krim und der Ukraine am 27. Februar 2022. In den Medien werden Russen inzwischen als „Raschisten“ und „Orks“ bezeichnet.
Russische Soldaten auf einem Panzer an der Grenze zwischen Krim und der Ukraine am 27. Februar 2022. In den Medien werden Russen inzwischen als „Raschisten“ und „Orks“ bezeichnet. (Archivbild) © Konstantin Mihalchevskiy/imago

Der Ukraine-Krieg verändert die Sprache und macht sie zu einem Instrument der Propaganda. Selenskyj und die Medien setzen damit ein klares Zeichen.

Kiew – Propaganda ist in Kriegen seit jeher ein geschätztes Mittel der Wahl, politische Meinungen oder öffentliche Sichtweisen gezielt zu beeinflussen. Wie mächtig das gezielte Streuen von Informationen werden kann, belegen nicht nur historische Beispiele, sondern auch der Krieg in der Ukraine: Für Erstaunen sorgte im Westen die Tatsache, dass viele Russen der festen Überzeugung sind, dass Russland keinen Angriffskrieg in der Ukraine führt und Wladimir Putins Vorgehen legitim ist. Doch nicht nur Russland weiß, wie Propaganda gezielt genutzt werden kann: Auch die Regierung der Ukraine zeigt seit Ausbruch des Kriegs immer wieder, dass sie ihr Handwerk versteht.

Propaganda und Sprache im Ukraine-Krieg: Wolodymyr Selenskyj wird zum Volksheld

Das zeigte sich bereits in den ersten Kriegstagen, als sich Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, medienwirksam zwischen den Trümmern Kiews zeigte. Die Botschaft war klar: „Ich lebe und werde für mein Volk kämpfen.“ Die Wirkung wurde mitnichten verfehlt. Selenskyj gilt spätestens seit diesem Zeitpunkt als Held der Nation und seine Person hat mit großer Wahrscheinlichkeit im Kreml für viel Frust gesorgt. Die gescheiterten Anschläge auf den Präsidenten der Ukraine taten bestimmt ein Übriges. Feststeht: Putin und Selenskyj nutzen Propaganda.

Dadurch, dass Russlands Präsident Wladimir Putin, der auch als Kalter Krieger bezeichnet wird, den Angriffskrieg in der Ukraine als Befreiungsmission bezeichnete und das Nachbarland „entnazifizieren“ wollte, zeigte sich der große Einfluss der Sprache auf das Verständnis des Kriegs in der Bevölkerung. Die ukrainische Führung wählt inzwischen ein ähnliches Mittel im Kampf gegen Russland: die Macht der Sprache.

Ukraine-Krieg: Russische Soldaten werden zu „Raschisten“ und mit deutschen Nazis gleichgestellt

Wie mächtig Sprache in einem Krieg werden kann, zeigen mehrere Entwicklungen, die sich grade in der Ukraine abzeichnen. So kommt es, dass sich die Ukrainer einen neuen Wortschatz aneignen, der eine klare Haltung gegenüber Russland symbolisiert: Wie einst die deutschen Besatzungskräfte im Zweiten Weltkrieg werden russische Soldaten vielfach als Okkupanten bezeichnet. Der Grund hierfür könnte sein, dass das Ziel verfolgt wird, die russischen Besatzer als das Böse darzustellen.

Auch der Begriff der „Raschisten“, wie russische Soldaten inzwischen auch in offiziellen Nachrichten genannt werden, führt zu diesem Schluss. Das Kompositum ist eine Mischung aus „Raschja“, wie Russland auf Englisch ausgesprochen wird, und Faschist. Dass die russischen Soldaten in der Ukraine nun als „Raschisten“ betitelt werden, stellt gleichzeitig auch ein Widerspruch zu Russlands These dar, mit der der Kreml die Invasion der Ukraine begründet hat. Die anfängliche Mission Putins war es unter anderem, die Ukraine von angeblichen Faschisten zu säubern.

Selenskyj entwertet Putins Argumente: Ukrainischer Präsident ist jüdischer Abstammung

Um zu zeigen, wie falsch Wladimir Putins Propaganda und seine Begründung für den Krieg in der Ukraine sind, verwies der ukrainische Präsident kurz darauf auf die gemeinsame Vergangenheit beider Nationen und dem damaligen Konflikt mit Nazideutschland. Selenskyj selbst war zuvor von Putin als Nazi bezeichnet worden und machte in einem Interview Ende Februar klar, wie falsch diese Aussagen Putins seien: Selenskyj stammt aus einer jüdischen Familie und seine Großeltern litten im Zweiten Weltkrieg unter den deutschen Besatzern.

In einer TV-Ansprache machte er zudem an das russische Volk deutlich: „Man sagt Ihnen, wir seien Nazis. Aber kann ein Volk, das mehr als acht Millionen Menschen im Kampf gegen den Nationalsozialismus verloren hat, den Nationalsozialismus unterstützen?“ Um zu zeigen, wie viel Gemeinsamkeit zwischen Russen und Ukrainern besteht, sprach Selenskyj damals russisch – seine Muttersprache.

Russen kommen aus „Mordor“ und sind „Orks“: Ukrainische Sprache bedient sich bei „Herr der Ringe“

Um im Krieg in der Ukraine aber deutlich erkennbar zu machen, dass Russland das Böse ist, ist man in der Ukraine inzwischen dazu übergegangen, die eigenen Soldaten als „Kämpfer des Guten“ zu bezeichnen. Das berichtete unter anderem die Deutsche Presse-Agentur. Die russischen Truppen kommen vermeintlich aus „Mordor“. Der Begriff aus der Fantasiewelt von J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“ ist quasi die Inkarnation des Bösen: „Mordor“ ist das Reich und die Basis Saurons. Von dort aus werden die friedlichen Völker von Mittelerde überfallen und unterjocht.

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Passend dazu wurden russische Soldaten bereits vor Bekanntwerden der Taten in Butscha als „Orks“ bezeichnet – also als plündernde Banden unmenschlicher Wesen und willige Vollstrecker des Bösen. Mit Verwendung dieser Worte wird versucht, das öffentliche Bild über russische Soldaten gezielt zu lenken. Dass ein solches Vorgehen erfolgversprechend sein kann, beweist die Gegenseite seit Jahren: Mit selektiven und verhüllenden Information sowie einem gezielten Sprachgebrauch gelingt es Putin, die öffentliche Meinung zu manipulieren und öffentliche Kritik gegen sich im Keim zu ersticken.

Propaganda in ukrainischen Medien: Putin wird nur noch kleingeschrieben

Anders als in der Ukraine kommt es in Russland auch immer wieder zu einer Umdeutung der Realität. Dabei wird gezielt der Sprachgebrauch manipuliert und versucht, mit Euphemismen, also Beschönigungen, einen wahren Sachverhalt zu verschleiern. In den russischen Nachrichten, die einen großen Teil über Putin berichten und so quasi einen Personenkult geschaffen haben, wurde in der Vergangenheit deshalb etwa nicht von einer schrumpfenden Wirtschaft berichtet, sondern von negativem Wachstum gesprochen.

Im Ukraine-Krieg ist Wladimir Putin inzwischen zu einem Symbol der Missachtung geworden, was dazu führt, dass viele ukrainische Medien dazu übergegangen sind, seinen Familiennamen nur noch in kleinen Anfangsbuchstaben zu schreiben: putin. Auch Russland bekommt häufig nur noch ein kleines r. (Mit Material der dpa) * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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