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100 Tage Ukraine-Krieg – Eine Bilanz des Grauens

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Von: Tobias Utz

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Russland und die Ukraine liefern sich weiterhin erbitterte Kämpfe: die Bilanz am 100. Kriegstag.

Kiew/Moskau – Vor exakt 100 Tagen erteilte Wladimir Putin zwischen 150.000 und 200.000 Soldaten den Befehl, die Grenzen zur Ukraine zu passieren. Seitdem tobt ein brutaler Krieg im russischen Nachbarland. Die Not ist groß, Hunger und Elend dominieren zahlreiche Landstriche.

Die NGO „Human Rights Watch“ spricht davon, dass unter russischer Besatzung Folter und Exekutionen auf der Tagesordnung stehen – Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Das berichtet fr.de.

100 Tage Ukraine-Krieg – massenhaft Tote und Verletzte

Die Frage, wie viele Menschen aus der Zivilbevölkerung tatsächlich im Ukraine-Krieg getötet oder verletzt wurden, lässt sich bislang nicht final beantworten. Es gibt lediglich Schätzungen dazu. Immer wieder kursieren Meldungen zu Bombardierungen von Wohnsiedlungen und Ballungsräumen, meist ausgeführt durch die russische Armee. Bekannte Beispiele dafür sind die Städte Mariupol oder Charkiw. Videoaufnahmen zeigen in großem Ausmaß zerstörte Gebäude. Hinzu kommen die Gräueltaten russischer Soldaten rund um die Hauptstadt Kiew, beispielsweise in Butscha.

Gräueltaten in Butscha
Zerstörte Panzer der russischen Armee in Butscha, einem Vorort von Kiew. © Aris Messinis / AFP

Im Vergleich zu Verletzten- und Todeszahlen ist die Datenlage bei flüchtenden Menschen sehr viel besser. Das UN-Kommissariat zu Flüchtenden spricht von mehr als 4,7 Millionen Menschen aus der Ukraine, die bereits in zahlreichen europäischen Ländern registriert wurden. 2,9 davon wurden bereits in entsprechende Schutzprogramme der EU aufgenommen.

100 Tage Ukraine-Krieg – Russland erleidet schwere Verluste

Die Invasion kostet Russland bislang enorme Ressourcen, materiell und personell. Der ukrainische Generalstab geht mittlerweile von fast 31.000 gefallenen russischen Soldaten aus. Der Kreml äußert sich dazu seit Wochen nicht. Lediglich Wladimir Putin gab in seiner Rede am 9. Mai zu, dass es Verluste gebe. Im April war aus Moskau zu hören, dass rund 2000 Streitkräfte gefallen seien.

Auf ukrainischer Seite ist die Datenlage noch schlechter: Weder Präsident Selenskyj noch das ukrainische Parlament veröffentlicht regelmäßige Statistiken zu den Verlusten im Krieg. Dass es diese – genau so, wie auf russischer Seite – gibt, gilt unter internationalen Beobachtenden als sehr wahrscheinlich. Jüngstes Beispiel sind die blutigen Straßenkämpfe in Sjewjerodonezk im Donbass, wo beide Armeen unmittelbar aufeinander treffen.

100 Tage Ukraine-Krieg: Mögliche Verläufe des Konflikts

Die ukrainische Regierung sprach kürzlich davon, dass sich der Ukraine-Krieg mittlerweile in „Phase drei“ befinde. Russland versuche nach „Phase eins“, dem gescheiterten Angriff auf die Hauptstadt Kiew, und „Phase zwei“, der stark verlangsamten Großoffensive im Donbass, mittlerweile lediglich bereits gewonnene Gebiete zu sichern beziehungsweise zu verteidigen.

Hinweis der Redaktion

Die Konfliktparteien sind teilweise Quelle der Informationen. Angaben zu Opferzahlen oder dem Kriegsverlauf können nicht unmittelbar unabhängig geprüft werden.

Diese Theorie stützt die jüngste Einschätzung des britischen Verteidigungsministeriums, wonach Russland in großen Teilen der Ukraine in die Defensive gedrängt worden sei. Lediglich im Oblast Luhansk behalte die russische Armee die Oberhand und kontrolliere 90 Prozent des Gebiets, hieß es.

Den ukrainischen Streitkräften gelingen immer wieder Gegenstöße, zum Beispiel im Süden des Landes. Dabei scheint das Militär auf ukrainischer Seite allerdings dringend auf weitere europäische Waffenlieferungen angewiesen zu sein. Die Forderungen nach Panzern aus Deutschland werden immer lauter.

100 Tage Ukraine-Krieg: Putins Visionen

Putin schwelgt offenbar immer noch in Visionen, wonach Russland territorial weiter wachsen könnte: Der russische Präsident erwägt deshalb wohl einen zweiten Angriff auf Kiew, wie Quellen aus dem Kreml kürzlich berichteten. Eine komplette Einnahme der Ukraine, welche Putin zu Invasionsbeginn in 15 Tagen erreichen wollte (womit er bekanntermaßen scheiterte), sei weiterhin ein realistisches Szenario, hieß es: Im Kreml gebe es weiterhin die Hoffnung, „dass ein umfassender Sieg in der Ukraine vor Ende des Jahres möglich“ sei.

Die ukrainischen Behörden rufen derweil angesichts des 100. Kriegstages zum Durchhalten auf. Die Armee kämpfe um „jeden Meter“, erklärte beispielsweise Serhij Gajdaj, Regionalgouverneur von Luhansk, am Freitagmorgen auf Telegram.

Wolodymyr Selenskyj machte bereits Ende Mai klar, dass Gebietsabtritte an Russland keine Optionen seien. „Die Ukraine kämpft, bis sie ihr gesamtes Territorium zurück hat“, sagte er damals bei einer Live-Schalte auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Besetzte Gebiete aufzugeben, um Frieden zu ermöglichen, sei nicht die Strategie der Ukraine. Der Westen müsse akzeptieren, dass das ultimative Ziel ein Sieg der Ukraine sein müsse, ergänzte Dmytro Kuleba, Außenminister des Landes. Selenskyj betonte in diesem Zusammenhang, dass er weiterhin für diplomatische Gespräche bereit sei. Seit Wochen herrscht Funkstille zwischen Moskau und Kiew. Vor wenigen Tagen schloss Dmitri Peskow, Sprecher im Kreml, allerdings überraschenderweise Gespräche zwischen Putin und Selenskyj nicht mehr aus. Diese müssten allerdings sorgfältig vorbereitet werden, hieß es.

Wie sich der Ukraine-Krieg militärisch und diplomatisch weiterentwickelt, erfahren Sie im News-Ticker. (tu)

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